über Jörg Heuer
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KONTAKT Jörg Heuer Hamburg Tel. 0151 – 1428 0596 Mail: jaheuer@aol.com Mail: mail@joergheuer.com
WERDEGANG Jahrgang 1964 Studium Theaterwissenschaften und Germanistik, Freie Universität Berlin
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FESTE STATIONEN
Tempo (Reporter, 1993 bis 1995)
Max (Autor, 2000 bis 2003)
Horizonte, Welt der Wunder, TV Hören
und Sehen (Sonderkorrespondent, 2004 bis 2005)
AUSGEWÄHLTE TV-/RADIO-REPORTAGEN
Dokumentation für ZDF/3SAT ( „Gibt es den
perfekten Einbruch?“, 30 Minuten, 2007),
D-Radio Kultur ( "Die Problemlöser - Deutsche Wirtschaftsagenten im Einsatz", 23 Minuten, 2008)
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TÄTIG FÜR
PRINT: National Geographic, Geo-Gruppe, Stern, Spiegel Spezial, Focus, Zeit-Magazin, Die Woche, Welt am Sonntag, Bild am Sonntag, Playboy, Maxim, Matador, Player, Park Avenue, Vanity Fair, Max, Amica, Cinema, Woman, Für Sie, Capital, P.M.-Magazin, Prinz, Tomorrow, Welt der Wunder, Wunderwelt Wissen, Horizonte, Deutsch Magazin, Hörzu;
sowie diverse deutsche Tageszeitungen, u.a. Stuttgarter Zeitung, Badische Zeitung, Münchener Abendzeitung, Bonner Generalanzeiger, Hamburger Abendblatt
und internationale Magazine, u.a. World Traveller Magazine (England), Semana (Kolumbien)
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PRINT (Fortsetzung):
Wienerin (Österreich), Annabelle (Schweiz), Elle (Russland), Marie Claire (Frankreich und Russland), Max (Frankreich), Maxim (Belgien und Holland), CKM (Polen und Ungarn), Wprost (Polen)
TV: ZDF/3Sat (hitec), ARTE (Geo TV), RTL (Stern TV), RTL 2 (Wunderwelt Wissen), Monacofilm (TV Produktionsfirma/Hamburg)
RADIO: Deutschlandradio Kultur, Bayerischer Rundfunk
Veröffentlichungsliste auf den folgenden Seiten - Ausgewählte Reportagen unten
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REPORTAGEN / AUSWAHL AN VERÖFFENTLICHUNGEN
1993
„Baller, Mann!“ – Tempo (Waffenhandel in Berlin, 7 Seiten)
„Dresden bebt“ – Tempo (Hausbesetzer in der Dresdener Neustadt, 6 Seiten)
1994
„Mama“ – Tempo (Erwachsene Babys, 5 Seiten)
„Der braune Sumpf“ – Tempo (Rechte an deutschen Universitäten, 5 Seiten)
„Meist hat die Liebe Hausverbot“ – Stern (Tabuthema Behinderte und Sexualität, 3 Seiten)
„Cool bleiben“ – Die Woche (Gewalttäter lernen mit ihren Aggressionen zu leben, 1 Seite)
„99 Prozent krieg ich rum“ – Die Woche (Die Treuetesterin, 1 Seite)
„Fataler Ausgang“ – Die Woche (Psychisch Kranke auf Freigang, 1 Seite)
„Schwerer Stör-Fall“ – Die Woche (26 Störe im heimischen Teich, 1 Seite)
„Schorsch, impf mir die Wolken“ – Die Woche (Gewitterwolken-Pilot, 1 Seite)
1995
„Schlüsselerlebnis“ – Playboy (Einbrecherseminar, 4 Seiten)
„Allein gegen die Paffer – Die Woche (Militante Nichtraucher, 1 Seite)
„Schalt es ab, der Glotze Licht“ – Die Woche (TV-Sucht, 1 Seite)
„Spaß muss sein“ – Die Woche (Pop-art auf dem Friedhof, 1 Seite)
„Allein mit dem Rest der Welt“ – Die Woche (Aktionskünstler Käthe B., 1 Seite)
„Ganz, ganz unten“ – Die Woche (Huren in der polnischen Grenzstadt Slubice, 1 Seite)
„Alles super“ – Die Woche (Optimistenclub Hamburg, 1 Seite)
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1995
„Krachende Kelle“ – Die Woche (Ultimate-Fighter, 1 Seite)
„Im Dorf der Bärte“ – Die Woche (Bartweltmeister im Schwarzwald, 1 Seite)
„Aus dem Leben eines Luden“ – Stern (Titelgeschichte, 7 Seiten)
„Im Gleichschritt zum guten Menschen“ – Stern (Bootcamp in den USA, 4 Seiten)
1996
„Blinde Passagiere“ – Playboy (Als Hobo mit Güterzügen durch die USA, 6 Seiten)
„Versuchstier Mensch“- Amica (Probanden für Medikamententests, 7 Seiten)
„Beruf Einbrecher“ – Max (Ein Profi-Einsteiger über seine Arbeit, 16 Seiten)
„Allein gegen die Mafia“ – Amica (Schutzgelderpressung, 5 Seiten)
1997
„Pumpguns, Pistolen, Patronen“ – Playboy (Waffenhandel in Deutschland, 8 Seiten)
„Cuba Libre“ – Playboy (Kubanische Paramilitärs von Alpha 66 in Florida, 7 Seiten)
„Ganz Ohr“ – Max (Der große Lauschangriff, 8 Seiten)
„Der Berg ruft“ – Prinz (Extremsport, der Dolomitenmann, 5 Seiten)
„Dieser Raum wird überwacht“ – Zeit Magazin (Großer Lauschangriff, 4 Seiten)
„Kohle machen ohne Ende“ – Spiegel Spezial (Jugendliche Drogendealer, 4 Seiten)
1998
„Go West“ – Playboy (Trampen durch Russland, 8 Seiten)
„Volles Rohr“ – Playboy (Fahrt mit dem U-Boot der Bundeswehr, 8 Seiten)
„Der König von St. Pauli“ – Cinema (Interview mit Regisseur Dieter Wedel, 4 Seiten)
„Leibwächterinnen“ – Max (Starke Frauen in St. Petersburg, 8 Seiten)
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1998
„Der Junge und der Stier“ – Playboy (14jähriger will in die Arena, 6 Seiten)
„Abgehoben“ – New World (Cargolifter, alternative Transportmöglichkeiten, 4 Seiten)
„Die Steuereintreiber“ – Playboy (Ex-Elitesoldeten in St. Petersburg, 6 Seiten)
1999
„Die große Verkohlung“ – Capital/Bizz (Anlagebetrug, 6 Seiten)
„Indianer“ – Max (Deutsche Auswanderer leben in Reservaten, 10 Seiten)
„Denn sie wissen, was sie tun“ – Amica (Frauen in Männerberufen, 9 Seiten)
„Himmelfahrtskommando“ – Playboy (Indianische Hochhausarbeiter in den USA, 8 Seiten)
„Alles voller Wanzen“ – Capital/Bizz (Wirtschaftsspionage, 5 Seiten)
„Kampfauftrag Kommunikation“ – Online Today (KFOR im Kosovo, 9 Seiten)
„Safari durch die Republik“ – Amica (Exotische Tiere in Wohnzimmer und Garten, 8 Seiten)
„So weit die Füße tragen“ – Amica (Ultra-Marathon in der Sahara, 10 Seiten)
2000
„Die Manndecker“ – Playboy (Bodyguardschulen in Israel und Deutschland, 8 Seiten)
„Inside Big Brother“ – Max (Titelgeschichte, 12 Seiten)
„Die Budapest Connection“ – Playboy (Menschenhandel und Falschgeld in Ungarn, 5 Seiten)
„Hightech und Spürnase“ – Tomorrow (BGS und Zoll auf Schmugglerjagd, 10 Seiten)
„Fiesta Mexicana“ – Playboy (La Carrera Panamericana Oldtimer-Rallye in Mexiko, 7 Seiten)
„Benzin im Blut“ – Amica (Sechs PS-Amazonen, 9 Seiten)
„Auf in den Kampf, Torera!“ – Max (Spanierinnen in der Stierkampfarena, 8 Seiten)
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2001
„Millionengeschäft Menschenraub“ – Max (Kolumbien, Land des Kidnappings, 8 Seiten)
„Klaurausch“ –Max (Ladendiebstahl, der Reporter hatte die Lizenz zum Stehlen, 5 Seiten)
„Der Bioschwindel“ – Max (Titelgeschichte, 14 Seiten)
„Die Deutsche Connection“ – Max (In Hamburg-Harburg wurde 9/11 vorbereitet, 4 Seiten)
„Black Block“ – Max (Unter Militanten beim G8-Gipfel in Genua, 5 Seiten)
„Tod in Genua“ – Max (Nachbetrachtung zum G8-Gipfeltreffen in Genua, 3 Seiten)
„Gottes Gesandter“ – Max (Regisseur trainiert Pastoren, 5 Seiten)
„Das ballert“ – Max (Kriegswaffensammler, 4 Seiten)
2002
„Hereinspaziert“ – MAX (Mehrmals mit Sprengstoff-Ingredienzien im Reichstag, 8 Seiten)
„Verstrahlt“ – Max (Ein Mann nahm Atommüll mit nach Hause, 4 Seiten)
„Paten der Nacht“ – Max (Schwere Berliner Jungs kämpfen gegen das Verbrechen, 8 Seiten)
„Rave on, Jesus“ – Max (Beim Jesus-Freaks Festival in Thüringen, 6 Seiten)
„Mission Sauwald“ – Max (Frauen-Einzelkämpfer-Ausbildung bei der Bundeswehr, 4 Seiten)
2003
„Wirtschaft im Visier“ – Max (Wirtschaftsspionage, 4 Seiten)
„Volkssport Doping“ – Maxim (Eine Reise durch die deutschen Muskelberge, 7 Seiten)
„Die Paten von Berlin“ – Focus (Clans von Russen, Kurden und Libanesen, 6 Seiten)
„Gangsters Paradise“ – Maxim (Auf der italienischen Sträflingsinsel Gorgona, 6 Seiten)
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2004
„Das Crack Hotel“ – Amica (Ein Bericht aus Hamburgs Hölle, 5 Seiten)
„Die Stadt der Konkubinen“ – Amica (Shenzhen ist Welthauptstadt der Zweitfrauen, 5 Seiten)
„Kleine Tiger große Drachen“ – Amica (In einer chinesischen Shaolin-Schule, 6 Seiten)
„Die jüngste Stadt der Welt“ – Horizonte (Shenzhen im Süden Chinas, 11 Seiten)
„Das geteilte Paradies“ – TV Hören und Sehen (Zypern, 4 Seiten)
„Die Nation Gottes“ – TV Hören und Sehen (USA vor der Wahl, 3 Seiten)
„Das Crack-Mädchen Melanie“ – Stern-TV Reportage (15 Minuten)
2005
„Stadt der Konkubinen“ – Welt am Sonntag (Shenzhen, unweit von Hongkong, 1 Seite)
„Grün ist die Hoffnung“ – TV Hören und Sehen (Irland, 4 Seiten)
„Das Geheimnis der Tropen“ – TV Hören und Sehen (Andamanen, 4 Seiten)
„Wunderflieger“ – TV Hören und Sehen (Mit Flugdrachen über den Mount Everest, 4 Seiten)
„Chinas neue Kaiser“ – TV Hören und Sehen (Das Luxusleben der Neureichen, 4 Seiten)
„Russlands neue Zaren“ – TV Hören und Sehen (Mächtige und Mafiosi in Moskau, 4 Seiten)
„Mit Vollgas zurück“ – Maxim (Die heißeste Nostalgie-Rallye der Welt in England, 6 Seiten)
2006
„Kung Fu“ – Geolino (Im Kloster der kämpfenden Mädchen, Titelgeschichte, 6 Seiten)
„Die Glücksritter von Kabul“ – Maxim (Deutsche Geschäftsmänner in Kabul, 6 Seiten)
„Die traurigste Stadt der Welt“ – Woman (Beslan, 2 Jahre nach dem Massaker, 4 Seiten)
„Welcome to the Jungle“ – Maxim (Pistenabenteuer in Laos, 6 Seiten)
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2006
„Die Geheimwaffen der Einbrecher“ – Welt der Wunder (Hightech-Aufsperrgeräte, 6 Seiten)
„Abfahrt in die grüne Hölle“ – Welt der Wunder (Smaragdmine in Kolumbien, 6 Seiten)
„Stechschritt und Säbeltanz“ – Deutsch Magazin (Shaolin-Schule in China, 6 Seiten)
„Bei Kellers in Kirgisistan“ – National Geographic (Das östlichste deutsche Dorf, 9 Seiten)
2007
„Die Panzerknacker“ – Matador (Die besten Profi-Einsteiger Deutschlands, 6 Seiten)
„Die Gangsterjäger“ – Maxim (Unterwegs mit deutschen Zielfahndern, 5 Seiten)
„Showtime am Altar“ – Hörzu (Kirchenleute lernen Theater, 3 Seiten)
„Der Feind hört mit“ – Matador (Ex-Agenten in der Wirtschaft, 7 Seiten)
„Unter Hochspannung“ – Hörzu (Freiluftmonteure, 3 Seiten)
„Mit Schirm, Charme und Kanone“ – Maxim (Elite-Ausbildung zum Bodyguard, 6 Seiten)
„Feuer Frei“ – Matador (Gun Nation Germany, 6 Seiten)
„Der Rubel rollt“ – Matador (Megareiche in Moskau, 7 Seiten)
2008
"Die Problemlöser" - D-Radio Kultur und BR 2 (Deutsche Wirtschaftsagenten im Einsatz, 23 und 28 Minuten)
"Der Telekomskandal" - D-Radio Kultur (Spitzelaffäre bei der Telekom, 6 Minuten)
"Grün ist die Hoffnung" - Wienerin und Für Sie (Smaragdsucherinnen in Kolumbien, 6 und 5 Seiten)
"Regina am Rande der Welt" - GEOlino (in einem deutschen Dorf in Kirgisistan, 5 Seiten)
"Im Fadenkreuz" - P.M. Magazin (Agenten machen den Reporter gläsern, ein Selbstversuch als Zielperson, 8 Seiten)
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2009
"Die geheimen Ufo-Akten" - P.M. Magazin (Titelgeschichte, neue Aliens-Dokumente aus England, 8 Seiten)
"Die geheimen Apotheken des Krieges" - Wunderwelt Wissen (Drogen und Doping bei der US-Army, 6 Seiten)
"Hausbesuch bei der Mafia" - Wunderwelt Wissen (Zu Besuch bei Kolumbiens Smaragdkönig Victor Carranza, 10 Seiten)
"Volle Kontrolle" - Hamburger Abendblatt (Methoden und Techniken des Lausch - und Spähangriffs, Seite 3)
"Selbst das kleinste Kaliber verheißt große Macht" - Stuttgarter Zeitung (Recherchen im Reich der Waffen, 1 Seite)
"Ich wusste genau: Jetzt sterbe ich" - Maxim (Fünf Männer, die dem Tod ins Augen sahen, 8 Seiten)
"Weltmeister über den Wolken" - Wunderwelt Wissen (Report über die Antonow 124, das größte Transportflugzeug der Welt, 8 Seiten)
"Der Pate des grünen Goldes" - Hamburger Abendblatt / Journal (Titelgeschichte, Kolumbiens Smaragdzar Victor Carranza, 5 Seiten)
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Ich wusste genau: Jetzt sterbe ich / Maxim (8 Seiten) / 2009
Ich wusste genau: Jetzt sterbe ich
Sie überlebten einen Flugzeugabsturz oder eine Explosion. Aber wie lebt man weiter? Gespräche mit fünf Männern, die dem Tod ins Auge sahen.
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Fotos: Erik Weiss |
TIMO GLOCK, 27, RENNFAHRER
MIT TEMPO 200 GEGEN DIE WAND
Bis zu diesem Tag, dem 20. Juli 2008, verlief meine erste Formel-1-Saison ziemlich rasant. Ich war auf gutem Weg, mein selbst gestecktes Ziel zu erreichen: die Top Ten der Fahrerwertung. Und auf das Rennen auf meiner Hausstrecke in Hockenheim hatte ich mich besonders gefreut. Ich war motiviert bis in die Zehenspitzen. "Dies ist mein Tag", wusste ich, "mein Rennen, meine Show, da gibt’s gar nichts!" 120 000 Zuschauer waren an der Strecke, unter ihnen mein Vater, meine Freundin und alle meine Kumpels. Meine Mutter, die immer sorgenvoll sagt, "Junge, fahr nur nicht so schnell!", war zu Hause geblieben und saß gemeinsam mit gut fünf Millionen Menschen in Deutschland vor dem Fernseher.
Das Rennen lief gut für mich. Ich lag an achter Position und wollte weiter nach vorn, so richtig fett in die Wertungspunkte kommen. Da hast du den totalen Tunnelblick, nur die Rennwagen
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vor dir im Visier. Alles andere ist ausgeblendet, du bist hoch konzentriert und bis unter die Haarwurzeln mit Adrenalin vollgepumpt. Formel 1 - das ist für mich wie Kampfsport. Dann kam die 35. Runde. Ich hatte gerade den Boxenstopp hinter mir und hatte gut zurück ins Rennen gefunden. Plötzlich, etwa bei Tempo 200, eingangs der Start-Ziel-Geraden, brach mein Wagen aus. Er geriet auf die Randsteine, er drehte sich. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. "Ach du Scheiße", schoss es mir durch den Kopf, "Fahrfehler! Wie peinlich. Gerade hier, auf meiner Hausstrecke." Später stellte sich heraus, dass eine gebrochene Spurstange schuld war. Mir war sofort klar: Aus, vorbei, dieses Rennen ist für mich zu Ende. Wenn ich Glück hatte! Denn plötzlich war ich nicht mehr Fahrer, ich war nur noch Passagier im eigenen Auto. Es wurde echt ungemütlich im Cockpit. Ich konnte auf gar nichts mehr Einfluss nehmen. Ich klammerte mich am Lenkrad fest, riss die Augen auf, spannte die Muskeln und hielt den Atem an. Ich schoss rückwärts frontal auf die Begrenzungsmauer zu. Das war eine massive Mauer, breit und bedrohlich, keine "weiche" Sicherheitssperre. Ich konnte nichts tun, gar nichts - außer auf den Knall zu warten und auf die Sicherheitstechnik in meinem Cockpit zu vertrauen.
Normalerweise hast du hinter dir nur den Motorblock und das Getriebe, die keinerlei Aufprallenergie abfangen können - doch mein Toyota war nach den neuesten Rennstandards auch mit einem Heckschutz ausgestattet, der die Energie vom Fahrer wegleitet. Die paar Sekunden bis zum Crash - es waren knapp vier -
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kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Es waren mit Sicherheit die längsten Sekunden meines Lebens. Aber gleichzeitig war ich mir irgendwie sicher: Du bist noch nicht dran - diesen Crash wirst du überleben.
Mein Toyota schob sich an der Mauer wie eine Ziehharmonika zusammen. Ich spürte die Mauer schon an meinem Rücken - es war ein heftiger Schlag. Kurz vor meinem Rennsitz machte sie halt. Trotzdem fürchtete ich, dass meine Wirbelsäule etwas abbekommen hatte. Ein Rennfahrer mit kaputtem Rücken -das macht sich gar nicht gut. Aber die Gefahr war noch nicht vorüber. Das zusammengefaltete Wrack löste sich von der Mauer und schleuderte zurück auf die Piste. Ich fürchtete, dass die anderen Wagen, die im Rennen hinter mir lagen, in mich reindonnern würden. Mein Kopf wurde plötzlich ganz klar. Ich wusste: Ich muss kämpfen und versuchen zu lenken. Irgendwie schaffte ich es, mit dem völlig zerstörten Fahrzeug gerade noch Nick Heidfeld auszuweichen. Dann blieb ich endlich im sicheren Kiesbett liegen. Der Spuk war vorbei. Weitere Rennwagen jagten an mir vorüber, doch ich hörte nichts. Um mich war absolute Stille. Meine volle Konzentration war auf mich selbst gerichtet: Ich checkte, ob die Extremitäten noch funktionierten, und versuchte, Hände und Füße zu bewegen. Sie waren okay. Dann half ein Streckenposten mir, aus dem Wrack zu steigen, ich ging ein paar Schritte, setzte mich auf einen Campingstuhl, der da herumstand, guckte zum Himmel hoch und dachte nur: Gott, mach, dass mit den Lendenwirbeln nichts ist! Dann war auch schon der Arzt da. Ein Rettungswagen brachte mich ins Medical Center. Dort wurde ich sofort untersucht, und die |
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Ärzte stellten fest: Alles heil geblieben. Trotzdem behielten sie mich die Nacht über zur Beobachtung da.
Am Abend zeigten sie meinen Horrorcrash in den Nachrichten. Ich aß gerade Nudeln, meine Freundin saß bei mir am Bett. Sie hatte Tränen in den Augen und konnte gar nicht hingucken. Ehrlich gesagt: Erst beim Anblick dieser Bilder realisierte ich, was für ein Wunder es war, dass ich praktisch ohne Kratzer davongekommen war. Wenige Tage später saß ich schon wieder zu Testfahrten im Boliden. Bedenken hatte ich keine - ich vertraue meinem Team. Beim nächsten Rennen in Budapest wurde ich Zweiter. Das war dann auch meine beste Platzierung der letzten Saison, in der ich schließlich Zehnter wurde: Ich hatte mein Ziel erreicht. Der Crash hat mich nicht zurückgeworfen und auch nicht verunsichert. Im Gegenteil: Er hat mich irgendwie härter gemacht, entschlossener - und schneller. Dieses Jahr will ich es in die Top Five schaffen, 2010 will ich Weltmeister werden. Angst? Nein, die hat bei mir im Cockpit keinen Platz.
MICHAEL THIEL, 49, TECHNIKER
ABSTURZ MIT DEM FLUGZEUG
Rund tausend Flugstunden mit verschiedenen Maschinen habe ich bereits auf dem Buckel, ich habe eine Notlandung mit brennendem Motor hinter mir und einen Beinahe-Absturz in den Alpen. In Sachen Fliegen fühle ich mich ziemlich versiert. Dann kam der 5. Juni 2006: blauer Himmel, kaum Wind, ideales Flugwetter. Ich wollte einen Testflug mit einem neuen russischen Ultraleichtflugzeug,
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einem Trike, machen: Zweisitzer, 70 PS, Reichweite drei Stunden, Maximalgeschwindigkeit 130 km/h, 475 Kilogramm Abflugmasse, empfohlene Reiseflughöhe 700 Meter, maximale Flughöhe 4000 Meter. Ich zog meine Schutzbekleidung an - die gleiche, die ich auch auf dem Motorrad trage. Der Start in Saarmund bei Potsdam verlief ganz normal. Ich ging schnell auf 700 Meter Höhe. Doch schon bei den ersten Manövern in der Luft merkte ich, dass das Flugverhalten des Trikes viel zu sensibel war. Der Flieger wirkte flatterig. Es stimmte etwas nicht. Schnell zurück, beschloss ich. Ich drehte ein paar Platzrunden, weil auch andere im Anflug auf die Landebahn waren. Kein Problem, ich wollte nicht vordrängeln und würde die Sache schon im Griff behalten. Von meinen Problemen mit der Maschine sagte ich dem Tower nichts.
Viele, die mich kennen, nennen mich "Speedy", weil ich als draufgängerisch und furchtlos gelte. Doch jetzt saß mir die Angst im Nacken. Das Flugzeug reagierte nicht mehr richtig - das fühlte sich nicht gut an. Es vergingen zehn Minuten, bis ich die Landeerlaubnis hatte. Mir blieben zwei Möglichkeiten: entweder den Flugplatz übers freie Feld anzufliegen oder über einen dicht bewachsenen Mischwald. Mein Instinkt sagte mir: Wald ist besser. Wenn es rich-tig ernst wird, federn die Bäume die Maschine ab. Aufs Feld dagegen würde ich wie eine reife Tomate klatschen. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass ich die Kiste zu 80 Prozent sauber runterkriege.
Doch ich war kaum über dem Wald, da geriet ich plötzlich in heftige Turbulenzen. Das Flugzeug fing an, sich wie ein Blatt im Herbstwind aufzuschaukeln. Ich war noch 200 Meter hoch - und der
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Flieger nicht mehr steuerbar. Im steilen 60-Grad-Winkel ging es runter. Die Furcht schnürte mir die Kehle zu. Beim normalen Landeanflug beträgt der Winkel 10 oder 15 Grad. Wenn mir jetzt nichts einfiel, würde ich am Boden zerschellen, also gab ich Vollgas, wollte den Flieger hochreißen. Doch Bruchteile von Sekunden später wurde es richtig dramatisch, ich benötigte dringend Hilfe von meinem Schutzengel, der hoffentlich gut gefrühstückt hatte und über große Flügel verfügt. Denn die Maschine reagierte überhaupt nicht, sie wurde nur schneller. Und um das Rettungssystem, eine Art Fallschirm, zu aktivieren, war es viel zu spät. Gut 20 Meter über den Baumwipfeln war mir klar: Ich stürze ab. Die Bäume, dachte ich, sind meine letzte Chance. Ich sah die grünen Wipfel als Lebensretter, hielt auf die größte Baumkrone zu. Das Entweder-Oder war gekommen. Es ging alles blitzschnell. Es krachte und knirschte. Die Äste brachen wie Streichhölzer weg. Etwas knallte gegen meinen Helm. Zum Glück habe ich beim Helm nicht gespart, dachte ich noch. Dann schlug ich auf dem Waldboden auf. Es dauerte einen Moment, ehe ich begriff: Ich bin noch am Leben. Aber jetzt kam die Panik vor dem Feuer, mein Tank war ja noch fast voll. Ich realisierte nun erst richtig, wie nahe ich dem Tod war. Und zwar noch immer. Der Kampf war noch nicht gewonnen. Das Flugzeug und Berge von gesplittertem Holz lagen auf mir drauf. Der Gurt fesselte mich an die Maschine. Ich überprüfte, ob noch alles an mir dran war. 30 Sekunden hat es gedauert, bis ich mich vom Gurt befreien konnte, noch mal so lange, bis ich aus dem Trümmerhaufen raus war. Während dieser Zeit gingen mir Actionfilmszenen durch den Kopf, in denen Leute nicht
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mehr rechtzeitig aus brennenden Wracks herauskamen und in einem explodierenden Feuerball krepierten. Diese Sekunden am Boden waren die schlimmsten.
Ich befreite mich und rannte zehn, zwölf Meter weit weg von der Absturzstelle. Du bist also davongekommen, dachte ich, als ich stoppte, um zuerst an mir, dann auf die Unglücksstelle hinunterzusehen. In diesem Moment war ich ganz sicher der glücklichste Mensch auf der Welt. Ein Rettungshubschrauber brachte mich ins Berliner Klinikum Steglitz. Dort stellten die Ärzte fest, dass ich außer Prellungen und blauen Flecken nichts hatte. Und sobald es ging, bin ich in Saarmund wieder in den Flieger gestiegen. Sogar zusammen mit meinen Kindern. Fliegen ist noch immer meine ganz große Leidenschaft.
FRANK DORNSEIF, 39, EX-SOLDAT
AUTO-BOMBE IN KABUL
Mein Einsatz in Afghanistan hatte am 3. März 2003 begonnen. Es war bereits mein dritter im Ausland. Ich war zuvor - Ende der Neunzigerjahre - schon zweimal in Bosnien-Herzegowina gewesen. Gut war es da, wir konnten helfen und wurden von den Leuten freudig begrüßt. Aber vor dem Abflug nach Afghanistan habe ich zum ersten Mal überhaupt zu meiner Frau gesagt: "Du, ich habe Angst."
Ich war Hauptfeldwebel und als Logistiker mit einem elektronischen Aufklärungstrupp in Kabul unterwegs. Wir fuhren mit versteckter Hightech in der Stadt und in der Umgebung herum, hörten Telefonate und Funksprüche ab. Drogengeschäfte, Straftaten, |
Sprengstoffanschläge zu verhindern, das war unser Auftrag. Das war gefährlich - und ich war froh, als es nach drei Monaten pausenlosen Auslandseinsatzes endlich wieder nach Hause gehen sollte. Fastgeschafft. Nichts wie weg.
In der Nacht vor dem Abflug feierten wir im Lagerhaus des Truppencamps Abschied mit Grillfleisch und deutschem Fassbier. Ich telefonierte noch mal mit meiner Frau und meiner zehnjährigen Tochter. Am nächsten Morgen - es war der 7. Juni - hieß es antreten zur Vollzähligkeitskontrolle. Zwei Busse standen bereit. Einer für uns 33 Soldaten, im anderen verstauten wir das Gepäck.
Eigentlich wollte ich rechts vorn am Fenster sitzen. Doch die Plätze waren belegt, also setzte ich mich nach hinten. Ein letzter, nicht besonders wehmütiger Blick zurück, dann raus aus dem Tor über die Jalalabad Road Richtung Flugplatz. Es war das Pfingstwochenende. Ich würde rechtzeitig zu den Feiertagen zu Hause sein. Ein Traum. Im Bus war es furchtbar heiß und stickig. Ich sah noch, wie einer meiner Kameraden ganz vorn rechts aufstand. Er wollte wohl die Lüftungsklappe öffnen. Es war das Letzte, was er in seinem Leben tat. Und das Letzte, was ich für mehrere Tage sah. Denn in dieser Sekunde begann der Horror schlechthin: Unmittelbar neben dem ungepanzerten Bus ging ein 150-Kilo-Sprengsatz hoch, der in einem Taxi, einem alten Lada, versteckt war. Ein Selbstmordattentat. Das war’s, funkte mein Hirn. Aus, finito.
Das Komische war: Ich hörte keinen Knall und spürte keine Hitze. Diese Explosion - das war ein Gefühl, als ob du beim Kicken den Ball ohne Vorwarnung mit Vollspann mitten ins Gesicht |
gezimmert kriegst. Ich hatte auch diesen ledrigen Geschmack im Mund. Die Wucht der Detonation schleuderte den Bus fast hundert Meter weit. Mein Kopf knallte zurück und schoss wieder vor. Wie ein Flummy. Die Glassplitter meiner Sonnenbrille bohrten sich in Augen und Stirn, ein Augenlid riss ab. Das Trommelfell zerfetzte, die Nase spaltete sich. Ich hörte Angstschreie, Schmerzensschreie, Todesschreie. Ich konnte nichts sehen, nichts hören, nichts riechen. Mein Körper schaltete auf Selbstschutz und Überlebensmodus. Nein, das hier ist nicht dein Ende, hier krepierst du nicht, dachte ich nur. Gleichzeitig sah ich - und wusste sofort: Dies ist ein klares Alarmsignal! - Bilder von meiner Frau und meiner kleinen Tochter an meinem inneren Auge vorüberziehen.
Zwar verspürte ich keinen Schmerz, bemerkte jedoch, dass mir etwas Warmes über mein Gesicht lief, das ansonsten völlig taub war. Bibbernd und betend tastete ich mich ab. Gesicht, Arme, Beine, Füße. War noch alles dran. Verzweifelt ballte ich die Faust und sagte mir: "Ich komm hier raus, ich werde hier draußen nicht verrecken, ich werde weiterleben!" Mein nächster Gedanke: Okay, heute nach Hause zu fliegen, das wird wohl nix. Der Gedanke danach: Ich muss meinem Kumpel, mit dem ich zum Pfingst-Frühschoppen verabredet war, unbedingt absagen. Das war absurd: Ich sah den Biergarten und meinen Kumpel ganz deutlich vor mir. Ich hörte sogar Vögel in der Kastanie über uns.
Plötzlich packten mich Hände und zerrten mich aus dem Bus. Ich wurde an einen kalten Betonpfeiler gelehnt. Aber die Luft, die ich draußen atmete, reichte irgendwie nicht. Ich konnte den
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Sauerstoff zwar einatmen, aber er kam nicht bis zur Lunge. Das war ein Gefühl, als ob man in eine Plastiktüte atmet. Ich konnte noch immer nichts sehen, nichts sagen oder fragen, fühlte aber, dass jemand neben mir kniete. Keine Ahnung, ob er Freund oder Feind war. Plötzlich drückte er mir etwas ins Gesicht. Jetzt war ich sicher: Der Typ ist einer der Attentäter, jetzt bringt er es zu Ende, jetzt bringt er mich um! Ich schlug um mich, wehrte mich, bis ich das deutsche Wort Sauerstoffmaske aufschnappte. Ich wurde ruhiger, ließ die Dinge geschehen und sog die Luft tief ein. Aufatmen. Auf dem Flug in einem Sanitäts-Flugzeug nach Stuttgart habe ich erst erfahren: Vier Kameraden sind gestorben bei diesem Attentat. Sie alle saßen vorn rechts im Bus. Da, wo ich eigentlich sitzen wollte. Es war das erste Mal, dass deutsche Bundeswehrsoldaten im Ausland durch einen feindlichen Angriff starben.
Mittlerweile bin ich aus dem Dienst ausgeschieden. Ich habe durch die Medikamente 20 Kilo zugenommen und einen Operationsmarathon hinter mir. 58 Wochen lang war ich in verschiedenen Krankenhäusern, in Ulm, Hamburg, Berlin. Und ich werde wohl noch sehr lange Stammgast in Schmerztherapiekliniken bleiben. Noch immer leide ich unter posttraumatischen Störungen, Panikattacken, Schlafstörungen und Depressionen. Und ich kämpfe mit den Behörden um die Anerkennung meiner Vollinvalidität - denn die haben mir nur 50 Prozent Erwerbsminderung zugestanden. Ein Bundeswehrarzt hat mal zu mir gesagt, dass sich mein Unterbewusstsein noch immer im Krieg in Afghanistan befindet. Er hat leider recht.
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ZORAN DJORDJIC, 42, HANDBALLER
KOMA-CRASH BEIM HANDBALL
Seit 24 Jahren bin ich Leistungssportler, habe 128 Spiele im Tor der jugoslawischen Nationalmannschaft bestritten und war mehrmals Medaillengewinner bei Welt-und Europameisterschaften. Seit elf Jahren spiele ich in der deutschen Handball Bundesliga. Ich bin ein Keeper, der sich auf Tempogegenstöße spezialisiert hat. Das heißt, ich lauere darauf, wenn der Gegner unseren Angriff abfängt und mit einem weiten Pass einen Konter einleitet. Dann rausche ich dazwischen. Es kommt darauf an, vor dem anstürmenden Angreifer am Ball zu sein und sich zudem von ihm nicht über den Haufen rennen zu lassen. Meine Quote im Abfangen von Tempogegenstößen lag an guten Tagen bei 40 bis 50 Prozent. Das ist Weltklasse.
Vor wenigen Monaten aber, im Spätherbst meiner Karriere, hat sich von einer Sekunde auf die andere alles verändert: Am 6. September 2008 hatte meine Mannschaft, HSG Wetzlar, ein Heimspiel gegen die Reinickendorfer Füchse aus Berlin. Es war die 13. Minute, wir hatten einen schlechten Start, lagen 4 : 8 hinten. Der gegnerische Torhüter schnappte sich den Ball - Tempogegenstoß.
Doch an diesem Tag ging alles schief. Der Film in meinem Kopf lief viel zu langsam, ich fühlte mich mental wie körperlich nicht frisch. Der Stürmer und ich prallten mit voller Wucht zusammen. Mein Hinterkopf krachte aufs Parkett. Ich fiel in ein
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schwarzes Loch. Totaler Blackout. Später habe ich die Fernsehbilder gesehen: Der dumpfe Knall des Aufpralls war noch in der hintersten Ecke zu hören. Die Zuschauer schrien auf. Der Angreifer der Berliner lag zwar in einer Blutlache, hatte aber nur eine Platzwunde abbekommen. Mannschaftsärzte stürmten aufs Feld. Mein Sohn, ebenfalls im Wetzlarer Team, sprang in Panik von der Bank auf. Ich lag da auf dem Rücken, die Augenlider flimmerten, die Beine zitterten. Jeder sah: Dies war mein Todeskampf. Ich krampfte und atmete nicht. Doch mein Mannschaftsarzt blieb cool und peilte gerade noch rechtzeitig die Lage: Ich hatte meine Zunge verschluckt und war drauf und dran, live vor 4000 Fans zu ersticken. Mein Teamarzt war es, der mir die Zunge aus dem Hals zog.
Durch Riechsalz erwachte ich nach 15 Minuten wieder und wurde ins Krankenhaus gebracht. So richtig zu mir kam ich erst zwei Stunden nach dem Unfall, als der Arzt mich am Kopf nähte. Erst da setzte die Erinnerung wieder ein. Die zwei Stunden davor sind verschwunden.
Seit dem Unfall habe ich erst ein Spiel bestritten und mir dabei gleich einen Bänderriss zugezogen. Aber auch in den paar Minuten, die ich spielte, merkte ich, dass ich blockiert und gehemmt war. Ich denke, meine Zeit als Handballkeeper auf höchstem Niveau ist vorbei. Aber nach all den guten Jahren hätte ich mir wirklich einweniger dramatisches Ende gewünscht.
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UDO BAUCH, 41, BETRIEBSWIRT
ZUGUNGLÜCK IN ESCHEDE
Eigentlich wollte ich mit dem Auto und gar nicht mit dem ICE zur Tagung nach Hamburg fahren, entschied mich aber doch dafür, weil ich im Zug noch in Ruhe an einer Rede feilen konnte. Ich buchte erste Klasse, hatte das Abteil für mich allein. Die Wagen der ersten Klasse befanden sich ganz am Ende des ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen". Um 10:59, kurz vor Eschede, gab es plötzlich einen Schlag. Es war das grausamste Geräusch, das ich je vernommen hatte. Ein brachialer Knall. Ein Urknall. Zusammenstoß, dachte ich noch. In diesem Moment bin ich wie ein Dummy auf die gegenüberliegende Seite geprallt und wieder zurück. Teile der Sitze und Abteilverkleidungen prasselten auf mich nieder. In diesen Momenten - vom Aufprall des ICE auf die Brücke bis zum Stillstand vergingen genau 3,6 Sekunden - ging mir der berühmte Lebensfilm, der abläuft, wenn das Ende nahe ist, durch den Kopf. Mit Gedanken und Bildern aus meiner Kindheit, prägnanten Erlebnissen der vergangenen Jahre. Ich habe auch den Tunnel mit dem weißen Licht am Ende gesehen. Ich war ganz ruhig und war mir sicher: Jetzt sterbe ich. Es herrschte tatsächlich Totenstille. Doch ich spürte, ich war noch nicht weg. Vielleicht bleiben mir noch drei, vier Atemzüge, dachte ich. In Gedanken war ich bei meiner Familie. Aber der Tod schritt an mir vorüber, er streifte mich nur mit seinem Mantel.
Außer meinen Augen konnte ich nichts bewegen, hatte starke Blutungen, mein Körper war ein stechender,
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brennender Schmerz. Ich war der Schwerstverletzte unter allen Schwerverletzten: Hirnblutung, doppelter Schädelbruch, vierfacher Kieferbruch, gebrochener Mittelgesichtsknochen, Oberschenkelbruch, Schienbeinbruch, Milzriss, einige weitere Risse und Quetschungen dritten Grades. Zehn Minuten lag ich betend und wimmernd da. "Hallo, hallo, meine Name ist Udo Bauch, bitte helfen Sie mir!", flehte ich, obwohl ich niemanden sah. Ich wusste, ich brauche sehr schnell medizinische Hilfe. Ich rechnete jeden Moment damit, dass mein Herz zu schlagen aufhört, mein Blut nicht mehr ausreicht, mein Hirn sich verabschiedet. Nach zehn Minuten tauchte ein Polizist auf und versprach, Hilfe zu holen. Nach fast einer Stunde war sie endlich da. "Sie schaffen es", sagte jemand. Dann bekam ich Schmerzmittel. Die führten zu sofortigem Atemstillstand. Ich sah einen roten Samtvorhang, der sich ganz langsam zuzog. Wie nach dem Abspann im Kino. Ich trat wiederholt - völlig ruhig und in dem guten Wissen, dass meine Familie durch diverse Versicherungen abgesichert ist - die Reise ins Jenseits an. Doch ich wurde reanimiert und noch am Unfallort ins künstliche Koma versetzt. Als Komapatient habe ich ein paar Dinge durchaus mitbekommen: dass mein Vater meine Hand gehalten und gesagt hat, er gibt mir ganz viel Kraft. Auch die Lungenspülungen sind mir in Erinnerung. 17 Tage lag ich im Koma. Und erst nach 27 Tagen auf der Intensivstation war ich über den Berg. Ich war schon vor dem Unfall ein gläubiger Mensch, heute kann meinen Glauben nichts mehr erschüttern. Ich bin halbseitig gelähmt, kann gehen, aber nicht mehr arbeiten. Doch ich führe ein - den Umständen entsprechend - |
glückliches Leben nach dem Tod. Im Dezember bin ich zum vierten Mal Vater geworden. |
Selbst das kleinste Kaliber verheißt große Macht / Stuttgarter Zeitung (1 Seite) / 2009
Selbst das kleinste Kaliber verheißt große Macht
Rund dreißig Millionen illegale und zehn Millionen legale Schusswaffen gibt es in der Bundesrepublik. Dreißig von hundert Deutschen besitzen eine oftmals nicht registrierte Knarre. Das ist europäische Spitze. Unser Autor ist eingetaucht in die Welt der Waffenbegeisterten.
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Foto: Günther Menn |
"Klar, das Ballermann-Business ist noch immer mein Metier", spricht Kotte (Name geändert) etwas kryptisch ins Mobiltelefon. Kottes Welt sind die Waffen. Die illegalen.
Er räuspert sich und stellt das Autoradio leiser. "Die Geschäfte gehen gut. Seit fünfzehn Jahren schon. Keine Probleme. Blütenweiße Weste. He, ich bin ziemlich stolz auf mich." Kotte, Anfang vierzig, dem Autor seit 1992 bekannt, kichert komisch. Das klingt etwas verrückt. Doch er ist zu einem Treffen bereit. Das ist auch irgendwie verrückt.
Seit 1992 verkauft er heiße Eisen. "Ballermänner", nennt er sie. Damals studierte er in Berlin und hatte durch veritable Russischkenntnisse und wegen seiner Vorliebe für Wodka intensive Geschäftsbeziehungen zu einigen korrupten Kommandeuren der russischen Roten Armee. Die waren in Wünsdorf bei Berlin stationiert und wollten beim Abzug aus Deutschland einen Teil ihrer
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Makarow-Pistolen, Kalaschnikow-MGs und Skorpion-MPis noch schnell in harte Währung umsetzen. Kotte konnte ihnen helfen.
Viele Berliner gierten Anfang der neunziger regelrecht nach Waffen, denn per Alliiertengesetz war bis dahin der private Besitz streng verboten. Und auch auf dem schwarzen Markt war bis zum illegalen Ausverkauf der russischen Knarren schwer an scharfe Waffen zu kommen. Kotte landete einen Volltreffer und stieß zielgenau in eine Marktlücke. Er musste nicht mehr kellnern. Er verdiente mit den Knarren viel Kohle.
"Bin gerade auf Kundentour. Aber übermorgen würde mir gut in den Kram passen", sagt der Waffenhändler, während er das Autoradio schon wieder lauter dreht. "Irgendwo bei Porta Westfalica, zwischen Bielefeld und Hannover. Da übernachte ich und habe ein paar Stunden Zeit."
"Früher habe ich die russischen Eisen vornehmlich an Gangster und Ganoven verkauft", erklärt Kotte in dem urigen Lokal am vereinbarten Treffpunkt. Es gibt Rouladen. Die Handys sind ausgestellt. Kein weiterer Gast sitzt im Restaurant. Kotte fühlt sich sicher: "Heute mache ich mit den Leuten aus der Unterwelt keine Geschäfte mehr. Ist zu stressig. Die Jungs könnten von der Polizei observiert werden. Eine Bank überfallen, Schutzgeld erpressen, jemanden umlegen oder entführen wollen. Nee, damit will ich nichts zu tun haben."
Er verkaufe "zu neunzig Prozent scharfe Waffen an schlaffe Typen", sagt er. "Ärzte, Architekten, Anwälte, selbstständige Unternehmer, Sicherheitsgewerbler, Otto Normalverbraucher, Kerle, die große Kaliber für ihr Ego brauchen, |
ängstliche Ladys, Detektive, Manager, die keinen Bock auf Schützenvereine haben. Auch ein paar Polizisten mit gut gefülltem Waffenschrank zu Hause stehen in meiner Kundenkartei. Ich hüte sie wie meinen Augapfel. Das wissen meine Leute. Entsprechend positiv ist auch die Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt Kotte, der in einem "Häuschen mit gepflegtem Rasen und üppigem Baumbestand irgendwo zwischen Berlin und Nürnberg" wohnt.
Seine Klienten müssen eine Bedingung erfüllen: über 25 Jahre alt sein. Darauf lege er Wert. Was das Alter betrifft, sei er strenger als die Behörden: "Wenn du Mitglied im Schützenverein oder Jäger bist, kriegst du von denen schon mit 18, in manchen Bundesländern mit 21 die Waffenbesitzkarte und kannst dir im Laden offiziell scharfe Knarren kaufen. Das halte ich für zu früh. So aus psychologischer Sicht gesehen."
Kotte hat mit seinen Kunden Codewörter vereinbart. Die Pumpgun ist eine "Bodenvase", die MPi eine "Bohrmaschine", der Trommelrevolver ein "Dosenöffner".
Er arbeitet mit einem Händler im ehemaligen Jugoslawien zusammen oder lässt den Waffennachschub von Strohmännern mit meist falschen Pässen in Tschechien, der Schweiz, Frankreich oder Belgien beschaffen. "Dort herrschen wesentlich lockerere Waffengesetze als in Deutschland. In der Schweiz zum Beispiel musst du quasi per Gesetz eine Waffe im Haus haben", erklärt Kotte. "Und so genau nehmen die ausländischen Waffenhändler die Pässe auch nicht unter die Lupe. Die wollen verkaufen."
Zudem habe er gute Geschäftsbeziehungen zu
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Waffenschmieden in Italien. "Gegen cash auf die Kralle kriege ich da alles, auch ohne gültige Händlerlizenz", sagt Kotte und bestellt eine weitere große Apfelschorle: "Manche Leute geben ein Vermögen für Knarren aus. Das teuerste Stück Eisen, das ich an den Mann gebracht habe, hat satte sechzigtausend Euro gekostet. Vor ein paar Monaten.. Eine richtige Top Gun. Handarbeit. Für einen Waffennarren ist jede Schraube, jeder Tropfen Öl, jede Gravur ein kleiner Fetisch."
So etwas wie Unrechtsempfinden besitzt der Mann, der seine Geschäfte mit aufreizender Lässigkeit über die Bühne zu bringen scheint und während seiner gesetzeswidrigen Berufskarriere bereits "eine kleine Volksarmee" ausgerüstet habe, gar nicht.
Die Schießprügel, die er auf dieser Tour ausliefert und auf die der Reporter einen kurzen Blick riskieren darf, nimmt er später nicht mit hoch ins Hotelzimmer. Er lässt sie einfach im Kofferraum seines unauffälligen Mittelklassewagens liegen. "Wird schon keiner klauen", sagt Kotte kichernd. "Aber aus den Händen reißen werden sie mir die Ballermänner. So viel ist sicher."
Die Deutschen rüsten auf. 3,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik besitzen rund zehn Millionen registrierte, legale Schusswaffen. Zwei Millionen Besitzer von scharfen Waffen sind Mitglieder in Schützenvereinen, 900 000 Altbesitzer und Erben, 400 000 Jäger und 300 000 Sammler. Das sind meist Menschen, die ihre Knarren als Kulturgegenstand sehen.
Hinzu kommen mindestens zwanzig wahrscheinlich sogar dreißig Millionen illegale Schusswaffen, wie die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schätzt.
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Damit erreicht der private Waffenbesitz hierzulande, wo nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) jedes Jahr etwa 12 000 illegale Waffen beschlagnahmt und zudem 12 500 Waffendelikte verhandelt werden, bereits etwa alarmierende fünfzig Prozent des US-Niveaus. Hochgerechnet sind dreißig von hundert Deutschen bewaffnet. Das ist nicht nur alarmierend. Das ist auch trauriger Europarekord. Zum Vergleich: in allen EU-Ländern besitzen durchschnittlich "nur" 17 von hundert Menschen eine Knarre.
Und die großkalibrige Aufholjagd geht weiter: Pro Jahr werden zurzeit in Deutschland eine Millionen registrierte Pistolen, Revolver und Gewehre verkauft. Das sind pro Kopf gerechnet fast genauso viele wie im Land des Waffenweltmeisters USA.
Das Verblüffendste dabei - in Deutschland, dem viertgrößten Waffenexporteur der Welt, legal an Knarren zu kommen, ist gar nicht mal schwer. Und das, obwohl die Waffengesetze seit der ersten Reform 1972 und nach jedem neuerlichen Amoklauf angeblich dauernd verschärft werden: Man wird einfach Mitglied in einen Schützenverein oder gründet selbst einen. Dafür sind nur ein polizeiliches Führungszeugnis und etwas Geduld nötig. Ein Jahr lang muss man den Nachweis erbringen, dass man regelmäßig mit der vereinseigenen (Leih-)Waffe trainiert, unter 25-Jährige müssen zudem ein psychologisches Gutachten vorlegen. Nach der bestandenen Sachkundeprüfung gibt es von der Polizeibehörde die Waffenbesitzkarte (WBK). Die berechtigt zum Kauf von mindestens zwei scharfen Waffen.
Die Ballermänner darf man zu Hause lagern und |
zur Ausübung des "Schießsports" in nicht geladenem Zustand hin und her transportieren, aber man darf sie nicht in der Öffentlichkeit tragen.
Dafür ist der Waffenschein (WS) nötig. Den kriegt jedoch nur, wer nachweisen kann, dass er "wesentlich mehr als die Allgemeinheit durch Angriffe auf Leib und Leben" gefährdet ist. Dies trifft in der Regel nur auf Sicherheitsunternehmen, in Ausnahmefällen auch auf gefährdete Politiker, Bankdirektoren oder Juweliere zu. Nach Angaben der GdP gibt es bundesweit rund sechshundert Waffenscheine für Privatpersonen.
Ortswechsel. Berlin. Drei Männer zwischen Ende zwanzig und Anfang vierzig sind bereit, ihre illegalen Knarren für Fotos zur Verfügung zu stellen. Pumpguns, Pistolen und Revolver. Sie sind nicht besonders misstrauisch. Aber sie stellen Bedingungen: keine Namen, keine Adressen, keine Gesichter.
Sie sind keine Gangster. Sie fühlen sich nicht mal als Kriminelle. Sie haben Familien, Jobs und der eine sogar ein eigenes kleines Geschäft. Sie sind Durchschnittsdeutsche, sagen sie. Doch reden über Waffen wie über Motorräder. Oder Bohrmaschinen.
Wozu brauchen sie die Knarren? "Die gehören doch heute irgendwie dazu", sagt einer grinsend und mit der Schulter zuckend. "Ich kenne viele, die Waffen besitzen. Ein paar sind registriert. Die meisten nicht."
Sie selbst lagern ihre Knarren in der Schrankwand im Wohnzimmer, in der Schublade der Flurkommode oder unter dem Bett im Schlafzimmer.
"Eine Waffe im Haus ist für mich mittlerweile so normal |
wie ein Auto vor dem Haus", sagt ein anderer, der in einem Cateringunternehmen arbeitet, zwei kleine Söhne hat und neben einem silbernen 44er Magnum-Revolver gleich zwei Pumpguns sein Eigen nennt. Er posiert auf der Kellertreppe mit dem schweren Schießgerät. "Die Schrotflinten haben eine so enorme Durchschlagskraft, damit kann ich glatt kleine Bäume fällen", sagt er. Er hat es ausprobiert. In den einsamen Wäldern Brandenburgs.
Christian Engel, kurz geschorenes Haar, braun gebranntes Gesicht, mächtiger Bizeps, steht mit dem 8000 Euro teuren Scharfschützengewehr im von ihm liebevoll gestalteten Garten hinter seinem Haus in einem Kaff bei Potsdam. Allein für das Spezialzielfernrohr hat Engel 2000 Euro bezahlt.
Die Frühlingssonne strahlt vom Himmel. Der 51-Jährige steht auf einer kleinen Holzbrücke, die über seinen plätschernden Fischteich führt. Präzisionsgewehr und Kampfhund bei Fuß. Plötzlich reißt der Scharfschütze die Waffe hoch. Er zielt auf eine Elster, die im Baum des Nachbargartens sitzt. Engel drückt nicht ab.
Der Betreiber einer Kampfsportschule in Berlin-Zehlendorf hat eine Waffenbesitzkarte und eine gültige Lizenz für das Gewehr sowie für ein paar andere Knarren. Doch er schießt nicht mehr so gerne, sagt er: "Das hat mir mal Spaß gemacht. Ist lange her."
Aber um die Knarren behalten zu dürfen, muss er alle paar Monate auf den Schießstand und sich das vom Vorsitzenden des Schützenvereins bescheinigen lassen. Sonst muss er die WBK und Waffen abgeben. Das will er auch wieder nicht.
Sich auf dem schwarzen Markt mit Pistolen, Revolvern,
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Pumpguns oder gar mit automatischen Waffen einzudecken ist ähnlich einfach, wie Drogen zu erwerben. In einem richtigen Kiez gibt es auch richtige Knarren. Und in großen Städten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt kann man sich durchaus innerhalb von 24 Stunden bis auf die Zähne bewaffnen. Man braucht nur das nötige Kleingeld und ein paar Beziehungen, die sich in einschlägigen Kneipen, Clubs oder Cliquen jedoch schnell knüpfen lassen.
"Wenn ich illegal eine Waffe erwerben will, ist das kein Thema. Oft reicht es schon sich am Bahnhof ein bisschen umzuhören", weiß auch Arne Niederbacher, 38. Der Sozialwissenschaftler von der Uni Dortmund hat vier Jahre lang die Faszination, die Schusswaffen meist auf Männer ausüben, erforscht. Ihnen den Zugang zu Waffen zu verbieten, hält er wegen der vielfältigen Beschaffungsmöglichkeiten für sinnlos.
Niederbacher vergleicht in seinem Buch, "Faszination Waffe - Eine Studie über Besitzer legaler Schusswaffen in der Bundesrepublik Deutschland" (Ars Una Verlag), die Leidenschaft für Ballermänner mit der für Autos: "Schützen sind fasziniert von ihrer Ästhetik, ihrer Technik, ihrer Historie und der Dimension zu schießen. Selbst das kleinste Kaliber in der Hand bedeutet, jedenfalls theoretisch, ein großes Stück Macht."
Niederbachers ein wenig augenzwinkerndes Resümee seiner jahrelangen Studien, während derer er selbst Mitglied in einem Schützenverein war: "Legale Waffen disziplinieren. Man sollte jedem Bundesbürger eine geben. Denn die Sportschützen, die ich kennengelernt
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habe, sind die gesetzestreuesten Bürger, die man sich vorstellen kann. Eine Anzeige wegen Beleidigung oder Schwarzfahrens, einmal unter Alkoholeinfluss Auto fahren - und sie müssen ihre Waffen abgeben. Ihre Heiligtümer. Und das will keiner von denen, die ich während meiner Forschungen kennengelernt habe, riskieren."
"Projektile abfeuern ist ein Sport", meint auch Alfred Reinecke. "Keine Krankheit." Anfang 2000 hatte der Hamburger, der bis dahin in einer Rechtsanwaltskanzlei am feinen Jungfernstieg arbeitete, eine völlig neue Geschäftsidee: Schießen für jedermann.
Jeder, der über vierzehn ist, kann sich bei Reinecke Schießbahn und Waffen leihen.
"Waffenschein oder Waffenbesitzkarte brauchen meine Kunden nicht. Vierzehn- und Fünfzehnjährige müssen allerdings einen Erziehungsberechtigten mitbringen", erklärt Reinecke. Der 44-Jährige, ein Mann mit ruhiger Hand und flinken Gedanken, hat in Hamburgs Innenstadt eine sechshundert Quadratmeter große Räumlichkeit angemietet und sie zu einem Revolverclub ("Hanseatic Gun Club") mit drei Schießbahnen auf zwei Ebenen umgebaut. Seine Geschäftsidee zielt auf Kunden mit viel Geld und wenig Lust auf die üblichen Schützenvereine ab. Und er hat Erfolg damit. Viele Sportschützen visieren mit Vorliebe in der ganz speziellen Schießbude in Hamburgs City die Mitte der Zielscheibe an. Unternehmer, Chefärzte, Bankdirektoren, Verleger und Manager lassen hier die Projektile vor allem aus Gründen der Entspannung fliegen, so sagen sie. Junggesellenabende, Geburtstagspartys und Vertragsabschlüsse
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werden in Reineckes elitärem Gun-Club gefeiert, in dem Sicherheit höchste Priorität besitzt und Michael Schütz, im Zweitberuf Werkschütze beim Waffenhersteller Heckler & Koch, unerfahrenen Schützen den richtigen Umgang mit der Waffe erklärt.
"Dass ich rechtlich gar keine Probleme mit meinem Gun-Club habe, damit hatte ich am Anfang echt nicht gerechnet", resümiert Alfred Reinecke zufrieden.
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Hausbesuch bei der Mafia / Wunderwelt Wissen (10 Seiten) / 2009
Hausbesuch bei der Mafia
„Don Victor“ Carranza ist Kolumbiens geheimnisvoller Pate, Smaragdzar, Multimilliardär. 2000 Leibwächter schützen ihn vor Killern, Kidnappern und Konkurrenten. Zum ersten Mal haben Reporter ihn mehrere Tage lang begleitet.
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Foto: Günther Menn |
Er trägt Panamahut, Schnauzbart, kurze Hose. Seine Füße stecken in Badeschlappen, über der linken Schulter liegt ein Sommerponcho, der wie ein Geschirrtuch aussieht. Damit tupft sich Don Victor Carranza - Smaragdzar, Milliardär, Mafiaboss - den Schweiß von Schläfen und Stirn. Nahe dem Provinznest Puerto Lopez im Bundesstaat Meta, fünf Autostunden von der Hauptstadt Bogotá entfernt: Es ist später Nachmittag und drückend schwül. Am Rande der Ebene erstreckt sich die Silhouette der Anden. In dieser betörenden, aber wegen der Gesellschaft zahlreicher Anakondas, Piranhas und Moskitos, die an und in den Sümpfen und Seen lauern, nicht eben einladenden Umgebung steht Don Victors Lieblings-Hacienda "Ginebra".
IN MUZO WERDEN DIE KOSTBARSTEN
EDELSTEINE DER WELT GESCHÜRFT
Rein äußerlich ähnelt Carranza dem Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez, nur ist sein Metier weniger feinsinnig als das des Nobelpreisträgers.
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Der Mann schnüffelt, als nähme er Witterung auf. Sein Händedruck verrät, dass er auch mit 71 noch kräftig zupacken kann. Mit einer Kopfbewegung deutet er auf einen nahen Baum: "Vorsicht, hier wird scharf geschossen."
Wie auf Befehl klatscht eine reife Mango als gelber Brei auf den zementierten Boden. Carranza hält sich den Bauch vor Lachen. Und die fünf Leibwächter, die den ersten von mindestens zwei bis maximal sechs Sicherheitsringen um ihren Boss bilden, Pistolen im Holster, Maschinenpistolen und Handgranaten in schwarzen Umhängetaschen, prusten ebenfalls los.
"Die Reporter aus Deutschland gehören ab sofort zur Familie", befiehlt Carranza. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis Kolumbiens geheimnisvoller Pate endlich zu einem Treffen über mehrere Tage in privatem Umfeld bereit war. Nur wenige Kolumbianer haben Carranza je zu Gesicht bekommen. Aber wohl jeder im Land kennt seinen Namen. Er ist einer der größten Landbesitzer und Viehzüchter des Andenstaates, vor allem jedoch: Herrscher über die Smaragdminen rund um den 5000-Seelen-Ort Muzo in der Provinz Boyaca.
Muzo ist die Schatzkammer Kolumbiens. In den feuchtheißen Dschungel-Tälern rund um die kleine Stadt werden die teuersten Smaragde der Welt abgebaut. Die perfektesten sind die kostbarsten Edelsteine der Erde. Smaragde sind eine Sonderform des viel häufiger vorkommenden Edelsteins Beryll. Wenn diese Kristalle mit kleinen Mengen Chrom oder Vanadium unter dem richtigen Druck in Verbindung gekommen sind, leuchten sie betörend grün. Die schönsten Smaragde sind wertvoller als Diamanten.
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Bis zu 120 000 Dollar pro Karat (0,2 Gramm) zahlen Liebhaber für die grünsten Steine; Diamanten kosten "nur" 18 000 Dollar pro Karat. Die Queen von England, der Scheich von Brunei, der Sultan von Bahrain tragen die Kostbarkeiten aus Muzo in der Krone.
5000 STARBEN IM KRIEG
UM DIE "TRÄNEN DER GÖTTER"
60 Prozent aller auf der Welt gehandelten Smaragde stammen aus Carranzas Minen. Steine im Wert von 200 bis 400 Millionen Dollar gelangen pro Jahr von hier aus in den Handel, noch einmal die gleiche Menge auf den schwarzen Markt, schätzen Insider. Carranza ist seit fast zwei Jahrzehnten Oberkommandeur des kolumbianischen Smaragd-Kartells - das lukrativste nach dem Kokain-Kartell.
Die mit den Inka verwandten Muisca-Indianer haben die ergiebige Fundstelle in Muzo vor ein paar tausend Jahren entdeckt. In den Legenden der Indianer sind Smaragde die "Tränen der Götter". Kriege wurden um sie geführt. Als der letzte vor 18 Jahren endete, war Carranzas Aufstieg vom armen Bauernsohn zum mächtigen Boss der Smaragdbranche besiegelt: 5000 Menschen starben bei dem Jahre währenden Konflikt zwischen Edelsteingangs und Kokainkartellen. Carranza hat den "grünen Krieg" gewonnen.
Für die meisten Bewohner der etwa 20 Ortschaften um die Minen und die vielen Smaragdsucher, die Guaqueros (Geröllgeier) und Mineros (Minenarbeiter), die mit Schaufel und Spitzhacke in den Schächten, Flüssen und im Geröll nach den grünen Splittern suchen, für die etwa 100 000 Kolumbianer, die heute von
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den Edelsteinen leben, ist Carranza Heilsbringer und Volksheld. Für viel mehr Kolumbianer ist er dagegen einer der ganz großen Mafiabosse im Land.
Die kolumbianische Regierung hat sich in den brutalen Wirren des Krieges ganz aus der abgelegenen Smaragdregion zurückgezogen und 1990 Carranzas Minengesellschaft Tecminas eine 50-Jahres-Konzession ausgestellt. Jahrelang durfte er herrschen, wie er wollte; erst seit kurzem versucht die Regierung, ein Mindestmaß an staatlicher Autorität wiederzuerlangen. Doch noch immer muss Carranza keine Steuern zahlen und nur einen geringen Teil seines gigantischen Gewinns abführen.
"Ich habe die Minen verpachtet. Die Pächter kümmern sich um die Erschließung neuer Vorkommen, um Arbeiter und Maschinen", erklärt Carranza sein gewieftes Geschäftsmodell bei einem Glas eiskaltem Club-Colombia-Bier: "Ich beschäftige in Muzo nur ein paar Verwalter, Berater und Informanten. So entstehen mir kaum Kosten." Dafür gehört ihm die Hälfte der gesamten Ausbeute, über deren Höhe er schweigt. Zudem besitzt er das Vorrecht, bei jeder Auktion als Erster einen Blick auf die Steine werfen zu können: "So geht mir kein besonders wertvolles Exemplar durch die Lappen."
In Bogotá werden die Edelsteine geschliffen und gehandelt. Das "Emerald Trade Center" im Zentrum beherbergt die größte und wichtigste Smaragdbörse der Welt. In dem Zwölf-Etagen- Gebäude haben Edelsteinhändler aus Moskau, Tel Aviv, London, New York, Tokio und Hongkong Büros gemietet. Hier kaufen die Juweliere der Königshäuser.
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In den Straßen und auf den Plätzen rund um das Zentrum bieten Dealer, Unterhändler und Gangster ihre funkelnde Ware feil. Die Smaragde gelangen oft illegal aus dem Land, per Schiff oder Flugzeug: Ein Stein von der Größe einer Haselnuss kann ein paar hunderttausend Dollar wert sein, ein Stein von Kiwi- Größe mehrere Millionen.
DER MILLIARDÄR ERFREUT SICH
AN KITSCHIGEN KUCKUCKSUHREN
Zikaden zirpen. Der Pool plätschert. Drinnen in Don Victors Landhaus, wo Deckenventilatoren die Hitze umwälzen und kitschige Kuckucksuhren ticken, duftet es nach gegrilltem Fisch und Fleisch. Blanca Carranza, 65 Jahre alt, seit 47 Jahren mit dem Smaragdmogul verheiratet und Mutter von fünf gemeinsamen Kindern, schenkt Fruchtsaft ein. Sie sagt nicht viel. Sie lächelt nur. Bei Fragen der Journalisten verweist sie stets devot auf ihren Mann.
KIDNAPPING-KOMMANDOS DER
GUERILLA LAUERN IHM AUF
Seine Smaragdsammlung sei so wertvoll, dass nicht mal Bill Gates sie ihm abkaufen könne, prahlt der Klunker-König. Sagenhafte zwei Kilo wiege sein größtes Exemplar.
Wo er die Steine aufbewahrt? "Nicht in Banken." Wie viel Vieh und Fincas er besitzt? "Ziemlich viel. Hab‘ die genauen Zahlen nicht im Kopf." Ihm gehören ganze Inseln in der kolumbianischen Karibik und halbe Bundesstaaten in seinem Heimatland, das doppelt so groß ist
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wie Frankreich. Insgesamt soll sein Landbesitz so groß sein wie das Bundesland Bayern.
Gemeinsam mit fünf Brüdern und einer Schwester ist der Mann, den das Magazin "Forbes" Anfang der neunziger Jahre das erste Mal in seiner Milliardärsliste aufführte, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Die Eltern waren Bauern und starben früh. Nur drei Jahre ging Victor zur Schule. Schon als Kind habe er gelernt zu kämpfen, sagt er. Seine Vita fasst er so zusammen: "Mit acht fand ich meinen ersten Smaragd. Mit zwölf gründete ich meine erste Firma. Mit 16 besaß ich meine erste Mine. Mit 18 wurde ich Don Victor genannt."
Wer in Kolumbien ein Don sein will, wer in diesem Geschäft reich und mächtig werden und überleben will, muss besonders skrupellos sein - und wissen, dass er Feinde hat, die ebenso skrupellos sind. Carranzas Name steht ganz oben auf der Todesliste der linken Guerilla, der Revolutionären Streitkräfte (FARC) und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN). Die Guerilla, rund 20 000 Mann stark, sieht den Milliardär als ihren Erzfeind und verdächtigt ihn, die rechten Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC, 8000 paramilitärische Söldner) finanziell zu unterstützen. Beide Terrororganisationen liefern sich seit über 40 Jahren einen grausamen Bürgerkrieg.
Auf Carranzas Grund und Boden wurde ein Massengrab gefunden. Er wird verdächtigt, eine Folterschule betrieben zu haben. Seine angeblichen Beziehungen zu den für viele Massaker verantwortlichen Paramilitärs haben ihm Ende der achtziger Jahre Untersuchungshaft |
und von 1998 bis 2001 einen Gefängnisaufenthalt beschert, aber darüber will er nicht sprechen. Die Untersuchungen sind noch immer nicht abgeschlossen.
"Ich bin zwar kein Freund der Guerilla, stehe aber mit den rechten Milizen in keinerlei Verbindung", beharrt Carranza. Trotzdem hat die FARC zehn Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Sprengsätze sind explodiert, Autos wurden beschossen. Zwei Dutzend seiner Leibwächter haben nicht überlebt. Angeblich liegen ständig mehrere getrennt voneinander operierende Kidnapping-Kommandos der FARC auf der Lauer.
Auf Gewalt antwortet Carranza mit Gegengewalt. 2000 Mann umfasst seine Leibgarde. Die Regierung hat ihm kürzlich zwei Ultimaten gesetzt: Er soll den Waffenbestand seiner Privatarmee drastisch reduzieren und in seinem Smaragdreich dafür sorgen, dass die Kokafelder vernichtet werden. In den letzten Jahren wurden dort 80 Drogenlabors ausgehoben, berichtete Kolumbiens größte Tageszeitung "El Tiempo" kürzlich. 5000 Hektar seien noch immer mit den verbotenen Sträuchern bepflanzt.
Auch mit dem Kokainhandel habe er nichts zu tun. Seine Drogen seien einzig die Edelsteine, versichert Carranza mit drohend gefalteter Stirn. In einem gegen Minen und MG-Beschuss gepanzerten Toyota Landcruiser geht es am nächsten Abend von der Hazienda Ginebra in die einen Kilometer entfernte Kleinstadt Puerto Lopez am Meta-Fluss. "In Puerto Lopez kann ich mich frei bewegen", schwärmt Carranza. Das heißt, dass ihn hier nur eine Handvoll |
sichtbarer Leibwächter abschottet.
WAS DEM SMARAGDZAR FEHLT,
IST EIN THRONFOLGER
Sein Traum ist es, einmal ganz alleine durchs Land zu reisen. Zu reiten. Vom Amazonas im Süden bis hinauf an die karibische Küste im Norden. Doch er weiß selbst nur zu genau, dass es für ihn keinen Weg zurück ins normale Leben gibt. Und so fühlt er sich schon "glücklich", wenn er sich mal bei Dunkelheit ein bisschen unters Volk mischen kann: "Viele der Menschen hier arbeiten für mich. Ganze Familienclans leben von dem, was ich ihnen zahle. Sie sehen alles. Sie melden alles. Sie sind meine besten Soldaten."
Routiniert beziehen die Bodyguards im Umkreis eines Straßencafés Stellung. Sicherheitschef Jorge Santander, 44, Ex-Offizier des kolumbianischen Geheimdienstes DAS, sowie zwei andere bleiben nahe beim Boss. Der ordert Anisschnaps. Carranza spricht von seinen fünf Kindern: Ein Sohn ist geistig behindert. Ein anderer Tierarzt. Der älteste, Hollmann, ist Verwalter in der Muzo-Mine. "Hollmann kann leider nicht in meine Fußstapfen treten", klagt Carranza. "Er hat kein Herz. Keinen Biss. Als mein Nachfolger würde er nicht lange leben." Eine Tochter ist Künstlerin, die andere Hausfrau, mit einem Bankdirektor verheiratet. Ein Thronfolger ist nicht in Sicht.
DON VICTORS HAUPTSTADT-RESIDENZ
IST KEIN BISSCHEN HERRSCHAFTLICH
Don Victor ist brutal - und wirkt wie ein netter, einsamer alter Mann.
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Einer, der sich alles leisten kann und es gar nicht will. "Einen Helikopter und eine Cessna besitze ich zwar, aber nur, weil es oben oft sicherer für mich ist als unten." Bevor er eine Yacht anschaffe, kaufe er lieber ein Kanu. Das sei gut für die Muskeln: "Als einzigen Luxus habe ich mir in letzter Zeit neue Zähne geleistet. Und Straußenlederstiefel. Die waren auch nicht gerade günstig. Halten aber eine halbe Ewigkeit."
Während er so spricht, spitzen die Männer in Hörweite die Ohren und feixen. "Don Victor zahlt mir schlappe 50 Dollar im Monat. Das ist Mindestlohn in unserem Land. Er ist ein guter Patron. Aber kein großzügiger", verrät der Koch Luis Carlos.
"Die Wege des Don sind unergründlich. Er weiht niemanden ein. Nicht mal seine Familie. Er lässt sich nur von seinem Instinkt leiten", sagt einer der Leibwächter. "Oft gibt er mitten in der Nacht Befehl zum Abmarsch. Weil er sich plötzlich nicht mehr sicher fühlt. Oder aus irgendeiner Quelle eine Warnung erhalten hat. Dann fahren wir woanders hin, wechseln mehrmals die Wagen, sind 30 Stunden am Stück unterwegs."
"Die Geschäfte rufen", raunt er am dritten Morgen im Vorbeigehen. "Wir sehen uns. In Muzo, in Bogotá oder beim lieben Gott im Himmel." Ein kurzes Augenzwinkern noch, dann brettert die Wagenkolonne in Richtung Anden, wo ein Gewitter aufzieht. Carranza bleibt einige Tage abgetaucht. In Muzo wird gemunkelt, er treffe jeden Moment ein. Plötzlich surrt das Telefon. Die SMS von Sicherheitschef Jorge Santander ist militärisch knapp: "Treffpunkt Bogotá. Morgen."
Kolumbiens Neun-Millionen-Metropole liegt auf einem Hochplateau inmitten der Anden. 2600 Meter über dem Meeresspiegel.
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Carranzas Residenz liegt im Nobelviertel Santa Anna, wo überall elektronische Augen und Ohren installiert sind, die gewaltigen Mauern Stacheldraht oder Hochspannungsleitungen tragen und abgedunkelte Limousinen schusssichere Scheiben haben. Die Gärtner schneiden seltsam unkonzentriert die Hecken, in den meisten Fällen sind es Sicherheitsleute.
Das Haus des Smaragdkönigs ist kein Palast. Putz bröckelt von den Wänden, Linoleumbelag in Küche und Bädern. Überall stehen schnörkelige Figuren und Skulpturen aus Keramik und Porzellan um die neobarocken Möbel herum. Über dem Kamin im Wohnzimmer hängt ein Porträt in Öl von 1990. Es zeigt Victor Carranza als stolzen Macho mit gerecktem Kinn, der gerade den milliardenschweren Krieg um die Machtposition im kolumbianischen Edelsteinkartell gewonnen hat.
Ein paar misstrauisch guckende Geschäftsleute und ein Anwalt in Anzug und Krawatte sitzen auf Carranzas weißen Ledersofas. Sie räuspern sich und warten. Die Atmosphäre ist angespannt, der Hausherr fahrig und gestresst. Die Mundwinkel hängen herunter, die Augen sind rot gerändert. Laufen die Geschäfte schlecht? Gibt es Ärger mit der Staatsanwaltschaft? Ist ihm die FARC auf den Fersen?
Kolumbiens Smaragdzar greift in die Taschen seiner weinroten Hüftjacke und zieht ein paar Plastiktüten mit funkelndem Inhalt heraus. Die geschliffenen Steine sind sechs Millionen Dollar wert, schätzt er. Die Rohsmaragde, zum Teil kinderfaustgroß, taxiert er auf 14 bis 16 Millionen: "Einige haben das Zeug, mal Kronjuwelen zu werden."
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Dann verschwindet er schon wieder mit seinem gepanzerten Tross von Sicherheitsleuten und Stiefelleckern. Steinreich und doch irgendwie bettelarm. Gefangen in einem mobilen smaragdgrünen Käfig. Und vermutlich weiß nicht mal er selbst, wohin die Reise geht und wie lange sie noch dauern wird.
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Die geheimen Ufo-Akten / P.M. (Titelgeschichte, 8 Seiten) / 2009
Die britische Regierung ist jetzt mit neuen Aliens-Dokumenten an die Öffentlichkeit gegangen. Was verraten sie?
Die neuen, bislang unter Verschluss gehaltenen Ufo-Geheimpapiere sollen die Diskussion über außerirdische Flugobjekte endlich versachlichen. Was ist dran an den umstrittenen Sichtungen? Und was spricht wirklich dafür, dass Außerirdische uns besuchen wollen?
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Foto: Agentur |
Es ist finstere Nacht, als US-Leutnant Milton Torres über dem britischen Norwich den mysteriösesten Befehl seines Berufslebens erhält. Die Flugsicherheitsbehörde der Royal Air Force weist den in der NATO-Basis Kent stationierten Piloten an, mit seinem Jagdbomber F-86D ein unbekanntes Flugobjekt (Ufo) in seiner Nähe anzusteuern. Auf dem Radar hat das Objekt die Größe eines Flugzeug-trägers.
Als Torres sich auf 25 Kilometer genähert hat, kommt der Abschussbefehl. "Ich sollte das ganze Magazin abfeuern, alle 24 Raketen", berichtet der Pilot später. Aber kurz bevor er den Auslöser betätigen kann, verschwindet das Ufo mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, die Torres mit 16 000 km/h angibt. Der Fall ist mehr als 50 Jahre her, und wahrscheinlich würden heute nur noch ein paar eingefleischte Ufo-Enthusiasten darüber sprechen -
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wenn er nicht plötzlich, neben vielen anderen Ufo-Sichtungen, in brand-aktuellen Akten der britischen Behörden aufgetaucht wäre.
Regierungsamtlich hin oder her: Wieder einmal stellt sich die Frage, ob derlei Beobachtungen nun zu glauben sei. Oder ob eine optische Täuschung den Zeugen etwas vorgegaukelt hat - oder ob gar eine bewusste Täuschungsabsicht dahintersteht. Seit dem wohl berühmtesten Ufo-Fall, bei dem 1947 im amerikanischen Roswell eine außerirdische Raumkapsel inklusive Insassen vom Himmel gefallen sein soll, füllen Geschichten über Ufos mit schöner Regelmäßigkeit die Sommerlöcher der Zeitungen. Roswell war ein gigantischer Betrug, der jahrzehntelang funktionierte - was da vom Himmel gefallen war, entpuppte sich in Wahrheit als ein geheimer US-Militärforschungsballon. Da saß der Glaube an Besucher aus dem All aber schon fest in unseren Köpfen.
ALLES, WAS DANACH AN "BEWEISEN"
der dritten Art in den Medien rauf und runter zitiert wurde - nun ja, man konnte es glauben oder auch nicht. Erst in den letzten Jahren bekam das Thema mehr Bodenhaftung, als Ufos sozusagen Regierungssache wurden. In den USA und Frankreich wurden viele der lange geheim gehaltenen Ufo-Akten der Allgemeinheit zugänglich gemacht, sofern sie nicht den Stempel "Streng vertraulich" der Verteidigungsministerien oder Geheimdienste trugen. Zurzeit ziehen die britischen Behörden nach und veröffentlichen bis ins Frühjahr 2009 insgesamt gut 200 ausgewählte Aktenordner über die Beobachtung von Ufos:
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zigtausend Zeugenaussagen zu einigen tausend Sichtungen.
Diesmal scheint es sich aber nicht nur um die x-te Wiederholung von schon Bekanntem zu handeln. Offensichtlich soll die Ufo-Diskussion auf eine sachlichere Ebene gehoben werden - Zahl und Qualität der zitierten Zeugen sind jedenfalls beeindruckend. Tenor der bislang veröffentlichten britischen Akten: Etwa 90 Prozent aller auf der Insel untersuchten Fälle sind ganz natürlich zu erklären. Bleibt die spannende Frage: Was ist mit dem Rest?
Etwa mit dem unbekannten Objekt, das am 12. März 1987 über Chideock Manor gesichtet wurde. Die Entfernung betrug lediglich drei Meilen, der Himmel war nur gering bewölkt. Der Zeuge gehört zur Crew der HRH Residence in Chideock, er wohnte neben einer Einheit der Royal Air Force und kann Flugzeuge identifizieren. Er sah das Objekt aus zwei oder drei verschiedenen Positionen, die Form erinnerte ihn an eine F 111 ohne Flügel.
Und was ist von dem ovalen Objekt zu halten, das am 30. August 1987 um 21.45 Uhr in sieben Meter Höhe für drei bis vier Minuten über West Lothian beobachtet wurde? Es hatte die Größe eines Hausdachs, zwei starke rote Lichter vorn und zwei Lichter auf der Unterseite. Jeder der drei Zeugen war zum Zeitpunkt der Sichtung im eigenen Haus und beobachtete das Objekt mit bloßen Augen, bis es hinter den Häusern ver-schwand. Nicht weniger mysteriös das zigarrenförmige, hell orangefarbene Objekt, das am 3. Januar 1988 um 16 Uhr länger als 20 Minuten über Toothing gesehen wurde. Urplötzlich teilte es sich in zwei kleinere Objekte auf, die getrennt flogen.
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Insgesamt rund 15 Zeugen haben diese Erscheinung bestätigt, einer von ihnen hatte sie mit einer Videokamera aufgenommen.
DIE LISTE MIT
unerklärlichen Fällen in den britischen Akten ließe sich beliebig fortsetzen. Aber auch diese neuen Aliens-Fälle müssen sich kritisch hinterfragen lassen, wie sie’s mit der Wahrheit halten. Wer denkt, dass man ein so bedrohliches Phänomen wie die Ufos systematisch erforschten würde - um sich Klarheit zu verschaffen und um Verschwörungstheorien den Boden zu entziehen -, der sieht sich ziemlich alleingelassen. Lediglich vier wissenschaftliche Untersuchungen sind bislang - offiziell - weltweit gestartet worden: 1956 vom Battelle Memorial Ins-titute, Ohio, auf Veranlassung der US Air Force; 1959 von der Universität Colorado; 1974 von der französischen Raumfahrtbehörde SEPRA/GEPAN und 1978 vom Institut für Raumfahrtforschung der damals Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Alle vier staatlichen Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass insgesamt rund 1100 Beobachtungen nicht erklärt werden können - dass also unidentifizierbare Flugobjekte am Himmel ihre Kreise ziehen.
Als Indiz für außerirdische Intelligenzen mag man auch werten, was die französische Weltraumforschungsorganisation CNES im März 2007 veröffentlichte: Danach habe die Auswertung von 6000 Zeugenaussagen zu 1600 Ufo-Sichtungen ergeben, dass mehrere hundert Fälle der Kategorie D zuzuordnen seien.
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Das sind Fälle, die trotz aller verfügbaren Daten unerklärlich bleiben - ein wissenschaftlicher Beweis ist das jedoch nicht.
WER SICH ÜBER
Erscheinungen wie Ufos sinnvolle Gedanken machen will, muss dieses Phänomen auf mindestens drei Probleme hin überprüfen: erstens, wie wahrscheinlich ist intelligentes außerirdisches Leben überhaupt? Zweitens: Ist es plausibel, dass Aliens über Antriebe für Raumschiffe verfügen, die intergalaktische Reisen ermöglichen? Drittens: Sind die Zeugen glaubwürdig, die Zeugenaussagen seriös - oder lassen sich die Phänomene auf natürliche Weise erklären?
Dass es außer uns noch anderes Leben in den Weiten des Universums gibt - diese Vermutung ist unter Wissenschaftlern weiter verbreitet als die gegenteilige Annahme, dass wir allein, verloren und unbeachtet auf einer Insel durch den Raum driften. "Es wird ferne Planeten geben, auf denen Leben existiert", glaubt auch Harald Lesch, 48, Professor für Astrophysik und Naturphilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Wir Menschen - von dieser Hypothese sollten wir mit Blick auf Außerirdische ausgehen - sind nur der kosmische Durchschnitt. Auch andere kompakte Wesen in fernen Galaxien werden wie wir optische Sensoren - also so was wie Augen - haben, ebenso Sensoren für Druck- und Dichteschwankungen, also Ohren. Sie werden etwas essen und ausscheiden, weder besonders groß noch besonders schwer sein. Aber meis-tens wird dieses fremde Leben bloßer Biomatsch, grüner Schleim oder so etwas sein. Und der kann ganz sicher nicht fliegen. Schon gar nicht zu uns."
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Wenn uns aber wirklich mal - beweisbar - Lebewesen von fernen Planeten besuchen sollten, so Lesch, dann werden es welche sein, "die Lösungskompetenzen besitzen, nach denen wir noch suchen". Zum Beispiel, so spekulieren einige Physiker, wäre es denkbar, dass eine überlegene Zivilisation Methoden gefunden hätte, die Energiequellen von Schwarzen Löchern oder Supernovae in ihrer ganzen Galaxie anzuzapfen.
Überhaupt müssen wir uns Raumschiffe à la Aliens wohl ziemlich anders als gewohnt vorstellen. Mit konventionellen Antrieben , wie wir sie kennen, würden sie den Weg aus fernen Galaxien zu uns nicht zurücklegen können. Alle Raumfahrzeuge, die Menschen bisher gebaut haben, sind von chemischen Raketen angetrieben. Das schnellste von ihnen, die Sonde Voyager 1, zuckelt mit lächerlichen 17 Kilometern pro Sekunde durch die Außenregionen des Sonnensystems. In diesem Tempo würde es Hunderttausende Jahre brauchen, um die nächsten bewohnbaren Planeten zu erreichen.
Der stärkste Antrieb, den menschliche Ingenieure sich vorstellen können, würde Antimaterie als Brennstoff benutzen: das energiereichste Material des Universums. Wenn Antimaterie mit Materie zusammentrifft, zerstrahlen beide zu purer Energie. Ein Kilogramm Antimaterie-Brennstoff würde so viel Energie freisetzen wie zehn Milliarden Tonnen TNT. Nach Berechnungen von NASA-Forschern könnte ein Antimaterie-Triebwerk ein Raumschiff auf ein Drittel der Lichtgeschwindkeit bringen. Die nächsten wohnlichen Welten lägen damit nur noch ein paar Jahrzehnte entfernt. |
Schon besser, aber immer noch viel zu langsam für Spritztouren durch die Milchstraße: Unsere Heimatgalaxis hat einen Durchmesser von 100 000 Lichtjahren.
VON DEN TECHNISCHEN
Fähigkeiten weiter fortgeschrittener Zivilisationen können wir auf der Erde allenfalls träumen. Eine Grenze jedoch ist unüberwindlich: die Lichtgeschwindigkeit. Einsteins Relativitätstheorie besagt, dass sich nichts schneller als Licht bewegen kann. Dieses Tempolimit gilt auch für Aliens. Aber es gibt ein Schlupfloch: 1994 hat der Physiker Miguel Alcubierre von der University of Wales in Cardiff eine theoretische Möglichkeit gefunden, wie ein Raumschiff einen Lichtstrahl überholen könnte, ohne Einsteins Gleichungen zu verletzen - indem es das Raumzeit-Gefüge verzerrt. Das Schiff müsste sich dazu mit einer schützenden Raumzeit-Blase umgeben, die an seinem Bug zusammengerafft und hinter dem Heck lang gedehnt ist. Das Raumschiff wäre dann in ein eigenes Mini-Universum gehüllt. Das Schiff müsste von außen gesteuert werden, weil es komplett von der Welt abgekoppelt wäre.
Solch einen Alcubierre-Antrieb können wir uns bislang nur theoretisch vorstellen, seine Realisierung liegt weit außerhalb der Möglichkeiten menschlicher Technologie. Aber unsere galaktischen Nachbarn könnten ihn bauen, glaubt der Physiker Michio Kaku von der New York City University: "Sie sind uns 100 000 Jahre voraus", sagt er, "im Vergleich zu ihnen sind wir wie Ameisen." Wenn sie also durch die Galaxis flitzen können wie wir über die Autobahn, warum haben wir noch nichts von ihnen bemerkt? |
"Auch Ameisen kriegen nicht mit, wenn neben ihrem Haufen eine Autobahn gebaut wird", antwortet Kaku.
Auffällig an der durch die Veröffentlichung amerikanischer, französischer und jetzt britischer Akten wieder neu entfachten Ufo-Diskussion ist, dass sie mit größerer Ernsthaftigkeit als bisher geführt wird - weil sich viele Zeugen daran beteiligen, denen man ein hohes Maß an Seriosität nicht absprechen kann. Männer von hohem Bildungsniveau, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Berufes nicht dem Verdacht unterliegen, aus jeder Mücke am Himmel einen Elefanten zu machen.
Männer wie Rodrigo Bravo, Pilot der chilenischen Luftwaffe, oder Jean-Claude Duboc, ehemaliger Pilot der Air France. Auf der langen Liste seriöser Zeugen, die sich in jüngster Zeit immer deutlicher zu Wort melden, stehen auch: General a. D. Wilfried de Brouwer, früher stellvertretender Generalstabs-chef der belgischen Luftwaffe; John Callahan, ehemaliger Leiter der Abteilung für Unfallaufklärung der US-Luftaufsichtsbehörde FAA; Fife Symington, Ex-Gouverneur von Arizona; Oberst a. D. Charles I. Halt, früherer Leiter des Inspections Directorate im US-Verteidigungsministerium; Nick Pope, bis 2006 Mitarbeiter im Verteidigungsministerium Großbritanniens. Sie alle sind aus eigener Anschauung überzeugt: Ja, es muss da draußen Leben geben.
"ALS PILOT UND
früherer Luftwaffenoffizier kann ich sagen, dass das beobachtete Fluggerät keinem von Menschen gemachten Objekt glich,
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das ich je sah. Es war ein atemberaubender Anblick", erklärte etwa Fife Symington, nachdem er 1997 gemeinsam mit Hunderten anderen ein dreieckiges Flugobjekt gesehen hatte, das in der Nähe von Phoenix grell erleuchtet umherflog. Er hat darüber schon öfter referiert, zuletzt im November 2007 auf einer viel beachteten Pressekonferenz in Washington, an der 15 dieser ernst zu nehmenden Zeugen von Ufo-Sichtungen teilnahmen. "Wir fordern die US-Regierung auf, nicht länger den Mythos zu verbreiten, dass es für alle Ufos eine herkömmliche Erklärung gibt", sagte der Ex-Gouverneur damals.
Und General a. D. Wilfried de Brouwer ergänzte: "Die belgische Ufo-Welle war außergewöhnlich, und die Luftwaffe war außerstande, die Art, Herkunft oder Absicht des gemeldeten Phänomens zu bestimmen. In einem Fall zeigte ein Foto ein Objekt, das dreieckig war und vier Lichtstrahlen hatte." Jean-Claude Ribes vom Nationalen Forschungszentrum Frankreich sprach auf der schon jetzt legendären Pressekonferenz wohl allen aus dem Herzen: "Einige Fälle deuten klar auf fliegende Maschinen hin, deren Eigenschaften weit jenseits unserer irdischen Möglichkeiten liegen. Wenn diese Fälle ganz klar bewiesen werden könnten, dann wäre die außerirdische Hypothese die wahrscheinlichste Erklärung für diese fortschrittlichen Fluggeräte."
Aber wie sind die Ufo-Beobachtungen von Normalbürgern, die sich nicht solcher Fachreputation erfreuen, zu bewerten? Mit den Berichten von Menschen wie du und ich beschäftigt sich beispielsweise Illobrand von Ludwiger.
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Bei dem internationalen Ufo-Nachrichten-Austauschdienst meldet sich im Durchschnitt alle 14 Tage ein Ufo-Zeuge, der das Objekt beobachtet, fotografiert oder gefilmt haben will. Von Ludwiger hat sich ein gewisses Verdienst dadurch erworben, dass er solche Zeugenaussagen sehr kritisch unter die Lupe nimmt. Auf den Fotos, die ihm zugeschickt werden, seien oft Sachen zu sehen, die durchaus erklärbar sind - ihren Ursprung in einer simplen Lichtreflexion, in unsachgemäßem Umgang mit dem Fotopapier oder auch nur in Form eines Wassertropfens auf der Linse haben. Zeugen jedoch, die von Ludwiger glaubwürdig erscheinen, werden von ihm "geeicht", auf Herz und Nieren geprüft - oft mithilfe eines Psychologen, Psychiaters oder Hypnosearztes.
Der Psychologe beispielsweise versucht, über Fragebögen und spezielle Persönlichkeitstests mehr über den Zeugen herauszufinden: Gibt es strukturelle Merkwürdigkeiten im Persönlichkeitsprofil, verborgene Ängste, vielleicht sogar Hin-weise auf Schizophrenie? Wenn solche Einflüsse auf das Beobachtungsergebnis auszuschließen sind, gilt der Zeuge weiter als glaubwürdig. Und wenn es dann noch gelingt, Radarbilder von dem betreffenden Beobachtungstag und der betreffenden Beobachtungszeit zu beschaffen und dort untypische Flugbewegungen zu erkennen - dann geht von Ludwiger davon aus, dass hier "Zeitreisende, Außerirdische oder wie man sie nennen will" gesichtet wurden.
Wirklich? Wenn tatsächlich ein außerirdisches Raumschiff auf der Erde gelandet wäre, hätte es wohl mehr als deutliche Spuren hinterlassen, meint Physiker Lesch:
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"Solche Flugobjekte wären vermutlich so gewaltig groß, viele Kilometer lang, breit und hoch, dass es beim Anflug zu starken Luftverwirbelungen kommen würde. Die Folge wären verheerende Gewitter oder Hurrikans. Wenn so ein Raumschiff in der Nähe einer Stadt aufkreuzt, dürften zudem die Hochhäuser zusammenkrachen."
WERDEN WIR JEMALS
verlässliche Antworten finden? Allzu groß sollten unsere Hoffnungen - oder Ängste, je nachdem - nicht sein. Harald Lesch: "Wenn wir Pech haben, ist die ganze Galaxis voller Leben, wir funken und fliegen herum, glauben uns sogar zu beobachten, aber wir können einfach nicht miteinander in Kontakt treten." Und selbst wenn eine technologisch überlegene außerirdische Zivilisation unsere Existenz registrieren würde: Welchen Grund hätte sie, sich mit uns "Ameisen" überhaupt zu beschäftigen? "Stellen Sie sich vor, Sie gehen spazieren und finden einen Ameisenhaufen", sagt Physiker Kaku: "Würden Sie sich bücken und sagen: 'Ich bringe euch Biotechnologie und Atomkraft. Bringt mich zu eurem Anführer!' Oder würden Sie die Ameisen zertrampeln? Nein, Sie würden sie wahrscheinlich in Ruhe lassen."
Aber wenn sie nun doch ...? Was könnten wir mit ihnen anfangen? Harald Lesch hat darauf eine höchst einfühlsame Antwort: "Ich persönlich würde - wenn man mit den Besuchern noch anders als über die Universalsprache der Mathematik kommunizieren könnte - herauszufinden versuchen, welche Bilder sie malen, welche Musik sie machen, welche Märchen sie erzählen und an welche Götter sie glauben. Das würde mir eine Menge über sie verraten."
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Im Fadenkreuz / P.M. (8 Seiten) / 2008
Sie glauben, Sie haben ein Privatleben? Seien Sie sich nicht zu sicher!
Mit technischen Tricks dringen professionelle Spione durch jede Tür, in jedes Auto und jedes Telefon.
P.M.-Autor Jörg Heuer hat einen Lauschangriff auf sich selbst in Auftrag gegeben. Ein Profi folgte tagelang - und verwanzte sogar mühelos seinen Computer
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Foto: Manfred Klimek |
Es ist fünf vor zwölf an einem entspannten Sommertag in Berlin. Doch die Aufregung steigt, der Countdown läuft. In fünf Minuten endet mein normales Leben erst mal. Ich habe einem Ex-Geheimdienst-Agenten den Auftrag erteilt, mich auszuforschen. Mich als Zielperson gläsern zu machen, heimlich in mein Auto und mein Hotelzimmer einzudringen, in mein Handy und in meinen Laptop. Um Punkt zwölf Uhr wird er sich an meine Fersen heften.
Und dann wird er genau das tun, was auch Nachrichtendienstler, Zielfahnder, Wirtschaftsagenten oder Privatdetektive so machen, wenn sie jemanden ins Visier nehmen: mir möglichst viele Geheimnisse abjagen. 48 Stunden habe ich dem Undercover-Ermittler gegeben, meine Privatsphäre auszuhebeln. Der Spion, der nichts als meine Visitenkarte und ein Foto hat, meinte, er habe für solche Operationen meist mehr Zeit, aber auch »die schnelle, schmutzige Nummer« sei kein Problem.
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Sein Handwerk hat der Mann, der anonym bleiben will, bei dem damals besten deutschen Nachrichtendienst gelernt. »Bei der Stasi«, sagt er. Menschen beschatten und überwachen, das ist noch immer sein Beruf. Sonst spioniert er im Auftrag mittelständischer Unternehmen oder Privatpersonen, die sich das leisten können und keine Skrupel kennen.
DIE ZEIT TICKT
Der Spion liegt auf der Lauer. Die Observation, immer der Beginn einer Ausforschung, läuft. Ich sehe meinen Schatten nicht, höre ihn nicht, weiß nicht mal, wie er aussieht. Ich versuche, alles genau so zu machen wie sonst auf Dienstreisen auch, wenn ich Protagonisten und Informanten treffe. Im beschaulichen Berlin-Kladow suche ich mir eine passende Unterkunft: ein Hotel mit italienischem Restaurant. Um Kastanien, Linden und Blumenkästen herum gepflegter Rasen. Der Blick geht über einen kleinen Hafen auf den glitzernden Berliner Wannsee,. Segelboote schaukeln auf den sanften Wellen, leicht gekleidete Menschen flanieren die Uferpromenade entlang.
Ich hole mein Gepäck aus dem Kofferraum, gucke mir im Hotel ein paar Zimmer an, beziehe das mit der Nummer 13. Es liegt im ersten Stock, besitzt von außen schwer zugängliche Fenster, blickdichte Gardinen und ein annehmbares Sicherheitsschloss. So eines, mit dem viele ihre Wohnungen, Häuser oder Geschäfte abschließen. Wenn Kongresse oder Messen in der Stadt sind, steigen hier gern Geschäftsleute, Ärzte und Professoren ab, erzählt die Dame an der Rezeption. Vermutlich auch schon manche echte Zielperson.
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Ich entscheide mich für einen Besuch im wenige Kilometer entfernten Schwimmbad. Ich ziehe die Tür des Zimmers zu, schließe zweimal ab. Den Schlüssel nehme ich mit. Das ist sicherer, als ihn an der Rezeption zu lassen, die nicht immer besetzt ist. Im Schwimmbad lasse ich mir Zeit. Mir fällt nichts Besonderes auf. Ich ziehe mich um, schalte mein Handy aus, verstaue die Sachen im Spind, stecke den Euro in den Schlitz, prüfe, ob der Schrank auch wirklich zu ist.
Was der Agent anstellt, während ich schwimme, erfahre ich zwei Tage später: Er öffnet meinen Spind mit dem passenden Pick. Sein Einbruchs-Sortiment besteht aus rund zwei Dutzend solcher gebogenen Eisenhaken. Er trägt es immer bei sich. Binnen fünf Sekunden hat er den Schrank auf. Der Spion schnappt sich den Hotelschlüssel, checkt mein Handy. Weil es aus ist, lässt er es liegen. Er hat zwar eine Spionagesoftware dabei (solche Programme, etwa FlexiSpy, gibt es für rund 150 Euro im Netz), kann sie aber nur auf das Handy laden, wenn es an ist.
Er schiebt den Euro zurück ins Schloss, schließt den Spind wieder zu und schlüpft in eine Umkleidekabine. Mit dem Spezial-Schlüsselkopiersystem »Quick-Key« (kostet 300 Euro und passt in jede Hosentasche) dupliziert er meinen Hotelschlüssel in drei Minuten: Eine schnell härtende Silikonmasse speichert den Abdruck des Schlüssels, der dann über einem Mini-Bunsenbrenner (ein Teelicht tut es auch) mit einer Eisenlegierung ausgegossen wird. Das macht keinen Krach, nicht mal schmutzige Finger. Quick-Key würde genauso bei Wohnungs- oder Autoschlüssel funktionieren.
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Mit der Schlüsselkopie hat der Spion freien Zutritt zu meinem Hotelzimmer.
MEIN AUTO PRÄPARIERT
der Spion praktisch im Vorübergehen: Er bückt sich, als schnüre er die Schuhe – in Wirklichkeit befestigt er einen GPS-Sender mit Magneten und wasserdichtem Plastik-Schutzgehäuse unter dem Wagen. Der batteriebetriebene Sender ist so klein wie ein Feuerzeug, die Installation nur ein Handgriff. Mithilfe des Senders kann der Agent an seinem Computer jetzt auf wenige Meter genau verfolgen, wo sich mein Auto gerade befindet. Und die Batterie hält zwei Tage – lang genug für diesen Auftrag.
Der Agent liegt gut in der Zeit. Er fährt zum Hotel, klopft an meine Zimmertür, wartet, guckt vorsichtshalber mit einer Speziallinse (made in China, 350 Euro) durch den Türspion ins Zimmer hinein. Niemand drin. Er geht rein, klappt meinen Laptop auf. Doch auch der ist ausgeschaltet. Auf die Schnelle hat der Spion – wie beim Handy – keine Chance, sein Schnüffelprogramm zu installieren (das sogenannte Root-Kit kann man ebenso im Internet für etwa 70 Euro he-runterladen). Stattdessen versteckt er einen kleinen schwarzen Peilsender (300 Euro, Reichweite wenige hundert Meter) inmitten eines Gewirrs von Kugelschreibern, Folien, Notizheften, Quittungen und Belegen in einem Seitenfach meiner Arbeitstasche. Mit der Digitalkamera filmt er dann die Einrichtung des Zimmers.
Zum Schluss fotografiert er Seiten aus meinem Adressbuch. Er hat es nur auf ein paar Namen,
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besonders auf Kosenamen von Kollegen und Freunden, abgesehen. Denn er will mir in Kürze eine Nachricht auf mein Handy schicken. Und in die Betreffzeile den Namen eines Freundes oder Kollegen schreiben, damit ich die Nachricht auch wirklich öffne und nicht etwa lösche. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, bei mir aber gar nicht nötig: Ich öffne alle Nachrichten.
Kurz testet der Spion, ob er das Türschloss auch mit dem Elektropick (einem batteriebetriebenen Vibrator mit Stahlhakenaufsatz, der die Sperrstifte im Schloss auf Öffnungsposition schlägt, 400 Euro) knacken kann, falls er den Nachschlüssel mal vergisst. Er kann. In Sekunden. Zufrieden verlässt er mein Zimmer. Der GPS-Sender an meinem Auto meldet, dass ich auf dem Rückweg bin.
Seit dem Mauerfall arbeitet der erfahrene Undercover-Agent wie viele seiner Ex-Geheimdienstkollegen aus Ost und West in der Überwachungsbranche, vornehmlich als »Informationsbeschaffer, Schwachstellenanalytiker und Problemlöser«. Der Umgang mit Spezial-Einbruchswerkzeug, Spionageelektronik und Spitzelsoftware ist so normal für ihn wie für den Maler Pinsel und Farbeimer, sagt er später.
ZUM JÜNGSTEN TELEKOM-SKANDAL
sagt er: »Da ist bisher nur ein Teil der Wahrheit ans Tageslicht gekommen. Wenn Profis darauf angesetzt werden, das Leck, aus dem Betriebsgeheimnisse abfließen,
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zu verifizieren, dann ist das Abgleichen von Verbindungsdaten, wie es bei der Telekom geschehen sein soll, nur ein kleiner Teil des Jobs. Der Sicherheitschef des Unternehmens würde mir nie wieder einen Job geben, wenn das alles wäre, was ich ihm liefere. Er will wissen, mit welchem illoyalen Manager seines Unternehmens der böse Journalist was besprochen hat. Er will Fotos sehen, Mails und SMS lesen, Gesprächsmitschnitte hören. Er will griffige Sachen haben. Beweise, Druckmittel. Spionage in der Wirtschaft ist längst das, was Doping im Spitzensport ist. Ohne sie hängen die anderen dich einfach ab. Telekom ist überall.«
Bei diesem 48-Stunden-Auftrag arbeitet der Ermittler mit einem Elektronik-Spezialisten zusammen. Dieser Berater stellt einen Teil des Equipments zur Verfügung. Er ist knapp zwei Meter groß, trägt nur Schwarz und wohnt am Rand von Berlin. Grundlagen seines Handwerks hat der Überwachungstechniker bei Konzernen im früheren Westteil der Stadt erlernt. »Wer möchte, darf mich Mister Q nennen«, sagt er. »Ich verhalte mich konspirativ. Das liegt in meinem Interesse – und natürlich im Interesse meiner Kunden.«
Mister Q entwickelt Spionagetechnik für Sicherheitsbehörden und private Ermittler. Er gehört zu den Besten, er kennt die Angriffstechniken – und er weiß natürlich auch, wie man sich am effizientesten vor Hightech-Spionageangriffen schützen kann. Man kann Mister Q anrufen und ihn beauftragen, wenn man glaubt, dass man abgehört oder ausgespäht wird. Seine Abwehrstrategien beginnen immer mit einer ausführlichen Beratung. |
»Sicherheit beinhaltet ein Bündel von Maßnahmen«, sagt Q: »Ein seriöses Sicherheitskonzept muss gemeinsam mit dem Klienten ausgearbeitet werden, es fängt beim Abhörschutz an und endet bei der Zutrittssicherung.« In seinen beiden Werkstätten in der Wohnung und im Keller fertigt er unter dem Stereomikroskop vor allem Audio- und Videowanzen. Sie liefern kristallklaren Ton und gestochen scharfe Farbbilder. Er tüftelt an Peilsendern, Körperschallmikrofonen, Einbruchswerkzeugen wie dem Quick-Key und dem Elektropick. »Der Besitz von Wanzen ist grundsätzlich erlaubt«, erklärt Mister Q. »Strafbar macht sich nur, wer die Wanzen und Überwachungskameras ohne richterliche Genehmigung in Steckdosen, Rauchmeldern und Wechselsprechanlagen installiert, sie also in Gegenständen des täglichen Gebrauchs tarnt. Meine Kunden sind jedoch nicht Endverbraucher, sondern Unternehmen in der Detektiv- und Bewachungsbranche und Behörden. Getarnte Wanzen dürfte auch ich nur mit einer behördlichen Genehmigung herstellen.«
AM SPÄTEN ABEND
sitze ich bei immer noch milden Temperaturen, dem zweiten Pils und einem halben Hähnchen im Biergarten am Wasser. Ich checke die Nachrichten, die sich auf meinem Handy gesammelt haben. Was ich nicht ahne: Auch der Spion hat eine Nachricht geschickt. Und einen Trojaner drangehängt: eine Spionagesoftware, die sich mit der Öffnung der Nachricht unbemerkt auf meinem Handy installiert. Sie manipuliert es so, dass fortan bei ein- und ausgehenden Anrufen automatisch eine Konferenzschaltung zum Spion eingerichtet wird. |
So hört er jedes meiner Telefonate mit – von mir unbemerkt. Er kann jede SMS und MMS, meine Kontakt- und Anruflisten lesen. Und er kann es als Wanze benutzen. Über die Freisprecheinrichtung hört er mit, was in meiner Umgebung gesprochen wird.
Der Spion reibt sich die Hände. Es funktioniert. Er hört mich mehrere unwichtige Telefonate führen und liest ein paar belanglose SMS, die ich versende. Über das Handy, das neben meinem Bierglas liegt, registriert er, dass die Vögel um mich herum zwitschern und ich mich mit einem Bekannten unterhalte, der sich an meinen Tisch gesetzt hat. Der kleine Peilsender in meiner Arbeitstasche gibt dem Spion meine genaue Position an.
Während ich schlafe, pirscht der Spitzel sich im Schutz der Dunkelheit wieder an mein Auto heran. Er steckt einen dünnen Spreizkeil aus Plastik von oben mit der flachen Seite in die Tür – genau dort, wo die Gummidichtung sitzt. Mit einem aufblasbaren kleinen Luftkissen biegt er die Tür ganz sanft gerade so weit auf, dass er arbeiten kann: Mit einer filigranen Spezialzange aus der Medizintechnik führt er die Audiowanze (400 Euro) ins Wageninnere ein und lässt sie hinter den Fahrersitz plumpsen. Die Alarmanlage mei-nes Autos springt nicht an, weil sie übers Schloss scharf gestellt ist. Dann entfernt der Spitzel Spreizkeil und Luftkissen, der chirurgische Eingriff in mein Auto ist abgeschlossen, die Wanze funkt. Die Batterie hält ein paar Tage. Nun gönnt sich der Spion einige Stunden Schlaf.
WÄHREND ICH DRAUSSEN
mit Blick auf den Wannsee frühstücke,
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installiert der Lausch- und Spähangreifer in meinem Zimmer, eine Überwachungskamera (350 Euro) – versteckt hinter den Lüftungslamellen des Kleiderschranks. Hinter dem Bild neben dem Bett befestigt er mit Klebeband eine weitere Audiowanze. Hätte er mehr Zeit und müssten die Wanzen länger senden, würde er sie in Steckdosen und Rauchmeldern installieren. Er setzt sich in sein Auto und wartet, bis ich mit dem Frühstück fertig bin. Sobald ich im Zimmer bin, aktiviert er Wanze und Kamera per Fernbedienung. Auf dem Videoscanner (800 Euro) sieht er in Farbe, über einen Empfänger (600 Euro) hört er in guter Qualität, was ich in Zimmer Nummer 13 mache. Zum Beispiel, dass ich den Computer anschalte und arbeite.
NACHDEM
er bereits Auto, Handy und Hotelzimmer gekapert hat, ist der Laptop das Einzige, worauf er noch keinen Zugriff hat. In der kurzen Zeit hat er nur eine Chance: Er muss ihn angeschaltet in die Hände bekommen. Und er hat Glück: Als am Abend wieder Besuch eintrifft, versetze ich aus Bequemlichkeit meinen Laptop in den Ruhezustand. Ein grober Fehler. Die Zeit, die ich mit dem Besuch in einem Lokal am Wasser verbringe, reicht dem Agenten locker, um das Spionageprogramm auf dem Computer zu installieren. Er braucht dafür nicht mal zehn Minuten. Dann läuft das Root Kit, das dem Spion die volle Kontrolle über meinen Computer gibt. Er kann Textdateien und E-Mails lesen, meiner Surf-Spur durchs Netz folgen, mein Passwort und meinen Kontostand sehen – alles. Für ihn sitze ich jetzt nackt im Glashaus.
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Sein Job ist schon lange vor Ablauf der 48-Stunden-Frist erledigt. Auch das macht nachdenklich. Und ganz schön Angst. Doch als wäre dies alles nicht schon haarsträubend genug, hat Mister Q am nächsten Tag, nach der Auswertung und Analyse des schnellen Lausch- und Spähangriffs, noch eine Bitte. Er will, dass ich sein Stereo-Körperschallmikrofon, das bei dieser Operation gar nicht zum Einsatz kam, teste. Zehn Jahre hat er daran getüftelt und es ständig verbessert. Er könne damit sogar durch einen halben Meter dicke Betonwände hören. Der Preis des Super-Ohrs: 2500 Euro.
Ich klebe das Körperschall-Mikrofon an zwei Wände irgendwo in Berlin. Die Installation dauert keine Minute. Das Hightech-Ohrfängt die Luftschwingen im Zielobjekt, die an die Wand prallen, und verstärkt sie viele Male. Ich setze mir gespannt die Kopfhörer auf. Einmal lausche ich weit in die Lagerhalle eines Freundes, den ich natürlich vorher um Erlaubnis fragte, hinein. Ein anderes Mal höre ich sogar das Ticken des Weckers im Schlafzimmer von ebenfalls eingeweihten Bekannten, die vorher nicht einmal ahnten, dass so etwas überhaupt möglich ist.
»Nur wer weiß, was heute technisch alles möglich ist, kann mit Fachwissen und professioneller Technik für seriösen Schutzsorgen und erfolgreich Wanzen suchen«, kommmentiert Q.
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Grün ist die Hoffnung / Wienerin (6 Seiten) / 2008
Grün ist die Hoffnung
In Kolumbien lagern die bedeutendsten Smaragdvorkommen der Welt. Die lupenreinsten Steine sind tausendmal teurer als Gold, wertvoller als Diamanten. Die WIENERIN hat in den Flüssen und Abraumhängen Frauen getroffen, die nachts vom „Millionen-Dollar-Stein“ träumen und tags danach schürfen.
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Foto: Günther Menn |
Der Fluss ist ihre ganze Hoffnung. Ihr Kraftquell. Mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sandra Fajado wischt sich mit dem nassen Unterarm über die Stirn. „Irgendwann wird er mir und meiner Familie ein besseres Leben schenken. Ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Von einer Sekunde auf die andere. Da bin ich mir sicher. Denn ich träume nicht nur nachts vom Millionen-Dollar-Stein, tiefgrün und glasklar, ohne Einschlüsse und Risse, ich schürfe auch tags danach. Zehn, zwölf Stunden lang, sieben Tage die Woche. Die Arbeit ist anstrengend, aber sie macht süchtig."
Die 21-jährige Kolumbianerin ist mit dem Minenarbeiter Gabriel, 29, verheiratet und Mutter der sechs Monate alten Tochter Dana Valentina und des dreijährigen Sohnes Jonathan. Bis zum Rand ihrer Gummistiefel steht sie in der von Schiefer und Geröll kaffeefarben-öligen Brühe, die sich den Weg von den Minen durch den Abraumhang ins Tal bahnt. Sie trägt Bluejeans, ein helles, ärmelloses Shirt und eine
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rosa Baseballkappe, unter der ihre schwarze, von Luftfeuchtigkeit und Schweiß schwere Mähne kaum Platz hat.
Jagd nach grünen Diamanten
Bevor sie zur Arbeit aufbricht, macht sie sich immer schick. Mit Lippenstift, Lidschatten, Wimperntusche und Nagellack. Als ob sie zu einem Date gehen würde. Sie trägt auch meistens Ohrclips, Armreifen und Fingerringe – und immer saubere Sachen, nie die völlig verdreckten von gestern: „Wir Kolumbianerinnen wollen schön sein, egal, wo wir sind und was wir machen“, sagt sie entschieden – und deutet auf mehrere andere, ebenfalls sehr hübsche junge Frauen und Mädchen. „Außerdem könnte es bei unserem Job ganz spontan etwas zu feiern geben. Und in Lumpen tanzt es sich nicht gut.“
Nach wenigen Minuten der Smaragd-Schürferei sieht die südamerikanische Schönheit jedoch aus, als schufte sie auf der Kohlehalde. Das Gesicht, die Hände, die Klamotten, alles ist schwarz verschmiert. Sie wirkt, als wäre sie mit einer Glasur überzogen. Doch die Augen der Kolumbianerin strahlen mit den blendend weißen Zähnen um die Wette. Sandra ist im Smaragd-Fieber. Sie hat jetzt keine Zeit zum Reden. Sie muss „konzentriert wie eine Jägerin“ sein, „gucken wie ein Adler“, sagt sie: „Sonst rumpelt das grüne Glück an mir vorbei. Oder jemand anderes schnappt es mir vor der Nase weg.“
Sandras Spähblick scannt den matschigen Boden. Ihre schlanken Finger arbeiten sich durch den dunklen Schiefer am Rand des
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plätschernden Rinnsals eines „Flusses“. Sie sucht nach etwas, das wie Splitter einer Bierflasche aussieht. Eine fingernagelgroße, eine daumendicke Scherbe könnte der Jackpott sein. Wenn man es geschickt anstellt, dann ist so ein Splitter im Matsch der Beginn eines sorgenfreien und finanziell unabhängigen Lebens.
In Träumen hat sich Sandra ihre neue Zukunft schon ausgemalt: Ein Haus mit Strom aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, am Rande einer kleinen Stadt, vielleicht am Meer. Und zu den zweien noch fünf Kinder dazu. Jedes soll ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett haben.
Schatzkammer Kolumbiens
Hier in Muzo, nicht unweit des Äquators, inmitten eines Landes, das als eines der gefährlichsten der Welt gilt, fühlt es sich an wie in einer Dampfsauna – einer Dampfsauna im Niemandsland. Asphaltierte Straßen, gut sortierte Supermärkte, gemütliche Restaurants, schnelle DSL-Leitungen und funktionierende Handynetze? Alles einige Autostunden entfernt. Von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá trennen uns rutschige Dschungelpisten, die mächtigen Drei- und Viertausender der Anden, serpentinenreichene Wege durch die Wolkendecke zum tropischen Regenwald in die entlegene 5000-Seelen-Gemeinde Muzo, der geheimnisvollen Welthauptstadt der Smaragde. Muzo ist die Schatzkammer Kolumbiens. In den feuchtheißen Tälern um die kleine Stadt werden die edelsten Smaragde überhaupt abgebaut.
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Die kostbaren Steine faszinieren durch ihre tiefgrüne Farbe. Die englische Queen, der Scheich von Brunei und der Sultan von Bahrain tragen die lupenreinen Millionensteine aus Muzo in der Krone. Sie sind tausend Mal teurer als Gold, die makellosesten wertvoller als Diamanten. Bis zu 100.000 US-Dollar zahlen Liebhaber für ein Karat (0,2 g).
Eine Summe, die sich die Menschen in der Indianersiedlung der Muisca schwer vorstellen können. Hier, wo die Familien in morschen Bretterbuden mit Wellblechdach, ohne fließend Wasser und Strom wohnen, wo die vielen Kinder weder Schuhwerk noch Oberbekleidung tragen – und große Augen machen, als sie uns Reporter sehen. Wir Gringos haben hier einen ähnlichen Seltenheitswert wie Geschirrspüler.
Die Muisca sind ein mit den Inka verwandtes Volk. Sie haben die Smaragdvorkommen in den Ausläufern der Anden vor mehr als tausend Jahren entdeckt. In den Legenden der Indios sind Smaragde „Tränen der Götter“.
Jedes Jahr fördert Kolumbien Smaragde für 400 Millionen US-Dollar. Noch einmal die gleiche Menge landet vermutlich auf dem Schwarzmarkt; etwa zwei von drei aller auf der Welt gehandelten „grünen Diamanten“ stammen aus der Region um Muzo.
Der Herrscher über diese abgelegenen Gegend, Don Victor Carranza, 71, Kolumbiens „Smaragdzar“ und ursprünglich ein Mann aus einfachsten Verhältnissen, der es durch die Edelsteine zum
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Multimilliardär gebracht hat, ist ausnahmsweise einverstanden, dass zwei Reporter durch sein Reich reisen. Wir müssen uns nur an seine Regeln halten. Die wichtigste steht in großen weißen Lettern am Hang über Muzo: „Paz Dios ve Todo“ – Friede, Gott sieht alles. Während in weiten Teilen Kolumbiens seit mehr als vierzig Jahren ein blutiger Bürgerkrieg zwischen rechten Paramillitärs und linken Guerilleros tobt, herrscht in Carranzas „Reich“, das immerhin so groß ist wie Bayern, seit fast zwei Jahrzehnten beständiger Frieden.
Desperados in Gummistiefeln
Im nur noch 700 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Muzo und den nahen, an den Berghängen wie Schwalbennester klebenden Dörfern Borbur, Coscuez, Mata de Cafe, Las Animas, die in der Welt der Edelsteine ebenfalls höchst wohlklingende Namen haben, sind schon vor Sonnenaufgang eine Menge Desperados und Abenteurer mit Gummistiefeln unterwegs. Sandra ist nur eine von Tausenden, vielleicht sogar Zehntausenden. Unzählige Frauen, Kinder und Männer, mit Spitzhacke und Schaufel, Sieb und Hammer bewaffnet, machen sich auf den Weg zu den Schürfgebieten. Zu den schwarzen Flüssen Río Minero und Río Itoco und den davon abzweigenden Böchen und Rinnsälen unterhalb der viele hundert Meter in die Berge hineinragenden Minen und den Abraumhängen davor.
Auf einmal hat Sandra wirklich einen grünen Splitter in der schwarzen Hand. Einen gar nicht mal so kleinen Rohsmaragd.
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Sie nimmt den Edelstein zwischen Daumen und Zeigefinger. Hält ihn gegen die Sonne. „Die Farbe ist gut, aber nicht sehr gut. Er ist zu hell. Er hat auch zu viele Einschlüsse“, sagt sie und wirkt ein wenig enttäuscht. „Die Händler werden mir dafür keinen besonders guten Preis machen. Vielleicht 70.000 Peso, umgerechnet 40 Dollar. Ich werde den Smaragd wohl besser im Dorfladen gegen Mais, Mehl, Milch, Bier und Schokolade eintauschen, das dürfte das klügste sein. Neben Peso sind die Edelsteine hier unsere zweite Währung. Das hat meine Familie und mich schon öfters vor dem Hunger bewahrt. Mittlerweile haben wir einen kleinen Smaragdvorrat immer in der Nähe unseres Hauses vergraben. Als eiserne Reserve für schlechte Zeiten."
Elsa-Maria, 40, und ihre Tochter Marina, 16, die einen Steinwurf neben Sandra im Fluss schürfen und jetzt neugierig herbei geeilt kommen, klopfen Sandra nach Ansicht des Fundes mitfühlend auf die Schulter. „Hey, Löwin, nicht den Kopf hängen lassen. Ein Stein ist besser als kein Stein“, sagt Marina.
Auch sie und ihre Mutter haben kürzlich, nach einer elend langen Pechsträhne von mehreren Wochen, ein paar beachtliche grüne Splitter aus dem Fluss gefischt. Einer von den vielen Händlern aus Bogotá, die in blitzblanken Toyota-Jeeps mit schicken Ledersitzen, bewaffneten Bodyguards und dicken Peso-Bündeln in der Hosentasche durch die Smaradgtäler patrouillieren, saubere Klamotten, Sonnenbrille, Hut und Cowboystiefel tragen, hat sie ihnen
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abgekauft. „Für umgerechnet 200 Dollar“, sagt Marina. Das ist nicht schlecht in einem Land, wo ein Monatsverdienst von 50 US-Dollar normal ist, wo die Minenarbeiter für ihren gefährlichen Job mehrere hundert Meter tief in der Erde bei großer Hitze, ätzendem Staub und miserabler Luft in schlechten Monaten nur die Hälfte bekommen.
Unter Wert
Mutter Elsa-Maria und Tochter Marina wissen ganz genau, dass ihre Steine auf dem Smaragdmarkt im Zentrum Bogotás ihnen tausend Dollar gebracht hätten. Dass sie nach dem Schliff im wie Fort Knox gesicherten Emerald Trade Center, wo die grünen Juwelen erst ihren bezaubernden Glanz bekommen, vielleicht ein paar tausend Dollar wert wären.
Aber die beiden Frauen wissen nicht, wie sie die gut hundert Kilometer über die Dschungelpiste hoch nach Bogotá – 2.600 Meter über dem Meeresspiegel gelegen –, kommen sollen. Es fährt kein Bus. Sie besitzen kein Auto. Sie leben alleine. Der Mann ist bei einem Unfall in der Mine vor sechs Jahren ums Leben gekommen.
Für die Frauen ist es ziemlich gefährlich, wenn sie alleine reisen. Lebensgefährlich ist es, mit Smaragden im Gepäck zu reisen. So haben Mutter und Tochter die feuchtheißen Täler um Muzo während all der Jahre, die sie hier arbeiten, noch nie verlassen. „Erst wenn wir der Erde den ganz großen, richtig wertvollen Stein abjagen, machen wir uns heimlich von hier fort und beginnen woanders ein neues
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Leben“, sagt Mutter Elsa-Maria. „Das ist unser Ziel. Und ich hoffe, wir erreichen es bald.
Denn die Schürferei zehrt gewaltig an den Kräften. Das sieht man an mir, an meinem Gesicht. Meine Tochter ist noch jung und frisch. Ihr soll es besser gehen, wenn sie so alt ist wie ich.“
Elsa-Maria, Marina, Sandra und all die Frauen und Männer in den Flüssen und Abraumhängen, die sich augenzwinkernd untereinander „Guaqueros“ (Geröllgeier) nennen, kennen ein paar Gesichter und ziemlich viele Geschichten von Smaragdschürfern, die plötzlich von hier verschwunden sind und zu Reichtum gekommen sein sollen. Die ihn wohl gefunden haben: den tiefgrünen Smaragd, von dem alle träumen. Nach dem alle schürfen. Doch den nur wenige finden.
Farbe der Hoffnung
Kurz vor Sonnenuntergang ist Feierabend. Sandra packt zusammen und schlurft hundemüde aber „irgendwie glücklich“ zu der klapprig-rostigen Seilbahn, die sie schaukelnd über das Tal in ihr Dorf chauffiert. Dann sind es nur noch zwei Kilometer bis zu ihrem „Haus“. Es ist eine bescheidene, auf Lehmboden gebaute Holzhütte mit nur einem Wohnraum, einem Bett, einer winzigen Kochnische und undichtem Dach. Drum herum völlige Dunkelheit, Bäume, Wäscheleinen, schlafende Hühner, eine Hängematte, das Außenklo.
Das Anwesen kostet 21.000 Peso (12 Dollar) Miete im Monat. Es gibt kein fließendes Wasser, aber doch meistens ein paar Stunden
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Strom aus der Steckdose. „Außer zur Regenzeit“, sagt Sandra beim Club-Colombia Bier unter dem funkelnden Sternenhimmel, während die Nachtvögel im Dschungel ihr Konzert anstimmen. „Wenn die Regentropfen trommeln, die Flüsse über die Ufer treten, dann sitzen wir abends bei Kerzenlicht. Das ist nicht immer nur romantisch."
Warten auf den Einen
Wie ein Lauffeuer spricht sich am nächsten Morgen die Nachricht herum, dass die Mineros (Minenarbeiter) in der Mine Catedral bald auf eine Smaragdader stoßen werden. Die Farbe der Gesteinsschichten weise darauf hin. Auch Sandra hat es eilig. „Grün ist die Hoffnung“, ruft sie, guckt in den Himmel und bekreuzigt sich.
Am Maschendrahtzaun vor der Mine trifft sie Elsa-Maria und Marina. Die drei Frauen beschließen, im Team zu arbeiten. Die Mineros karren den Schutt in kleinen Loren von tief unten ans Tageslicht und schütten ihn auf den Abraumhang. Die Geröllgeier, die drängelnd die Ellenbogen einsetzen, füllen den Schutt in Säcke und transportieren ihn ab, um ihn auf Edelsteine zu untersuchen. So macht es auch Sandras Mannschaft.
„In der Mine ist es staubig und dunkel. Die Arbeiter könnten Smaragde übersehen haben. Das ist unsere Chance“, erklärt Sandra. Mit Hämmern und bloßen Händen klopfen die Frauen die Schieferplatten auseinander.
Als die Temperatur auf 40 Grad im Schatten klettert und die Sonne
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fast im Zenit steht, funkelt es plötzlich grün zwischen dem schwarzen Gestein. Die Smaragde sind zwar nur sehr klein aber doch so viel Wert, dass die Kolumbianerinnen sich in den nächsten Wochen keine Sorgen machen müssen, wie sie Miete und Lebensmittel bezahlen können. „Kleine Steine sind besser als keine Steine“, sagt Sandra – und setzt sich, ermattet von der Arbeit, auf einen Holzstumpf.
Doch sie lächelt zufrieden.
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Der Rubel rollt / Matador (7 Seiten) / 2008
Der Rubel rollt
In Moskau leben mehr MILLIARDÄRE als in jeder anderen Stadt der Welt. Sie leisten sich protzige Villen, luxuriöse Vergnügungen und teure Geliebte. Alles nur vom Feinsten, bloß der Geschmack nicht immer.
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Foto: Günther Menn |
Noble Zurückhaltung ist gerade in Moskau etwas für den alten Adel. In Moskau wollen die Neureichen zeigen, was sie haben. Auch wenn sie sich bloß über einen Drittwohnsitz kundig machen. Zur Informationsveranstaltung in der Surikow-Halle fahren sie in Lambos und Ferraris vor und lassen sich von Frauen mit so tiefen Dekolletees eskortieren, dass man in Deckung gehen möchte.
Drinnen kostet ein Glas Weißwein 80 Dollar, aber es gibt auch Champagner. Die Küche grüßt mit Kaviar und kubanischen Zigarren, zur Auflockerung singt eine Girlband, die Viagra heißt und auch so aussieht. Hier wird heute Abend der höchste Wohnpalast der Welt vorgestellt, das Pentominium in Dubai: 516 Meter hoch, riesige Apartments mit Blick auf den Persischen Golf. „Wenn Sie hier ein Penthouse kaufen“, keilt der Einpeitscher auf der Bühne, „ist Gott Ihr Nachbar.“
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Leonid Kasinez hat kein Interesse an einer solchen Nachbarschaft, er ist bloß zur Marktbeobachtung vorbeigekommen. „Wir brauchen keine arabischen Emirate und keine Ölscheichs“, sagt der 41jährige mit milder Verachtung, „wir greifen selber nach den Sternen.“
Kasinez gehört der Bau- und Immobilienkonzern Barkli. Mit politischer Rückendeckung des Moskauer Bürgermeisters erwirbt er Filetgrundstücke in der russischen Hauptstadt, um Geschäfts- und Wohnpaläste hochzuziehen. Eine Barkli-Wohnung in bester Lage kostet Minimum 50.000, maximal 110.000 Dollar. Pro Quadratmeter. Das ist Weltrekord.
Auf über eine halbe Milliarde Dollar schätzt das Wirtschaftsmagazin Forbes sein Vermögen, Tendenz: rasant steigend. Wenn es so weitergeht mit dem Bauboom in Moskau, gehört Kasinez bald zu den „goldenen Hundert“, den hundert reichsten Russen. 60 Milliardäre leben in Russland, fast alle in Moskau – das macht die Stadt noch vor New York (wo es nur 32 Milliardäre gibt) zur Welthauptstadt der Megareichen.
Privat lebt der wortkarge Bau-Tycoon Kasinez eher bescheiden. Bis vor kurzem nächtigte er noch im Einzimmer-Apartment, erst vor wenigen Wochen bezog er ein Penthouse in einem seiner kremlnahen Marmorhäuser. Die Einrichtung: englischer Landhausstil mit Hightech aufgepeppt. „Dies ist eine intelligente Wohnung“, sagt Kasinez, „selbst der Klodeckel öffnet sich auf Knopfdruck.“ Über seine sonstigen
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Besitztümer schweigt er eisern. „Eine Berufskrankheit“, sagt er.
Moskau megareich
Die meisten der Moskauer Megareichen residieren an der „Rubljowka“, der 30 Kilometer langen Ausfallstraße nach Westen. Bis zu 12.000 Dollar kostet an der Parkallee, „Meile der Milliardäre“ genannt, ein Quadratmeter Bauland. Immer neue Hochsicherheits-Ghettos der Oligarchen schießen hier aus dem Boden. An die Villen, Schlösser und Burgen kommen Normalsterbliche nicht mal auf Sichtweite heran. Schlagbäume, Security-Armeen und meterhohe eiserne Vorhänge sorgen dafür, dass das Volk sich über den Protz und Prunk der Neureichen gar nicht erst empören kann: Fitnessstudios groß wie Schulsporthallen, Golfplätze, Wasserfälle, goldene Wasserhähne, Plüschbarock. Die Holzböden sind denen französischer Chateaus oder den Zarenschlössern St. Petersburgs nachempfunden, der Marmor stammt nicht aus der Toskana (viel zu gewöhnlich), sondern aus winzigen Minen in Guatemala oder Indien. Alles nur vom Feinsten und Besten, nur manchmal der Geschmack nicht.
An der Rubljowka residiert auch Nikolaj Gogol. Der 42jährige „Multi-Geschäftsmann“ besitzt Anteile am Energieriesen Gasprom, ein paar Baustoff- und Immobilienfirmen und Supermärkte und Ländereien in Sibirien. Gogol ist ein paar Hundert Millionen Dollar schwer, so
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genau kann er es selbst nicht sagen: „Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie mein aktueller Konto- und Vermögensstand ist“, meint er augenzwinkernd, während eine Haushälterin Erdbeeren „aus eigenem Anbau“ serviert. Seine neueste Geschäftsidee: „Ich baue einen Country Club.“
In einem weitläufigen Forst vor den Toren Moskaus hat er schon ein Polofeld, eine Galopprennbahn, eine Pferdeklinik, ein Luxushotel, künstlich angelegte Seen mit drei Tonnen Zuchtfisch und 30 Villen untergebracht. In den nächsten zwei Jahren will Gogol weiterexpandieren und „einen Sieben-Sterne Wohn- und Erlebnispark“ für Moskaus Megareiche hochziehen. „Ein Mann braucht eben immer Ziele“, weiß Gogol.
Auch an diesem Sonntag veranstaltet er in seinem Country Club ein Springturnier – eine gute Gelegenheit, Männer kennen zu lernen, die sonst nur in gepanzerten Limousinen an einem vorbeidonnern. Dimitri Selenin zum Beispiel: Der 44jährige Abramowitsch-Freund ist Gouverneur im Twerskaja-Gebiet, dem riesigen an Moskau angrenzenden Regierungsbezirk. Selenin flaniert in Jeans und Turnschuhen durch die VIP-Zone, aber man braucht sich davon nicht täuschen zu lassen. Seine politische Macht hat auch Selenin natürlich schon lange in klingende Münze umgesetzt. Rund eine Milliarde Dollar soll der Gouverneur bereits gehortet haben. Oleg Agibalow, Großfabrikant und ebenfalls ein Freund Gogols, sitzt mit seinem Clan unter dem Sonnenschirm und ist schon ein wenig betrunken: „Ich
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besitze zwei Residenzen an der Rubljowka. In der größeren hängen Kunstwerke aus der Dresdener Gemäldegalerie. Ich glaube, ihr habt für diese Kostbarkeiten einen ziemlich hässlichen Namen – Beutekunst.
Vor knapp drei Jahren hat der 43jährige Ex-Geheimdienstler von Ex-Präsident Putin persönlich den Orden „Ruhm Russlands“ verliehen bekommen: „Das ist in unserem herrlichen Land so eine Art Absolution“, grinst Agibalow. „Mit dem Orden an der Brust kann mir nicht mehr so viel passieren.“
Die Gesetze der Oligarchen
Wer erfahren will, wie die geheimnisvollen Oligarchen wirklich ticken, muss sich an Elena Lenina wenden. Zwei Jahre lang war sie Geliebte von Wladimir Jewtuschenko, der mit Elektronik, Kommunikation und Immobilien so viel verdient hat, dass auf der Liste der reichsten Russen mit 8,5 Milliarden Dollar Platz 14 belegt.
Elena, sehr blond und extrem ehrgeizig, macht aus ihrem Alter und ihrem richtigen Namen ein großes Geheimnis, stammt aus einem kleinen Dorf in Sibirien und lebt mittlerweile die meiste Zeit des Jahres in Paris. Mit ihrem Insiderbuch "Multimilliardäre" hat sie es in die russischen und französischen Bestsellerlisten geschafft. Elena kennt viele der Moskauer Oligarchen persönlich: Wladimir Potanin etwa, mit 15 Milliarden Dollar der viertreichste Russe, Michail Friedmann auf Platz sechs oder Bagit Alekperow, mit 12,2, Milliarden der Achte in den Milliardär-Charts. Deswegen kann man ihr getrost vertrauen, wenn sie
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über die Megareichen referiert: „Der typische Oligarch ist 44 Jahre alt, also fast 20 Jahre jünger als Milliardäre in den USA oder Westeuropa. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, die in Frankreich, der Schweiz oder England leben. Er hat ein Haus an der Rubljowka, eine Wohnung im Zentrum Moskaus und drei Residenzen im Ausland, er besitzt eine Yacht und zwei Flugzeuge, er hat vier Bodyguards und einen privaten Geheimdienst, der sich um die Absicherung und Erweiterung seiner Einflusssphäre kümmert.“
Nur kurz lässt sich Elena Lenina von ihrem Handy unterbrechen. Ein Geschäftsmann lädt sie zu seinem 55. Geburtstag ein, als „Farbtupfer“. Natürlich sagt sie zu. Sie kriegt ein Honorar dafür. Nachdem sie das Telefongespräch beendet hat, gibt sie Auskunft darüber, was in Moskau für die vielen Frauen der Alpha-Männer drin ist: „Der Oligarch unterhält neben seiner Ehefrau zwei Geliebte, aber er kauft ihnen keine Immobilien, sondern überlässt ihnen Kreditkarten mit einem monatlichen Limit zwischen 25.000 und 50.000 Dollar. Und die Diamanten zum Geburtstag können schon mal zwei Millionen Dollar kosten.“
Gibt es denn in diesem prächtigen Leben nirgendwo einen Haken? Doch, sagt Elena und wird plötzlich unvermutet ernst: „Der Oligarch vertraut niemandem, denn er wird permanent belauert: von der Konkurrenz, der Regierung und dem Geheimdienst FSB. Und obwohl der Oligarch sich mit den politischen Machthabern natürlich arrangiert hat, ist er immer scheu wie ein sibirisches Schneekaninchen.“
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Denn die Reichen wissen ganz genau: wer die Spielregeln verletzt, muss ins Exil – wie Boris Beresowski, ehemals reichster Russe, der sich mit Putin überwarf und mit nur Bruchteilen seines angehäuften Vermögens nach London fliehen musste. Oder er verschwindet im Arbeitslager wie Michael Chordorkowski, ehemals mächtiger Chef des Ölkonzerns Yukos. Der heute weitgehend enteignete 44jährige wollte mal im Präsidentschaftswahlkampf gegen Putin antreten – und wurde prompt wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu neun Jahren Haft verurteilt. Eine wirkungsvolle Demonstration, wer wirklich das Sagen hat.
Seit Chordorkowskis Verurteilung ist Moskaus Finanzadel politisch völlig verstummt. Jeder noch so Reiche weiß nur zu genau: wen der Kreml auf dem Kicker hat, der ist ganz schnell arm dran. Und es ist ganz egal, wie viele Nullen er auf dem Konto hat.
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Mit Schirm, Charme und Kanone / Maxim (6 Seiten) / 2007
Mit Schirm, Charme und Kanone
Geiselbefreiung,
Waffenkunde, Verhalten beim Gala-Dinner. In Potsdam bereitet
Deutschlands härteste Bodyguard-Schule zukünftige Personenschützer auf
den Einsatz vor. Denn das Böse kann jederzeit zuschlagen – wie auch
MAXIM erfahren musste.
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Foto: Günther Menn |
Das
uniformierte Kommando nähert sich fast ge- räuschlos, mit gezogenen
Waffen und jede Deckung ausnutzend, dem vierstöckigen Gebäude am Rand
des Waldes. Bis zur Wende war das hier eine NVA-Kaserne. Jetzt ist in
der ehemaligen Soldatenunterkunft, eine Autostunde von Potsdam
entfernt, eine Geisel versteckt. Eine junge Frau. Seit vier Tagen
leidet sie schon in den Händen der Kidnapper. Irgendwo im dritten Stock
dieser Ruine mit eingeschlagenen Fenstern und maroden Treppen ohne
Geländer. Geisel- und Geldübergabe sollen nach dem Willen der Kidnapper
gleichzeitig stattfinden. An verschiedenen Orten. Dieses Kommando, das
„A-Team“, hat den Auftrag, die Frau unversehrt in Sicherheit zu
bringen. Das „B-Team“ soll ein paar Kilometer entfernt das Lösegeld
übergeben. Die sechs Geiselbefreier – fünf Männer und eine Frau im
Alter von 25 bis 35 Jahren – tragen alle Codenamen: Uniform, Hotel,
Bravo, Oscar,
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Foxtrott, India. Und alle haben denselben Traum: Sie
wollen Bodyguards werden. In den letzten Tagen waren die angehenden
Personenschützer, die kurz vor dem Diplom stehen, im Dauereinsatz. Ein,
zwei Stunden Schlaf pro Tag waren schon viel. Ausbilder Mario, 33, ein
Fremdenlegionär mit einschlägiger Kriegserfahrung, und Sergej, 44,
Ex-Elitesoldat aus der Ukraine, haben sie täglich im Antiterrorkampf
(ATK) gedrillt. Sie sind nachts 17 Kilometer durch den Wald gerannt und
haben sich über eine Spezialsturmbahn gequält, die einen so hohen
Schwierigkeitsgrad hat, dass weder Polizei noch Bundeswehr ihre
Sondereinheiten drüberschicken. Sie haben gelernt, wie sie Sprengfallen
und Briefbomben erkennen, wie sie aus dem fahrenden Auto hechten. Sie
wissen jetzt, wie sie sich bei einem Gala-Dinner benehmen und wie sie
mit einem Verletzten auf der Schulter trotzdem noch den tödlichen
Schuss abgeben können. Sie haben sich aus Häusern abgeseilt und mit
Gasmaske auf dem Kopf durch dunkle Bunker geschlagen. Immer wieder
wurden sie hinterrücks von Terroristen und Killern überfallen. Einer
schnellte sogar aus dem Kinderwagen.
Ab durch die Hölle
„Es gibt keinen in der Truppe, der
keine Blessuren hat“, erklärt Foxtrott, 27, Türsteher von Beruf und mit
zwei Metern und 110 Kilo der Imposanteste von allen Azubis. „Wenig
Essen, kaum Pausen, Fernsehen, Internet, Alkohol – alles streng
verboten. So stell ich mir ein
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Guerilla-Ausbildungscamp vor.“ Uniform,
29, Stabsunteroffizier mit Einsatzerfahrung im Kosovo, führt die
Geiselbefreiungs-Truppe an. Dem trainierten Mann mit Glatze, dünnem
Bärtchen und Gasmaske am Gürtel stehen trotz der kalten Temperaturen
Schweißperlen auf der Stirn. „Das hier ist das Verrückteste und
Faszinierendste, was ich bisher auf dem Sicherheitssektor erlebt habe“,
flüstert er. „Mir kommt es vor, als ob ich in einem riesigen
Open-Air-Theaterspektakel mitspiele. Aber es macht Sinn. Denn das alles
hier kann für einen Bodyguard ganz schnell Realität werden. Die
Schweine da drinnen haben unsere Schutzperson geklaut, und wir holen
sie uns jetzt wieder.“ Uniform ist als „Kanonenfutter“ eingeteilt. Als
Frontmann muss er zuerst das Gebäude betreten und sich an der Spitze
des Kommandos weiter durch die Flure und Zimmer vorarbeiten: „Wenn es
knallt, gehe ich als Erster vor die Hunde. Das ist Fakt.“
Plätzlich knallt es. Die Entführer haben im Eingang eine Sehne gespannt. Uniform
hat sie nicht entdeckt. Das große Obstglas, das von der Sehne gehalten
wurde, zerplatzt am Boden. Die ganze Gruppe wirft sich in den Staub.
„Scheibenkleister“, zischt Uniform. Er weiß ganz genau – wäre das Glas
eine Bombe, hätte er gerade seinen letzten Atemzug getan. Und ein paar
Kameraden auch. „Unschöner Gedanke“, sagt er und rappelt sich auf.
Weiter geht es, hoch in den dritten Stock, wo die Geisel sein soll.
Adrenalin pocht im Hals jedes Einzelnen der Antiterror-Truppe. Ein
paarmal zerschellt noch etwas,
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ertönt schaurige Musik oder kracht ein
Chinaböller. „Eine Geisterbahn ist nichts dagegen“, flüstert Uniform,
während er sich im Schein der Taschenlampe den Weg durch das zugige
Geisterhaus bahnt. Plötzlich stockt ihm der Atem. „Da hinten ist
etwas“, flüstert er. „Es hat eine Flinte. Es sieht gar nicht gut aus.“
Treffen mit dem Teufel
Es
trägt Tarnjacke, Teufelsmaske und ein Maschinengewehr in der linken
Armbeuge. Es steht in der Ecke eines nach Schimmel und Schwierigkeiten
stinkenden Raumes mit vergitterten Fenstern. Mit der rechten Hand hält
der vermeintliche Gangster die Geisel umschlungen. Die verängstigte
Frau ist in eine Decke gehüllt. An ihrem Hals blitzt eine Pistole auf.
„Die Waffen weg. Nur einer kommt rein. Sehe ich einen zweiten Mann,
bricht hier das Inferno los“, droht der Teufel. Er zückt sein Handy und
telefoniert in einer fremden Sprache mit seinen Komplizen.
Uniform betritt schwitzend den Raum. „Alles klar. Wir tun, was sie
verlangen. Wir wollen nur die Frau abholen.“ „Ausziehen“, befiehlt der
Teufel schroff. „Ich will deinen Oberkörper sehen.“ Uniform tut, was
der Teufel verlangt. „Jetzt will ich einen zweiten Mann sehen“, poltert
der Teufel. Nach einigem Zögern, die Kommunikation über die Ohrstöpsel
funktioniert nicht so richtig, betritt Truppführer Hotel den Raum.
Seine Pistole legt der Ex-Gebirgsjäger am Eingang ab. Der Teufel
schubst die 24-jährige Studentin, die für 7,50 Euro die Stunde die
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Geisel spielt, zu ihm rüber. Erleichtert fängt Hotel die zierliche
Blondine mit dem verschmierten Make-up auf. „Game over.
Neutralisieren“, schnauft der Teufel, legt das MG aufs Fensterbrett und
zieht sich die rote Maske runter. „Das war ziemlich lasch, Leute. Ihr
wart zu langsam, seid in jede Falle getappt. Ihr sollt keine Gefahr für
die Geisel sein, ihr sollt sie heil herausholen. Kapiert endlich: Ein
guter Bodyguard zu sein bedeutet viel mehr als im schwulen Anzug, mit
schmalzigem Haar und schwarzem Knopf im Ohr auf Mister Wichtig zu
machen. Vergesst niemals: Eure stärkste Waffe sitzt zwischen den Ohren.
Kluge Leute nennen sie Gehirn.“
Kommandeur und Regisseur
Der
Teufel heißt Horst Pomplun, Codename „Papa“. Der beleibte 60-Jährige
sieht aus wie eine Mischung aus Roger Moore, Horst Schimanski und Bud
Spencer, entstammt einem alten Adelsgeschlecht (sein Urgroßvater war
Chef der kaiserlichen Leibgarde), war mal bei einer Spezialeinheit der
Berliner Polizei gewesen und ist heute als Betreiber von Deutschlands
bester und kuriosester Bodyguard-Akademie Kommandeur, Regisseur und
Drillsergeant in Personalunion.
„Eine fundiertere, vielschichtigere Personenschutzausbildung gibt es im
Umkreis von 1000 Kilometern nicht. Für mich ist Papa eine lebende
Legende“, sagt Rekrut Uniform am nächsten Morgen. „Er hat schon alles
erlebt. Alles gesehen. Und was er von uns verlangt, hat er auch
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selber
noch drauf. Wie ein guter Fußballtrainer.“
Zwei Süchte beherrschen das Leben des wortgewaltigen, äußerst strengen,
jedoch auch sehr humorvollen Mannes, den seine Schüler nur mit „Sir“
oder eben „Papa“ ansprechen, der arabische Palastwachen ausgebildet hat
und noch immer Stars, Scheichs, Prinzessinnen, Botschafter und
Staatspräsidenten beschützt: „Coca-Cola light trinken und Bodyguards
ausbilden.“ Ein Leben ohne, so Pomplun, könne er sich nicht vorstellen.
Pomplun lebt den Beruf Bodyguard, oft zum Leidwesen seiner Ehefrau, 24
Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Annähernd 365 Tage im Jahr.
Unentwegt feilt er an neuen Inszenierungen, die möglichst realitätsnah
sein sollen. Und das, obwohl er sich längst ein Leben ganz ohne Arbeit
leisten, das frühe Alter auf seinen Luxusanwesen im Sonnenstaat Florida
oder am Berliner Wannsee genießen könnte. Doch der füllige
Vollbartträger winkt ab: „Die Langeweile würde mich killen. Ich brauche
Leute, denen ich Beine machen kann.“
Rauchender Colt und kühler Kopf
Die
Kommandozentrale des Personenschutz-Camps ist eine Gründerzeitvilla in
allerbester Potsdamer Lage. Codename Kantine, unweit von den Anwesen
der Jauchs und Joops. Bis zur Wende saß hier die KGB-Zentrale
Deutschlands. Pomplun und seine in Polen geborene Frau Ewa – ebenfalls
Personenschützerin, Codename Zulu – haben die von den blaublütigen
Vorfahren geerbte, auf rund vier
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Millionen Euro taxierte Villa zur
Minikaserne umgestaltet. Im Dachgeschoss sind Mannschaftsunterkünfte
und Schulungsräume. Im Keller ist der Schießstand. Das Grundstück rund
ums Haus dient als Kasernenhof, Appell- und Exerzierplatz. Seit 1994
produziert das eigenwillige Ehepaar in Deutschlands einziger privater
Sicherheitsakademie mit bewaffneter Personenschutz-Ausbildung
Bodyguards wie am Fließband. Die Ausbildung wird seit einigen Jahren
vom Arbeitsamt unterstützt. Auch der Berufsförderungsdienst (BFD) der
Bundeswehr bezahlt Soldaten die Umschulung zum Bodyguard. Und sogar
Potsdams Industrie- und Handelskammer erkennt das Potsdamer
Personenschutz-Diplom per Zertifikat an. Sechs Module mit insgesamt
1100 Stunden umschließt die Ausbildung, bei der es immer wieder
plötzliche, fantasiereiche Wechsel zwischen Theorie und Praxis gibt.
„Ein Bodyguard muss immer mit allem rechnen“, erklärt „Papa“ Pomplun im
Fach Gesetzeskunde oben im Schulungsraum. „Vorhersehen, verhindern,
verduften“, laute die Devise: „Bodyguards haben weder die Aufgabe zu
töten noch zu sterben. Aber es ist immer noch gesünder zu töten, als zu
sterben. Für sie selbst und für die Schutzperson. Also, wenn der Kopf
kühl ist, darf der Colt ruhig rauchen.“ Für jedes Modul bezahlen die
Personenschutz-Kadetten gut 1000 Euro. In sechs bis acht Monaten können
sie es für den Gesamtpreis von 6450 Euro zum Titel „Staatlich geprüfter
Personenschützer“ oder „Meister für Schutz und Sicherheit“ bringen. 100
ist die Maximalpunktzahl, die ein Azubi pro Modul
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erreichen kann. Wer
keine 50 schafft, fällt durch, darf jedoch den Lehrgang auf eigene
Kosten wiederholen. Bislang haben rund 1600 Frauen und Männer aus
Deutschland und aus fast allen Staaten Europas sowie einigen Ländern Amerikas und Afrikas
Pompluns Leibwächter-Diplom verliehen bekommen. Insgesamt haben rund
8000 Bodyguard-Aspiranten an mindestens einem Modul teilgenommen.
Kürzlich war sogar eine Delegation aus China da. Die wollen
Sicherheitskräfte für die Olympischen Spiele 2008 von Pomplun ausbilden
lassen.
Ein Mix aus Bootcamp und Benimmschule
„Pausen, geregelte Mahlzeiten, Freizeitgestaltung sind während der Module
Fremdwörter. Eine der wichtigsten Trainingseinheiten ist Schlafentzug“,
erklärt Horst Pomplun. „Denn bei Einsätzen ist es durchaus normal, dass
Personenschützer mehrere Tage am Stück und rund um die Uhr voll da sein
müssen. Egal, ob der Job irgendwo im rauen Afghanistan oder im schönen
Aschaffenburg ist. Das macht keinen Unterschied.“
Physische und psychische Belastbarkeit, Gesetzeskunde, Waffenrecht,
Spezialschießtraining, Antiterrorkampf, Observation, Abseilen, Objekt-
und Gefährdungsanalyse, Orientierung im Gelände, Fahrtraining, Springen
und Schießen aus fahrenden Wagen, Häuserkampf, Teamverhalten und
Benimmregeln und Etikette – all das wird durchexerziert und benotet.
„Es herrscht eine starke Nachfrage
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nach Personenschützern mit Schirm,
Charme und Kanone“, referiert Pomplun feixend an seine Rekruten
gewandt. „Machos, Rambos und Faschos sollten lieber Friedhofsgärtner
bleiben.“ Viele der zwölf Azubis (zehn Männer und zwei Frauen) dieses
sechsten Moduls waren bei der Bundeswehr, einige sind arbeitslos, zwei
sind Türsteher und wollen sich beruflich verbessern. Sie kommen aus
Brandenburg und Bayern, Sachsen-Anhalt, Hamburg und Berlin. Der Älteste
ist 48, der Jüngste 24. „Gegen das hier ist die Bundeswehr ein
Kindergarten. Du musst immer mit einem Überfall auf deine Schutzperson
rechnen.
Jeder Penner im Park, jeder Kellner in der Kneipe kann der Killer sein.
In jeder Cola- oder Nudeldose kann der Sprengsatz versteckt sein“,
erklärt Yankee, ein Grenadier, den die Bundeswehr nicht
weiterbeschäftigen will, der aber die Umschulung zum bewaffneten
Bodyguard von seinem Dienstherrn bezahlt bekommt. Bodyguard für Manager
oder Diplomaten, sagt Yankee, sei sein „Traumberuf“, „die
Königsdisziplin aller Sicherheitsjobs“: „Ich kann mir keinen besseren
Beruf vorstellen. Man kommt herum, hat eine echte Aufgabe mit großer
Verantwortung und verdient dabei ganz gut. Ich will das Modul mit Note
2, mit über 80 Punkten abschließen. Je höher die Punktzahl, desto
größere Chancen habe ich bei der Berufsbewerbung. Ein gutes Diplom von
Papa öffnet auf jeden Fall viele Türen.“
Der 26-Jährige – schmales Gesicht, raspelkurzes Haar, nur 60 Kilogramm
schwer und der Kleinste der Truppe – ist heute
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„Diensthabender vom Tag“
(DvT). Als solcher gibt er die Tagesparole aus, bestimmt Sanitäter und
Fahrer. Er ist verantwortlich für den geordneten Dienstablauf der
Truppe. Und er bekommt auch den Anschiss, wenn etwas nicht klappt. Der
Job des DvTs beginnt und endet mit der allmorgendlichen Fahnenparade
vor der Potsdamer Gründerzeitvilla, die stets durch Freddy Quinns
Soldatenhymne „Hundert Mann und ein Befehl“ via Kassettenrekorder
musikalisch begleitet wird: „Irgendwo im fremden Land ziehen wir durch
Stein und Sand, fern von zu Haus und vogelfrei, hundert Mann und ich
bin dabei ...“ Die Rekruten singen den Text mit, während sie im
Stillgestanden verharren und die deutsche Flagge vor der hellgelb
gestrichenen Gründerzeitvilla gehisst wird. Auf der Straße vor dem Haus
fahren derweil Touristenbusse ganz langsam vorbei, die Insassen
fotografieren, was das Zeug hält, oder drücken sich an der Scheibe die
Nase breit.
„Die Sicherheitsakademie ist eine Mixtur aus Bootcamp und
Benimmschule“, sagt Whisky, 24, verschmitztes Jungengesicht, ebenfalls
Ex-Soldat. „Vor allem Disziplin, Durchsetzungswillen, Selbstvertrauen
wird einem hier antrainiert.“ Sein Selbstvertrauen läuft jedoch gerade
auf Sparflamme. Denn vorhin hat sich ein Schuss aus seiner Waffe
gelöst. Einfach so. Aus Unachtsamkeit, sagt er. Doch darauf steht die
Höchststrafe. Auch für Whisky, der im Umgang mit der Waffe bislang zu
den besten des Moduls gehörte. „War nur Schreckschussmunition“, wiegelt
Whisky ab. „Trotzdem werde ich in
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den Fächern Waffenkunde und
Schießtraining nun volle null Punkte kriegen. Das hat Papa mir schon
geflüstert. Er ist da knallhart.“
Einsatz am Potsdamer Platz
Und
knallhart geht es weiter: eine Vier-Kilometer-Runde mit Robb-Einlagen
um den Heiligensee in Potsdam. Bei Gasalarm im Keller die nur mit einem
Slip bekleidete Schutzperson aus der Sauna evakuieren und
wiederbeleben. Mit Gasmaske und verbundenen Augen zwei Colts auf Zeit
auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Nahkampf beim gar nicht
zimperlichen Ukrainer Sergej. Streife gehen um das Ausbildungslager.
Dann endlich kriegt Whisky mal wieder zwei Stunden Schlaf am Stück.
„Augen zu und durch“, sagt er und ist sofort weg. Er liegt mit
Klamotten im Bett. Damit er beim nächsten Alarm nicht so viel Zeit mit
Anziehen verliert.
Schwarze Limousinen und schöne Frauen. Die Dame, die in dieser Nacht
die Schutzperson spielt, möchte um 23.00 Uhr noch den Potsdamer Platz
in Berlin-Mitte besuchen. Ein bisschen Flanieren und eine Kleinigkeit
essen. „Alarmstart“, befiehlt DvT Tango: „Anzüge anziehen. Funk
checken. In fünf Minuten auf Position.“ Uniform, Juliet und Bravo
werden als „Vorauskommando“ eingeteilt. Sie werfen sich Zivilklamotten
über und preschen los. „Die Lage am Potsdamer Platz sondieren“, erklärt
Uniform. „Verdeckte Gesprächsaufklärung betreiben. Es könnte doch sein,
dass dort gerade irgendwelche Leute
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randalieren oder die Straßen durch
einen Unfall verstopft sind. Es ist unsere Aufgabe, das schnell und
präzise zu checken.“
Zwei schwarze Jeeps und zwei gepanzerte Limousinen verlassen die
Minikaserne in Potsdam. In Keilformation geht es über die Stadtautobahn
nach Berlin. „Das Fahren in Formation sieht gar nicht mal so schlecht
aus“, kommentiert Horst Pomplun, der es sich neben der mal wieder
ziemlich attraktiven Schutzperson im 600er Mercedes bequem gemacht hat.
Auch das Aussteigen am Potsdamer Platz klappt wie am Schnürchen. Sogar
beim Spaziergang wird die Schutzperson fast perfekt abgeschirmt. Einige
Passanten fragen die Männer im dunklen Anzug, wer sie denn sei. „Gucken
Sie morgen RTL Exklusiv“, lautet die Standardantwort der
Personenschützer.
Bevor die 24-Jährige das Restaurant betritt, haben Uniform, Hotel und
Oscar es schon gecheckt. Sie wissen, dass es eine hausinterne
Alarmanlage gibt, wo die Notausgänge sind und die Feuerlöscher hängen,
wie es mit der Hygiene in der Damentoilette aussieht – sogar, wie viele
Glühbirnen die Deckenlampen besitzen und mit welcher Wattzahl sie das
Restaurant beleuchten. Sie wissen auch, dass ein Kellner heute seinen
ersten Arbeitstag hat. „Den werde ich besonders im Auge behalten“, sagt
Uniform. „Papa“ Pomplun lehnt sich derweil zurück. Er bestellt für die
Schutzperson und sich Steaks und Salat. Als Getränk wählt sie einen
Wein, er natürlich Cola light.
„Und, wie fühlst du dich?“, fragt
Deutschlands bester BodyguardAusbilder die Studentin. „Absolut
sicher“, antwortet sie.
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„Das freut mich“, sagt Horst Pomplun. „Meine
Leute haben heute ausnahmsweise ihre stärkste Waffe eingeschaltet. Das
Hirn. Nach über 1000 Stunden Training wurde es auch endlich mal Zeit.“.
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Die Panzerknacker / Matador (6 Seiten) / 2007
Die Panzerknacker
Sie
sind Aufsperr-Genies. Und sie kennen nur ein Ziel: den perfekten
Einbruch. MATADOR hat den beiden besten Profi-Einsteigern Deutschlands
über die Schulter geschaut.
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Foto: Günther Menn |
Der
Marschbefehl kommt am Freitagabend. "Legen Sie los", sagt der
Auftraggeber am Telefon, während draußen die Nacht herabdunkelt. "Sie
haben 48 Stunden Zeit. Und ich erwarte einen perfekten Job."
"Alles klar, Chef", erwidert Mahmod Abu Shanab, "ich wirble keinen
Staub auf. Sie können sich auf mich verlassen."
Der 38-Jährige, in Deutschland geboren, aber mit familiären Wurzeln im
Nahen Osten, ist von Beruf Aufsperrexperte. Meister aller
Einbruchstechniken. In seinem ganz speziellen Hightech-Handwerk, gehört
er zu Deutschlands Besten. Er operiert von Hamburg aus, hat Klienten in
der ganzen Welt und öffnet etwa im Auftrag von Regierungen oder
Polizei-Spezialeinheiten Türen und Tresore.
Seine Operationen, sagt er, seien oft "reine Lauschangriffe", bei denen
es darum geht, unbemerkt in Wohnungen oder Autos von
|
Verdächtigen oder
Verbrechern zu gelangen, um sie mit Miniwanzen oder Peilsendern zu
versehen. Und sobald der Job erledigt ist, die Tür der Wohnung oder des
Autos wieder zu verschließen, ohne Spuren zu hinterlassen. Niemand darf
erfahren, dass er jemals am Einsatzort war.
Flipp-Pistolen gegen Panzerriegel
Diesmal
hat ihn ein privater Auftraggeber engagiert. "Das wird ein Dreikampf",
erklärt der Profi-Einsteiger, während er sich seine schwarze
Geheimdienstweste überstreift, ein Souvenir von einem Einsatz in
Libyen, wo er Agenten von Ghadafis Geheimdienst im Gebrauch von
Einbrecher-Spezialwerkzeugen unterwiesen hat. "Meine Aufgabe ist es
heute, zuerst den Panzerriegel der Bürotür, dann das Türschloss und
schließlich den Tresor zu knacken. Ich habe keine Ahnung, um welche
Fabrikate es sich handelt. Nicht mal, ob ich es mit mechanischem oder
mechatronischen Schließsystemen zu tun bekomme. Egal. Das macht die
Sache nur spannender."
Er und sein Gehilfe, der ihn bei dieser Operation begleitet, checken
noch einmal die acht Einbruchs-Einsatzkoffer mit Aufsperrgeräten, von
denen manche an Miniraumschiffe erinnern. Sie tragen Namen wie Sputnik,
Pin-Tumbler-Decoder, Automatic Dialer ITL 1000, Primuspick, New
Generation Pick, Hobb'scher Haken oder Flipp-Pistole und gehören zum
Arsenal von Nachrichtendienstlern und Zielfahndern, Sonderermittlern
und Wirtschaftsspionen. Und wohl auch von
|
technisch versierten
Berufskriminellen.
Kein Türschloss, keine Alarmanlage, kein Panzerschrank ist vor diesen
handgearbeiteten Präzisionsinstrumenten sicher. Sie knacken teuerste
Schließsysteme – auch jene, die alle relevanten Sicherheits- und
Sachversicherer (VDS) tragen und von den polizeilichen Beratungsstellen
empfohlen werden.
Shanab, der seine Werkzeuge bis nach Pakistan oder in den Iran
verkauft, in Hamburg einen Spyshop und einen Schlüsselnotdienst
betreibt und "gegen Vorlage eines Gewerbescheins oder
Behördenausweises" Anfänger- und Profiseminare über neueste
Öffnungstechniken gibt, behauptet, er manipuliere die meisten
Schließsysteme, ohne etwas zu zerstören. Meistens sogar, ohne einen
Kratzer zu hinterlassen.
Wer rein will, kommt rein. Überall
"Was
zugeht, geht auch wieder auf. Man braucht nicht einmal Kraft dafür. Nur
ein halbwegs ruhiges Händchen", erklärt Shanab, während er sein 100.000
Euro teures Equipment im Wagen verstaut. "Es ist alles nur eine Frage
des Werkzeugs und des Willens."
Mit 190 Sachen geht es nach Norden bis knapp vor die dänische Grenze.
Der Zielort von Shanabs Mission muss ebenso geheim bleiben wie der Name
seines Klienten, auch über die Höhe seines Honorares will er keine
Auskunft geben. Dafür liegt es ihm am Herzen, eines zu betonen: Sein
Job führe ihn manchmal zwar hart an die Grenzen der Legalität, aber er
achte immer darauf, auf der richtigen Seite zu
|
bleiben.
"Mein Klient besitzt an der Ostsee ein Unternehmen mit über hundert
Angestellten. Er hat ein Problem mit dem Geschäftsführer", erläutert er
die Hintergründe seines aktuellen Auftrags. "Der Unternehmer ist davon
überzeugt, dass der Geschäftsführer ihn betrügt, die Firma in die Hände
der Konkurrenz spielen und nebenbei ein paar Millionen einstecken will.
Doch niemand besitzt den Schlüssel zu seinem Büro, keiner kennt die
Kombination des Safes. Deswegen hat er mich gebeten, mal nachzugucken,
ob im Panzerschrank irgendwelche Schweinereien stecken."
Das Türschloss hält nur 15 Sekunden lang
Der Einsatzort ist erreicht. Der Chef des Werkschutzes, der währ- end dieser
Nachschicht nicht ganz zufällig alleine die Stellung hält, salutiert
höflich ohne überflüssige Fragen zu stellen.
Shanab, der kriminelle Einbrecher "Nachtschrauber" nennt, ist über die
Gebäudeverhältnisse bestens informiert. Vor dem Büro des
Geschäftsführers kniet er sich auf den Boden und untersucht mit einem
25.000 Euro teuren Spezial-Endoskop, wie es auch in der Medizintechnik
verwendet wird, die Schlösser und Panzerverriegelung. Ähnlich wie bei
einer Magenspiegelung erscheinen die Bilder des Zylinderinneren auf
einem mobilen Bildschirm.
"Der Panzerriegel hat eine Stange Geld gekostet, aber drinnen steckt
|
ein schrottiges Schloss", murmelt Shanab,
"kein Problem für mich." Er
schnappt sich den Elektropick New Generation. Der ist klein und
handlich wie eine Piccolo-Sektflasche. Ein leise surrender
Hochleistungsvibrator mit spitzer Sonde als Aufsatz. 500 Euro kostet
das Stück im Einzelhandel.
Die Sonde rüttelt im Zylinder mit einer Frequenz von 5000 Schlägen pro
Minute gegen die Sperrstifte, die sonst von den Zähnen des
Schlüsselbarts niedergedrückt werden. Es geht darum, die Stifte
gleichzeitig in die richtige Stellung zu bringen. Nach 15 Sekunden hat
der Panzerriegel seinen Namen nicht mehr verdient.
"Die Spuren der Manipulation sind nur unter dem Mikroskop sichtbar",
erklärt Shanab. "Natürlich nur für das geübte Auge."
Jetzt ist das Türschloss dran. Eine weitaus kniffligere Angelegenheit
und deswegen "ein Fall für den Sputnik". Ein Berufseinbrecher aus dem
ehemaligen Jugoslawien hat das Spezialwerkzeug entwickelt, das so klein
wie ein Teelöffel ist und zwischen 1500 und 5000 Euro kostet. Mit
seiner Erfindung war der Jugoslawe in Juweliergeschäften ein- und
ausgegangen, hatte Alarmanlagen aus- und wieder eingeschaltet,
Türschlösser auf- und wieder zugeschlossen. Die Polizei und die
Versicherungen standen lange Zeit vor einem Rästel. Shanab befand das
Gerät für "genial", kopierte und perfektionierte es. Der Gangster aus
Jugoslawien kann für seine Erfindung ja keine Markenrechte einklagen.
Er sitzt im Knast. Noch ziemlich lange.
Der Manipulationstechniker dreht vorsichtig an den Beinen des
|
Messinginstruments. Feine Stahldrähte schälen sich aus dem Inneren des
aufgesetzten Rohlings. Sie lesen das Profil des Zylinders aus.
Gleichzeitig werden die Daten gespeichert. Shanab wird mit ihnen später
in seiner Werkstatt einen Nachschlüssel feilen, das hat er mit seinem
Auftraggeber besprochen. Aber jetzt will er erstmal rein ins Büro.
Die flexiblen Stahlstifte des Sputniks drücken die Zylinderstifte im
Schloss genau so weit hinunter, wie es auch der Originalschlüssel mit
seinen Zähnen täte. Shanab fixiert die Stifte und dreht den Sputnik
zweimal. Die Tür springt auf.
Der Code für den Tresor kommt aus dem Computer
Nur
sechs Minuten Eindringzeit haben Shanab und sein gehilfe gebraucht, um
ins Büro zu kommen. Doch die größte Herausforderung seht ihnen noch
bevor, der Tresor.
Erfreut stellen die Männer fest, dass im Regal verbauter Panzerschrank
ein Zahlenkombinationsschloss besitzt. So muss Shanab nicht mit
Stethoskop, Endoskop oder dem Hobb'schen Haken hantieren. Er schließt
den Automatic Dialer ITL 1000 an. Das computergesteuerte Gerät aus den
USA geht nacheinander jede mögliche Zahlenkombination durch. Weil das
lange, schlimmstenfalls 24 Stunden dauern kann, aktiviert er zusätzlich
einen Beeper. Sobald der Dialer die Kombination gefunden hat, erhält
Shanab ein Signal.
Nach gut drei Stunden ist es soweit. Auf dem Display des Dialers
erscheint die richtige vierstellige Zahlenkombination. Und der Tresor
|
steht offen wie ein Scheunentor.
Schnell werden die Unterlagen kopiert, die Schlösser verschlossen, das
Einbruchsequipment verstaut. Der Job ist erledigt. Der Werkschutz-Mann
salutiert und hat immer noch keine Fragen. "Astreine Arbeit",
attestiert sich Shanab und schickt per SMS die verabredete
Vollzugsmeldung an seinen Auftraggeber.
Im Versuchslabor des Meister-Einbrechers
Alle
zwei Minuten wird in Deutschland eine Tür aufgebrochen, ein Fenster
eingeschlagen oder ein Schloss geknackt. 260.000 Einbrüche – jedes
Jahr. Doch die Einbrüche mit Spezialwerkzeugen tauchen in keiner
Statistik auf. Die Versicherungen beharren noch immer stur auf längst
veralteten Richtlinien: Wo es keine sichtbaren Spuren gibt, kann auch
kein Einbruch stattgefunden haben. Der Geschädigte muss den Nachweis
führen, dass jemand bei ihm eingestiegen ist. Nur dann bekommt er den
Schaden ersetzt.
"Das ist echt kriminell", zürnt Klaus Noch. Der gelernte Automech- aniker
betreibt in der Kölner City ein Parkhaus und lebt gut davon. Doch seine
Leidenschaft liegt woanders. Der 58-jährige Kettenraucher beschreibt
sich selbst als "Aufsperr-Junkie". Sein Kick besteht darin, Schlösser
ohne Originalschlüssel zu öffnen und ohne Spuren zu hinterlassen. "In
meiner Branche ist das die Königsklasse", sagt er. Wenn ihn das Fieber
packt, steckt er 3000 Euro im Monat in seine Sucht. Schlösser sind
teuer. Aber Schlösser sind sein Leben.
|
Auf dem "Seziertisch" seines Kellerlabors in Köln-Lövenich landen alle
neuen Schließsysteme und werden auf Schwachstellen geprüft. Fast
fanatisch sucht Noch nach der elegentesten Möglichkeit der
Manipulation. Und findet dabei meist eine Lösung. Er braucht dafür
Geduld, Geschick und manchmal auch ein wenig Genialität. Es geht darum,
den magischen Trick zu finden – den richtigen Dreh, um das
Schließsystem zu überwinden, dem Schloss sein Geheimnis abzuringen.
Schlösser kriegt er mit einem Fingerschnippen auf
Kürzlich
war er in England. Dort hat er Mitarbeitern der obersten Polizeibehörde
ein paar neue, von ihm erfundene Öffnungstechniken demonstriert. "Die
sind fast vom Stuhl gefallen." Sein einzigartiges Talent machen sich
auch deutsche Behörden zu Nutze. Noch schult regelmäßig Spezialisten
des Bundeskriminalamtes und der Landeskriminalämter. Auch führende
Schlosshersteller schätzen und fürchten sein Können. Gelegentlich
beauftragen ihn besonders Mutige zum Stundensatz von 55 Euro, die
Widerstandsfähigkeit ihrer Produkte zu testen. Länger als ein paar
Minuten braucht er selten. Wenn er fertig ist mit den vermeintlichen
Hochsicherheitsschlössern, ist die Gesichtsfarbe seiner Auftraggeber
immer sehr ungesund.
Noch setzt nicht so sehr auf Hightech, sondern geht seine Aufsperrjobs
robust an. Zum Beispiel bei einem mechatronischen Schloss mit
Zahlencode. Im Normalfall löst nur die richtige Ziffernfolge
|
den
Öffnungsimpuls aus. Noch muss bloß einen Rundmagneten mit 20 Kilogramm
Zugkraft an das mehrere hundert Euro teure Hightech-System halten, und
das Schloss ist wie von Zauberhand geknackt. Mit einem stärkeren
Magneten – 80 Kilogramm Zugkraft – bekommt er sogar ein Spezialsystem
auf, das über tausend Euro kostet und sich angeblich nur mit Chipkarte
öffnen lässt.
Ebenso faszinierend wie der Magnet-Trick ist Nochs Schlagtechnik: Er
nimmt einen Schlüsselrohling, bei dem er die Zähne alle auf die gleiche
Länge gefräst hat, und führt ihn in ein eben noch original verpacktes
Schloss ein, eines von der Qualität, wie sie 80 Prozent der
Bundesbürger in den Türen haben. Mit der gleichen lässigen Routine, mit
der andere ihr Frühstücksei aufklopfen, schlägt Klaus Noch das Schloss
auf. Mit einem Teelöffel. Er schafft das sogar mit bloßem
Fingerschnipsen. Doch meistens benutzt er einen hölzernen Hammerspiel.
Die Schlagtechnik hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Auch sie gehört
zum Repertoie "der Leute da draußen, die wir nicht kennen". Das ist
Nochs Umschreibung für Superbullen, Spezialagenten, Wirtschaftsspione
und Profieinbrecher.
Universalschlüssel für Luxus-Autos
Eine
weitere Erfindung aus seinem Kölner Kuriositäten-Kabinett sind seine
magischen Autoschlüssel. Er studiert so lange die mechanischen
Schließsysteme neuer Wagen, bis er den "Universalschlüssel" für ganze
Baureihen fräsen kann. Momentan hat er Porsche, Audi, VW,
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Opel und –
brandneu – BMW im Sortiment. Die Nachschlüssel verkauft er für 40 bis
80 Euro das Stück. An die Polizei, aber auch an "Gewerbetreibende".
In seinem Parkhaus demonstriert er, wie gut seine Werkzeuge
funktionieren. Man braucht Fingerspitzengefühl. Manchmal viel Geduld.
Aber es klappt immer.
"Es gibt kaum neue Herausforderungen", klagt Noch nach einem Besuch der
"Security" in Essen, der weltgrößten Fachmesse für Sicherheitstechnik.
Deshalb tüftelt er in seiner Werkstatt oft bis tief in die Nacht an
einem eigenen Schließzylinder, der nicht zu manipulieren ist. Mit
keiner derzeit bekannten Technik. Der zerstört werden muss, wenn man
ihn überwinden will.
"Nur so ein System hätte den Namen Sicherheitsschloss wirklich
verdient. Aber bislang ist mir keines in die Finger gekommen", sagt der
Spezialist. Nachdenklich blickt er aus dem Fenster in die funkle Kölner
Nacht. Dann schlurft er schon wieder runter in sein Labor. Es gibt noch
viel zu tun für ihn.
|
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Bei Kellers in Kirgisistan / National Geographic (9 Seiten) / 2006
Bei Kellers in Kirgisistan
In der Steppe nahe der chinesischen Grenze lebt eine baptistische Gemeinde noch wie zu Urgroßmutters Zeiten. Ein Besuch im letzten deutschen Dorf Zentralasiens, wo die Welt fast zu Ende ist.
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Foto: Jörg Müller |
Zöpfe,
naturblond und lang wie bei Burgfräulein – das ist das Erste, was mir
in Rotfront auffällt, diesem geheimnisvollen Dorf am Fuß des
Tianshan-Gebirges im Norden von Kirgisistan. Inmitten der kargen Steppe
des Tschui-Tals, nicht weit von der alten Seidenstraße. 350 Kilometer
sind es bis zur chinesischen Grenze und rund 7000 bis nach Berlin.
«Der Flug hierher ist immer eine Zeitreise in die Vergangenheit. Zwischen
Start und Landung liegen 100 Jahre», sagt Stephan Münchhoff, den ich in
der Dorfschule treffe. Der 33-jährige Thüringer unterrichtet hier im
Auftrag der Zentralstelle für Auslandsschulwesen seit fünf Jahren
Deutsch. «Die Arbeit macht Spaß, aber es ist schwer, mit den Familien
in Kontakt zu kommen. Dies ist ein abgekapselter, streng religiöser
Mikrokosmos. Ich war noch nie bei einem Schüler zu Hause!» Gut 200
deutschstämmige Einwohner hat der abgelegene Ort mit dem kurios
kämpferisch klingenden Namen noch,
|
die letzte deutsche Gemeinde in Zentralasien.
Eine exotische Insel fast am Ende der Welt, 1927 von
deutschen Auswanderern unter dem Namen Bergtal gegründet und nach dem
Zweiten Weltkrieg in Rotfront umbenannt. So wollten es die Sowjets.
Würzige Landluft und eine sympathische Weltfernheit durchziehen jeden
Winkel dieser östlichsten deutschen Siedlung. Sie besteht aus gerade
mal zwei parallelen Straßen, die von Bauernhöfen und Pappeln gesäumt
sind. Sie heißen „Unter dem Berg“ und „Freundschaft“.
Die Mädchen mit
der auffälligen Haarpracht tragen weder Schmuck noch Schminke. Sondern
stets lange Röcke, weite Pullover und flache Schuhe. So gehen sie zum
Unterricht, so spielen sie Volleyball, backen Brot, hüten Vieh, melken
Kühe, machen Butter und Käse, kehren mit Reisigbesen die Höfe und
ziehen rote Rüben aus der knochentrockenen Erde. Alles wie zu
Urgroßmutters Zeiten.
«Wir haben kein Internet und kein Fernsehen»,
erklärt mir die 18-jährige Lilli Keller fast ohne Akzent. «Und wir
dürfen uns nicht die Haare schneiden.» Sie kommt gerade von der
Bibelstunde im Bethaus. So nennen die Rotfronter ihre Kirche, einen
klobigen Bau aus den achtziger Jahren. «Wir leben hier hinter dem Mond.
Leider. Oder zum Glück. Keine Ahnung.»
Liane Schmidt, ebenfalls 18 und Lillis beste Freundin, ergänzt: «Der
Glaube bestimmt unsere Regeln. Wir pflegen alte Werte und Traditionen.
Jeder spielt mindestens ein Instrument, Mandoline, Geige, Klavier oder
Akkordeon. Und wir können stundenlang Lieder singen.»
|
Lilli lacht und
stubst Liane mit dem Ellenbogen an. Dann wird sie wieder ernst: «Wir
beide wollten dieses Jahr in der Hauptstadt Bischkek eigentlich die
weiterführende Schule besuchen», formuliert sie etwas umständlich. «Sie
werden es nicht glauben: Bisher hat noch kein deutsches Mädchen zwecks
Ausbildung das Dorf verlassen. Als die Eltern uns das endlich erlaubt
hatten, war die Gemeinde dagegen. Sie meint, in der Stadt würden wir
vom Glauben abfallen.»
«Und wie sieht eure Zukunft aus?», frage ich.
«Kirche und Kinder, Kühe und Küche», seufzen sie. Dann muss Lilli
schnell los. Das Abendessen für ihre neun Geschwister zubereiten.
Fast jeder Deutsche im Dorf gehört der christlichen Glaubensgemeinschaft der
Baptisten (Wiedertäufer) an. Es gibt weder Café noch Kneipe oder
Sportverein. Keinen Ort, an dem man sich treffen könnte. Alkohol und
Zigaretten, Sex vor der Ehe und Verhütung, eine Beziehung gar mit
Andersgläubigen – alles verboten. In meiner Unterkunft sind Strom und
Wasser ausgefallen. Aber der Ofen bollert. Zum Frühstück gibt es
schwarzen Tee und deftige Pferdewurst. Dann raus. Es hat sich schnell
herumgesprochen, dass Reporter da sind. Semmelblonde Kinder auf viel zu
großen Fahrrädern strahlen mich an und jubeln: «Guten Tag!» Behäbige
Bäuerinnen, das Haar hochgesteckt unter dem Kopftuch, stellen
schweigend Milcheimer an die Straße. Acht kirgisische Som, umgerechnet
16 Cent, bekommen sie pro Liter.
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In den Gärten hinter den meist
weiß-blau gestrichenen zweistöckigen Häusern gackern glückliche Hühner.
Schweine grunzen in windschiefen Ställen. Ein Reiter treibt Pferde über
die Koppel. Hinter der von der weichen Morgensonne beschienenen Herde
ragt der mehr als 4000 Meter hohe Gebirgszug auf. Stachelschweine,
Steinböcke, Steinadler und Wölfe leben dort oben. Gletscher leuchten.
«Das ist Medizin für einen Mitteleuropäer, was?», fragt mich plötz- lich
ein Mann mit blauen Augen und Oberlippenbart, als könne er meine
Gefühle lesen: «Keller mein Name. Johann Keller.» «Angenehm», erwidere
ich. «Ich habe schon von ihnen gehört. Sie sind doch der Vater von
Lilli und ihren Brüdern und Schwestern, oder? Die größte Familie hier.»
Keller guckt verblüfft. Dann begleitet er mich ein Stück und ver- schafft
mir Zugang zur Dorfgemeinschaft. Wir kommen zu den Höfen der Hamms und
Hofmanns, Janzens und Koops, Peters und Pauls, Thielmanns und Wedels.
Alles kinderreiche Clans und alle irgendwie miteinander verwandt. Der
Sohn des einen wurde mit der Tochter der anderen verheiratet. Mir fällt
auf, dass es viel mehr Mädchen als Jungen gibt. «In Zukunft wird das
Verheiraten unter Glaubensgleichen wohl schwierig werden», merke ich
an. Keller legt die Stirn in Falten. «Das ist nicht das einzige unserer
Probleme.»
Die Einrichtung der Häuser ist immer ähnlich und
überraschend modern: dunkle Schrankwand, bunte Teppiche, Plastikblumen,
kitschige Bilder mit deutschen Traumlandschaften und christlichen
|
Sinnsprüchen. Nescafé und Lux-Seife, Colgate, Telefon, Gefrierschrank
und Waschmaschine: alles da. Und in fast jeder Auffahrt ein Audi.
«Das ist das beste Auto für diese raue Gegend», erklärt mir Willi Hamm,
der 41-jährige stellvertretende Ortsvorsteher. «Irgendwann hat sich der
Erste einen aus Deutschland geholt. Dann haben es alle nachgemacht.»
«Viele Sachen aus dem Westen», verrät Lydia Koop, mit 76 Jahren die
Dorfälteste, seien von Verwandten in Deutschland bezahlt. «Wir haben
doch kaum Geld. Ich habe umgerechnet zwölf Euro Rente im Monat. Das
reicht gerade mal für Reis und Drops.»
Das Leben der Großfamilien bewegt sich fast ausschließlich zwischen Bethaus
und Bauernhof. Alle haben genügend Vieh und Acker, um sich ganz gut
selber zu versorgen. Was auf den Tisch kommt, kommt meist aus dem
eigenen Stall oder vom eigenen Feld.
Bezahlte Jobs in der Genossenschaft sind rar. Sie wurde vor zwölf Jahren aus den Relikten
der Kolchose gegründet und steht am Rand des Ruins. Die 1998 aus
deutschen Mitteln finanzierte und von Bundespräsident Roman Herzog
übergebene Molkerei steht still und verrottet. Die Kredite sind
versickert. Der ehemalige Ortsvorsteher Abram Falk wurde von der
Gemeinde verstoßen und hat das Dorf zusammen mit seinem elfköpfigen
Clan fluchtartig Richtung Deutschland verlassen. «Wer Glück hat,
verdient in der Bäckerei,
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Schlosserei oder Mühle ein paar Som. Aber
meist wird mit Naturalien bezahlt», sagt Johann Keller, der sich mit
einer Autowerkstatt selbständig gemacht hat. Dann präsentiert er mir
stolz seine Kinderschar: Lilli und Veronika, Anna, Erika, Erwin und
Regina, Franz, Nelli, Stefanie und Benjamin. Sie haben sich zum
Sonntagsmahl am Tisch versammelt. Es gibt Reis und Reh. Keller hat es
als Lohn für eine Autoreparatur bekommen.
Wir können zwar Russisch, aber zu Hause wird nur Deutsch gesprochen», sagt
Helene, die Mutter. Der 39-Jährigen steht die Mühsal des Alltags ins
Gesicht geschrieben. Meist schweigt sie. Bei den Rotfronter Baptisten
herrscht noch ein Rollenverständnis, wie die Bibel es vorgibt: Der Mann
ist das Haupt, das Weib die Gehilfin.
Auch bei den Kellers ist Vaters Wort Gesetz. Er erklärt mir die prekäre
Situation: Bis zum Zerfall der Sowjetunion lebten hier 2000 Deutsche
und nur zwei Kirgisen, die Viehtreiber. Dann erließ die Bundesregierung
die Rückführungsgesetze für Auslandsdeutsche. Jeder, der wollte, war
willkommen. Und die Verlockung war groß. Die Hoffnung auf ein
leichteres Leben fegte das Dorf leer. «Wir», sagt Keller und räuspert
sich, «wir werden auf keinen Fall in den Westen abhauen. Wir halten die
Stellung.» Lächelnd blickt er in die Runde. Niemand sonst lächelt.
Jetzt leben Kirgisen und Russen in den Häusern, die von ihren deutschen
Besitzern verlassen wurden. Man erkennt sie an den
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Fernsehantennen auf
dem Dach und an den morschen Zäunen. Die meisten Zugezogenen sind
Muslime. Sie gehen zum Beten in die Moschee des Nachbarorts Sowchos.
Wenn der Wind von Osten weht, hört man den Imam bis in Johann Kellers
Wohnstube. «Noch ist zum Glück alles friedlich», sagt Keller besorgt.
«Hoffentlich bleibt das so.»
Es ist ganz still. Im Bethaus und in den
Ställen sind die Lichter erloschen. Silbriges Mondlicht schimmert durch
die Blätter der schlanken Pappeln, die im Wind rascheln. Noch einmal
komme ich mit Lilli ins Gespräch. «Außer mir waren so ziemlich alle
schon mal in Deutschland. Wenn sie zurückkommen, ist es immer das
Gleiche. Die Frauen wollen dort leben, die Männer hier bleiben. Ich
frage mich, wie Gott diesen Konflikt lösen wird», erzählt die Schülerin
und blickt nachdenklich in den funkelnden Sternenhimmel.
Bevor sie ins Haus geht und sich in der Küche an den Abwasch macht, hat
sie noch eine Bitte an mich: «Schicken Sie mir Bücher, Prospekte und
auch Zeitschriften. Ich möchte so viel wie möglich wissen über Ihr
fernes, fremdes Land. Irgendwann wird es vielleicht auch mein Land
sein. Meine Heimat.»
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Stechschritt und Säbeltanz / Deutsch Magazin (6 Seiten) / 2006
Stechschritt und Säbeltanz
Harter
Drill und totale Unterordnung: In Chinas einziger
Mädchen-Shaolin-Kung-Fu-Schule leben, lernen und leiden Kinder aus
armen Familien. Fast alle haben einen Traum: Sie wollen
Kung-Fu-Schauspielerinnen werden.
|

Foto: Jörg Müller |
Alarm!
Ein scharfer Klingelton zerreißt die Nacht. Der Schreck saust in die
Glieder. Der Schmerz sticht in den Ohren. Erst nach einer Minute
verstummt das akustische Signal. Es ist Freitagmorgen, zehn vor halb
sechs und ziemlich kalt hier oben in den Bergen des Song Shen-Gebirges.
In Chinas einziger Shaolin-Kung-Fu-Mädchenschule beginnt der Tag.
Offizierin Ny Ying-Wang belauert durch die Fenster das für ihren
Geschmack »viel zu lasche« Erwachen ihrer Zöglinge. Die 24-jährige
Ausbilderin wippt ungeduldig mit dem Fuß: Sie ist Mitglied der
Kommunistischen Partei, Offizier der Reserve und Trägerin des fünften
Kung-Fu-Dans. Alle 70 zwischen sechs und 19 Jahre alten
Kampfkunst-Kadettinnen haben großen Respekt vor »Commander Wang«. So
nennen sie die stramme Sportskanone hinter vorgehaltener Hand. Am
Fahnenmast hoch über dem steinernen, blitzsauber gefegten Appellplatz
flattert die rote Staatsflagge.
|
Das von Mauern und Eisentor wie eine
Kaserne von der Außenwelt abgeschirmte Mädcheninternat liegt in
direkter Nachbarschaft zum Yongtai-Tempel. Der gilt als Wiege des
Zen-Buddhismus sowie Ursprungsort des Shaolin-Kampfsports für Frauen.
Noch heute leben, meditieren und arbeiten hier ein gutes Dutzend kahl
geschorene buddhistische Kampfnonnen an ihrer Erleuchtung, am perfekten
Zusammenspiel zwischen Körper und Geist.
Das Shaotin-Kung-Fu hat seine Wurzeln in der Lehre Buddhas: Im Jahr 520
nach Christus brachte es der indische Mönch Boddhidharma nach China. Um
die körperlichen Voraussetzungen für monatelange Meditationen zu
schaffen und den Körper wieder beweglich zu machen, entwickelte
Boddhidharma Kampfübungen zur Auflockerung und Stärkung des Körpers. Da
der Buddhismus Gewalt gegen Lebewesen ablehnt, wurden die Übungen schon
immer gewaltlos trainiert und nur in Notsituationen zur
Selbstverteidigung angewandt: Wenn die Mönche und Nonnen durchs Land
zogen, konnten sie sich bei Überfällen wehren und die verblüfften
Angreifer mit ihren spektakulären Tritt- und Schlagtechniken in die
Flucht schlagen.
Das landesweit bekannte Yongtai-Kloster ist ein idealer Werbeträger für
die 1999 eröffnete Mädchen-Kampfsport-Schule. Sie wurde von einer
reichen Chemiefabrikantin für Töchter aus armen Familien gebaut. Die
Unternehmerin wollte mittellosen Mädchen eine Karriere chance bieten.
Und diese Chance heißt im modernen China Kung-Fu Filmproduktionen
rekrutieren in Yongtai bereits Darstellerinnen für
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Shaolin-Soaps und
Kinofilme. Beim Militär, bei der Polizei, als Stewardess - in vielen
Branchen werden die Shaolin-Studentinnen bevorzugt eingestellt. Wegen
ihrer Kämpferqualitäten. Und wegen der bei chinesischen Bonzen und
Bossen beliebten Charaktereigenschaften: Die Mädchen aus Yongtai gelten
als besonders folgsam, fleißig, diszipliniert, leidensfähig und robust.
Ihnen all diese Eigenschaften einzutrichtern, dafür sind Ausbilderinnen
wie Ny Ying-Wang da. Nicht schlechte 2000 Yuang pro Monat (gut 200
Euro) bekommt sie für ihren Job. Plus Prämien, wenn ihre Schützlinge
Filmrollen ergattern oder bei Turnieren Medaillen abräumen.
Wie immer hat sie sich auch an diesem Morgen direkt neben ihrem Leitspruch
postiert: »Großer Wille erreicht große Ziele«, steht in gelben
Schriftzeichen an die rotbraune Wand gepinselt. Eine alte chinesische
Weisheit, gut leserlich im Schein der Laterne - und die
Kung-Fu-Meisterin steht wie ein Ausrufezeichen daneben.
Die Mädchen schlüpfen schnell in die rot-gelben Trainingsanzüge,
stolpern schweigend aus den zugigen Zwölf-Betten-Behausungen. Ein bis
anderthalb Meter kleine, durchtrainierte Körper mit meist langen
Haaren, noch schlaftrunkenen Bewegungen und bereits gehetzten
Gesichtern.
Die Freundinnen Ting Yu-Fun (13) und Jia Guo (16) sind schon draußen.
Commander Wang belohnt sie mit einem Lächeln. »Unsere Besten«, erklärt
sie stolz. »An ihnen können sich alle anderen ein Beispiel nehmen.«
Ting Yu, die niedliche Bauerntochter mit der Spange
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im Haar - sie will
bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 Kung-Fu-Olympiasiegerin
werden.
»Ehre fürs Vaterland, für die Schule, für die Familie erkämpfen«, sagt
das ebenso flinke wie ehrgeizige Fliegengewicht.
Zimmergenossin Jia, ein bildhübsches Arbeiterkind, das die Haare streng
nach hinten gekämmt trägt und in einem dicken Zopf münden lässt, will
Filmstar werden. Sie, die rechtschaffene, schöne Kung-Fu-Künstlerin
mit dem blinkenden Schwert, erfolgreich im Kampf gegen das destruktive
Böse. Gegen die Feinde des Fortschritts. Vielleicht als Agentin einer
Polizei-Spezialeinheit. So stellt Jia sich ihre Rollen vor. Damit ihr
Traum Wirklichkeit wird, studiert sie hier bereits seit drei Jahren und
vielleicht noch weitere drei - maximal dauert die Ausbildung in Yongtai
sechs Jahre. Durch das Kung-Fu, glaubt die Kleinstädterin, hat sie viel
größere Chancen, Filmrollen zu bekommen als Mädchen aus regulären
Schauspielschulen. »Hübsche Mädchen gibt es viele in China«, erklärt
Jia ihre Strategie. »Hübsche Mädchen, die etwas Besonderes können, gibt
es wenige. Die Ausbildung hier ist einmalig. Das Shaolin-Kung-Fu gibt
mir Selbstvertrauen und Sicherheit. Es macht mich schön und innerlich
ausgeglichen. Später beim Film werde ich meinen Kolleginnen und
Konkurrentinnen im Kampf um die großen Rollen in vielerlei Hinsicht
überlegen sein. Weil ich gesund, widerstandsfähig und mit mir selbst im
Reinen bin. Und weil ich kämpfen kann.«
Um halb sechs schrillt die Sirene zum zweiten Mal. Wischt alle
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Träume weg.
Und wieder verstummt der Trommelfell-Killer erst nach einer knappen
Minute. Gin Yue-Wei kommt als letzte angehetzt. »Ich war auf der
Toilette«, entschuldigt sich das Minimädchen vor versammelter
Mannschaft und macht einen schüchternen Knicks. Gin Yue ist gerade
sechs Jahre alt geworden, die Jüngste und erst seit vier Wochen in der
Kung-Fu-Kaserne. Ihre Eltern wohnen gut 2500 Kilometer weit weg. Die
strengen Schulregeln sind ihr noch nicht in Fleisch und Blut
übergegangen. Sie hat noch Babyspeck um die Hüften und ein rosiges,
pausbäckiges Gesicht. Wirkt noch verspielt, verschmitzt, verträumt.
Jetzt fast wie ein Fremdkörper unter all den uniformen Kindfrauen.
Commander Wang wirft der Kleinen einen bösen Blick zu. Mit einer
Kopfbewegung bedeutet sie ihr, schleunigst ins Glied zu treten. Ganz
nach hinten. Strafe muss sein. Aber kurz darauf zum Glück auch ein
aufmunternder, versöhnender Schulterklaps. »Nach rechts ausrichten.
Bauch rein, Brust raus. Hände an die Hosennaht«, befiehlt die
Drillspezialistin dann und vergräbt ihre Hände bis zum Anschlag in den
Taschen ihrer blauen Baumwolljacke: »Stillgestanden. Augen rechts.
Augen geradeaus«. Die Shaolin-Soldatinnen stehen stramm. Kein Mucks.
Kein Witzeln oder Wackeln. Nicht mal die Winzlinge im
Fast-Vorschulalter ganz links in der kerzengerade ausgerichteten
Kompanie, die Commander Wang jetzt mit scharfem Blick und rasseln dem
Schlüsselbund abschreitet, zucken. »Geht doch«, tobt die gewiefte
Genossin, und dabei huscht der Hauch eines Lächelns über
|
ihre rot
geschminkten Lippen. Dann folgt schon das nächste Kommando: »Bereit
machen zum Ausrücken. Arme anwinkeln. Rechts um. In Marschformation im
Laufschritt Marsch.«
Die kleinen Kinderfüße trommeln über den Steinfußboden durch das weiße
Eisentor hinaus unter den funkelnden Sternenhimmel. Als erstes steht
der 3 000-Meter Lauf an. Im Anschluss trainieren die zähen Mädchen auf
dem Parkplatz vor dem Tempel im Gleichschritt, sogar im Stechschritt zu
marschieren. Commander Wang ist voll in ihrem Element. Militärische
Grundausbildung ist ihr Ding.
Sie und die anderen Ausbilderinnen lassen die Kinder die Schulhymne
skandieren (»...um Frauen-Kung-Fu weiter zu entwickeln und zur vollen
Entfaltung zu bringen, lernen wir fleißig und machen später dem
Vaterland Ehre...«), wie Frösche steile Anstiege hochhüpfen und im
Entengang wieder runterwackeln, Gewichte stemmen, Schwerter schwingen,
Fäuste und Füße fliegen. Und wie Puppen mit eingebauten Sprungfedern
durch die Luft wirbeln. Gesprochen wird nur nach Aufforderung.
Gealbert, getratscht oder geneckt fast gar nicht. Den ganzen Tag geht
das so. Es ist ein ebenso graziles wie beeindrucken des Schauspiel mit
schönen, kraftvollen Bewegungen. Die balletähnlichen Säbeltänze und
kunstturnartigen Verrenkungen dauern an, bis es längst schon wieder
dunkel ist und um zehn vor neun Uhr die Sirene das letzte Mal zum
Zapfenstreich schrillt. Dann legt der kollektive Eifer eine
Vollbremsung hin.
Die Mädchen, die nie murren, kommen aus fast allen, oft Tausende
|
von
Kilometern entfernten Provinzen der riesigen Volksrepublik. Sie sind
Leistungssportler. Sie sind trotz der strengen Regeln gern hier. Sie
tun sich nur beim Kickboxen gegenseitig weh.
Alle mussten eine Aufnahmeprüfung bestehen und nachweisen, dass sie
auch wirklich aus armen Verhältnissen stammen. Ihre Eltern zahlen 6000
Yuan (gut 600 Euro) Schulgeld pro Jahr. Sie hoffen, dass ihren Kindern
später die weite Welt und die lukrativen Jobs offen stehen. Dass sie
nicht, wie sie selbst, für einen Hungerlohn auf dem Feld ackern oder in
der Fabrik schuften müssen. Viele nehmen Kredite auf oder borgen sich
das Ausbildungsgeld, rund die Hälfte ihres durchschnittlichen
Jahresverdienstes, in der Verwandtschaft zusammen. Sie übergeben ihre
Kinder in die Obhut der Erzieherinnen und sehen sie meist nur ein Mal
im Jahr - in den Ferien zum Frühlingsfest.
Bei überdurchschnittlichem Talent werden in Yongtai auch Kämpfernaturen
wie Ma Li-Jun (13) rekrutiert, deren Eltern das Schulgeld nicht berappen
können. »Ich bin dankbar, dass ich hier Shaolin Studieren darf.
Kampfkunst ist meine Leidenschaft«, sagt Ma Li brav, mit schüchtern zum
Boden gerichtetem Blick. »Ich werde das Vertrauen, das die Lehrer in
mich setzen, ganz sicher nicht enttäuschen. Das verspreche ich. Dafür
kämpfe ich jeden Tag um bessere Leistungen.« Wen man auch fragt, fast
alle Shaolin-Schülerinnen wollen Schauspielerin werden, in einer der
zig Kung-Fu-Produktionen mitspielen. Infiziert von diesem Virus wurden
|
sie vor dem heimischen Bildschirm. Die gut 60 chinesischen
Fernsehsender berieseln das Milliardenvolk den ganzen Tag lang mit
Hau-Drauf-Dramen und Tritt-Zu-Klamotten. In der Filmindustrie im Reich
der Mitte herrscht ein riesiger Bedarf an frischen Gesichtern und
Körpern. Ein Schauspieler ist der Held einer ganzen Generation:
Xiaolong Shi.
Jeder Teenager im Land kennt den Glatzkopf mit den Gummiknochen. Der
17-Jährige hat mit zwei Jahren angefangen, Kung-Fu zu lernen und mit
vier seine erste Rolle bekommen. Mittlerweile 18 Filme mit Titeln wie
»Whirlwind Boy«, »The Dragon in Shaolin«, »Magical Boy« oder »Enemyless
Fighter« gedreht. Er hat Millionen verdient und die Welt gesehen. Er
ist, wovon sie fast alle träumen: bejubelter Superstar. Für Xiao
Bing-Du ist der Traum schon ein Stück wahr geworden. Die 17-Jährige,
seit 2001 in Yongtai, kommt gerade vom mehrwöchigen Filmdreh mit dem
Titel »Geschichte einer Heldin« zurück. Xiao Bing spielt die Hauptrolle
in der Romanverfilmung des Bestsellerautors Jing Yong. Es heißt, dass
überall auf der Welt, wo ein Chinese lebt, mindestens ein Roman des
Kung-Fu-Kultautors im Bücherregal steht. 40, 50 Millionen Chinesen
werden den Fernsehfilm im kommenden Herbst sehen.
Die Schauspielerin trägt ihr Selbstbewusstsein im dezent geschminkten
Gesicht, am Körper Bluejeans und einen schwarzen Rollkragenpullover mit
»Diet Coke«- Aufschrift. Sie wird umringt, bewundert und ausgefragt von
den anderen Kung-Fu-Schülerinnen.
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Bis Commander Wang dazwischen geht.
»Was sie erreicht hat, könnt ihr alle schaffen«, sagt die strenge
Ausbilderin und deutet auf die mit den gelben Parolen voll gepflasterte
Wand. »Großer Wille erreicht große Ziele. Xiao Bing ist der Beweis.«
Der angehende Superstar nimmt Haltung an. Und lächelt: »Jawohl«. Dann
schnappt sie sich ein Schwert und vollführt ein paar Kunststücke damit.
Das sieht sehr elegant aus. Und anmutend. Und natürlich auch ein
bisschen gefährlich.
Am Sonntag ist ausschlafen befohlen. Bis sieben Uhr. Danach Stuben- und
Revierreinigung mit anschließender Putz- und Flickstunde. An jedem
zweiten Sonntag geht's zum Duschen in die zwölf Kilometer entfernte
Stadt Dengfeng. Parolen, die die Moral der bezopften Truppe verbessern
und die Mädchen zu größeren Leistungen anspornen sollen, stehen an fast
allen Wänden der Kinder- und Jugend-Kampfsport-Schule. An den
Unterkünften, der Küche, den Schulräumen, der Sporthalle. Selbst im
Plumpsklo: »Mit vorbildlichem Einsatz für Volk und Vaterland. Fleißig
und folgsam sollt ihr sein. Leidenschaftlich und selbstlos, loyal und
vertrauenswürdig«. Respekt, Achtung, Beharrlichkeit, Dankbarkeit,
Zielstrebigkeit sind weitere erzieherische Schlagwörter, die an den
putzbröckelnden Wänden stehen. Und immer wieder geben die Lehrer
markige Sprüche zum Besten: »Zeigt dem Gegner eure Stärke, damit er
seine Schwäche fühlt«.
Es gibt keine Heizung im Camp. In der Küche und im Speisesaal frisst
|
sich Schimmelpilz durch die feuchten Wände. Allerlei Insekten machen
sich ein fettes Leben. Das »Badezimmer« mit fließend kaltem Wasser ist
unter freiem Himmel und besonders im Winter bei Temperaturen bis minus
15 Grad ein echter Härtetest. Süßigkeiten bekommen die Kinder nur auf
Zuteilung. Ein Münztelefon muss für alle reichen. Es gibt kein Geschäft
in der Nähe. Keine anderen Kinder, mit denen sie sprechen oder spielen
können. Doch das ist egal, denn Ausgang gibt es sowieso nicht. Und ein
paar Stunden Freizeit am Stück nur, wenn die Eltern am Sonntag mal zu
Besuch kommen. Und trotzdem: Die meisten Kinder werden hier viel besser
genährt und gekleidet als zu Hause. Kein Mädchen klagt
über Heimweh.
Der »Tagesdienstablaufplan« unter der Woche ist mehr als hart. Die
Kinder werden durch die Tage gehetzt: Aufstehen um fünf Uhr 20. Eine
Stunde Frühsport. Schule bis 13 Uhr. Danach Training bis zum
Zapfenstreich. In den kurzen Pausen sollen die Schüler selbstständig an
der »Abstellung ihrer Schwächen« arbeiten. Und wehe, es wird mal jemand
auf dem Bett erwischt. Aber das ist nur ganz selten der Fall. Die
Shaolin-Schülerinnen legen sogar freiwillig Sonderschichten
ein. Üben den Tanz mit dem Säbel, Saltis und Spagat. Spornen sich
gegenseitig an. Es macht ihnen wirklich Spaß. Sie wollen die immer
gleichen Bewegungen perfektionieren, Körper und Geist in Einklang
bringen.
»Die Mädchen werden von uns planmäßig an und dann auch über ihre
Grenzen geführt. Shaolin auf hohem Niveau ist die völlige
|
Harmonie
zwischen Körper und Geist. Es gehört viel Verzicht, Demut und Disziplin
dazu, um es in diesem Sport zu etwas zu bringen«, erklärt die
stellvertretende Camp-Kommandantin Dong Wuu, selbst erst 25 und nur
knapp einsvierzig groß, das harte Regiment an der
Kung-Fu-Kaderschmiede. »Die Mädchen wissen, worauf sie sich einlassen.
Auch, dass sie in eine Männerdomäne, in Jahrhunderte alte Traditionen
einbrechen und somit auch für die Gleichberechtigung kämpfen. Da sind
starker Charakter und eiserner Wille gefragt.«
Meng Hao-Li und Meng Han-Li sitzen schweigend auf der Treppenstufe
unter der roten Fahne. Die eineiigen, neun Jahre alten Zwillinge mit
den kecken Seitenzöpfen haben gerade erfahren, dass sie sich trennen
müssen. Das erste Mal im Leben. Und dann gleich für mehrere Monate.
Meng Hao ist von einem ziegenbärtigen Talent-Scout gesichtet und für
gut genug befunden worden, an einer Kung-Fu-Tournee durch halb Europa
teilzunehmen. Sie weiß nichts von diesem fernen Kontinent. Sie hat
Angst, sagt sie. Will nicht weg von ihrer Schwester und all den lieb
gewonnenen Freundinnen im Camp. Doch die Lehrer meinen, sie muss. Das
sei ihre große Chance. Eine Ausbilderin nimmt das Mädchen unter der im
Wind flatternden Fahne zur Seite, tätschelt ihre Schulter und ermahnt
es mit sanfter Stimme und lächelndem Gesicht: »Harte Mädchen weinen
nicht«.
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Stadt der Konkubinen / Amica (5 Seiten) / 2004
Die Stadt der Konkubinen
Willkommen in Shenzhen: Hier arbeiten sehr viele neureiche Chinesen. Und ihre "Zweitfrauen".
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Foto: Jens Palme |
Im
Separee der Karaokebar "Xin ren" (Großes Vertrauen) geht der Abend in
die entscheidende Phase. Xiao Hong und Zhang Li springen auf die Tische
und lassen Bauchnabel und Busen aufblitzen, ehe sie den glücklich
beschwipsten Herren im Publikum auf die Schöße hüpfen. Noch drei
Schnulzen lang Nahkampf-Fummeln auf den muffigen Stoffsofas, dann
ziehen zwei glückliche Männer mit den beiden ab. Im ersten Stock gibt
es Betten, in denen man das Kennenlernen vertiefen kann.
Xiao Hong und Zhang Li sind 18 und 19 und stammen aus der gut 1000
Kilometer entfernten Provinz Hubei. Die Bauerntöchter haben nur bis zur
fünften Klasse die Dorfschule besucht. Mehr Bildung konnten sich ihre
Eltern nicht leisten. Danach sah es nicht gut aus für die beiden in dem
verarmten Kaff. Kein Job. Kein Geld. Keine Hoffnung auf baldige
Besserung. Und in der Fernsehwerbung all die
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schönen Sachen, die es
jetzt auch in China zu kaufen gibt, aber für Mädchen vom Land so
unerreichbar sind wie der Mond. Deshalb haben sie sich aufgemacht, um
in Shenzen, der reichsten Stadt Chinas, ihr Glück zu suchen.
Jetzt sind sie "Er nai", erklärte Zhang Li mit so viel Stolz, als wären
sie und ihre Freundin in der Neun-Millionen-Metropole im Hinterland
Hongkongs berühmte Models oder wenigstens Moderatorinnen bei einem der
sechs Lokalsender geworden. Tatsächlich sind sie Prostituierte. "Er
nai" ("Zweitfrau") ist eine Konkubine. Die Dorfschönheiten haben sich
zwei verheiratete Geschäftsmänner aus Hongkong geangelt. "Goldesel",
kichert Zhang Li. "Gute Männer", kichert Xiao Hong.
Die Männer im Alter
ihrer Väter handeln mit Elektronikartikeln und sind in die Klasse der
neureichen Millionäre aufgestiegen. Da kann man sich schon eine
Geliebte gönnen. Ohnehin gehören in China Konkubinen seit jeher zu den
unverzichtbaren Statussymbolen begüterter und gesellschaftlich hoch
stehender Männer. Selbst für Parteibosse und Armeegeneräle gilt der
Grundsatz, nach dem schon der Kulturrevolutionär Mao Zedong bis ins
Greisenalter gelebt haben soll: je jünger die Mädchen desto besser. Die
Geschäftsmänner schauen alle paar Tage oder Wochen vorbei, um mit ihren
Mietgespielinnen zu singen, zu trinken und im Bett endlich einmal alle
Hemmungen zu verlieren. Die Mädchen bekommen dafür umgerechnet 1000
Euro im
|
Monat – weit mehr, als ihre Eltern jährlich verdienen. Zur
Rundumversorgung gehört auch eine Wohnung im Stadtteil Sazhui: zwei
kleine Zimmer, Küche, Bad. "Wir leben im Luxus", sagt Zhang Li. "Als
normale Arbeiterinnen könnten wir von so etwas nur träumen", bestätigt
Xiao Hong. In ihren von Sicherheitsleuten bewachten Apartmenthäusern
wohnen nur junge Frauen wie sie. In den Blocks rundherum auch: 5000
Zweitfrauen bevölkern Chinas größtes "Konkubinendorf". Sazhui ist ein
zum Stadtteil gewuchertes Bordell.
Auf den Straßen flanieren Pärchen mit grotesken Altersunterschieden,
überall warten als Friseursalons oder Karaokebars getarnte Bordelle auf
Kundschaft, werden einem "Massagen" oder eine "Miss" angepriesen. In
einem schmierigen Hinterzimmer-Büro führt uns ein Zuhälter per
Videoübertragung den frisch in der Stadt eingetroffenen Nachschub vor,
der in anderen Hinterzimmern eng aneinander hockt. Man könne sofort
testen, sagt der 20-jährige Mädchenhändler, ab 150 Yuan (15 Euro) für
Sex, "Chunü" (Jungfrauen) würden das 20fache kosten. Und selbst seine
Jüngsten wüssten bereits, was Männer mögen, er habe ihnen genügend
Pornofilme gezeigt. Dann zoomt der Zuhälter für uns die Hübschesten
näher heran, gibt kurze Befehle durchs Funkgerät: "Du da, mit dem roten
Pullover, zeig deine Brüste. Ganz links außen, dreh deinen Hintern zur
Kamera." Die Mädchen parieren.
Das alles passiert in einem Land, in dem Prostitution strengstens
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verboten ist. Doch hier in Shenzhen sind solche Gesetze nur ein Witz.
Es gibt zu viele reiche Männer in Shenzhen, und reiche Männer haben
auch in der kommunistischen Volksrepublik alle Rechte auf ihrer Seite.
Die meisten kommen aus dem nahe gelegenen Hongkong. Der benachbarte
Wirtschaftsgigant heizt das horizontale Gewerbe in Shenzhen wie ein
Hochofen an. In gleich sieben Konkubinenvierteln
sind 20 000 Zweitfrauen untergebracht, und im gesamten Stadtgebiet
hoffen 200 000 Prostituierte darauf, einen Versorger zu finden.
Immobilienmakler und Menschenhändler verdienen sich dabei eine goldene
Nase. Mafiosi stecken sich die Taschen voll: Sie verwalten gemeinsam
die eigentlich verbotenen Städtchen.
Die allgegenwärtigen Security-Trupps, von Ex-Polizisten kommandiert,
passen mit Argusaugen und modernster Spitzeltechnik auf, dass es keine
Probleme gibt, die Schmier- und Schmutzgelder in die richtigen Kanäle
fließen und nicht zu viele und zu harte Drogen im Umlauf sind. Und dass
niemand allzu Neugieriger hinter die Kulissen blickt. Vor allem kein
westlicher Journalist. Eine falsche Frage, ein Notizblock oder eine
Kamera können hier zu Prügel und Problemen führen.
"Feld, Fließband, Friseursalon", erklärt die 19-jährige Zhang Li aus
der Karaokebar "Großes Vertrauen" ihre Stationen auf dem Weg nach
Shenzhen. "Dann wurde ich in einer Disco von meinem Hongkonger Freund
entdeckt. Unter 150 Mädchen wählte er mich aus. Es war wie
|
ein Gewinn
in der Lotterie. Von seinem Geld kaufe ich mir teure Kleider, Schuhe
und Make-up. Mehrmals im Monat gehe ich zur Kosmetik. Es bleibt sogar
noch genug für meine Eltern übrig. Ich bin jetzt der Haupternährer der
Familie." Doch das attraktive Mädchen möchte nicht nur schön bleiben,
shoppen gehen und in der Wohnung auf ihren Gönner warten. Sie will auch
Spaß haben, sagt sie, und deshalb tanzt sie in der Karaokebar, auch
wenn ihr Freund nicht dabei sei.
Und wenn ihr ein Gast gefalle, habe sie Sex mit ihm. Gegen Bezahlung.
Ihr Hongkong-Mann allerdings darf davon nichts erfahren, sonst würde er
sie sofort aus der Wohnung werfen. Ohnehin ist ihr jetzt schon klar:
"Mit Anfang 20 werde ich ihm zu alt sein. Er wird sich eine Jüngere
nehmen. Bis dahin will ich so viel gespart haben, dass ich einen
Friseursalon aufmachen kann." Zum Abendessen in einem Restaurant in
Sazhui ist sie mit ihren Freundinnen Bai Li und Huang Juan verabredet.
Auch sie sind von Beruf Zweitfrau. Bai Li ist fröhlich. Die mit ihrer
beachtlichen Größe, der hellen Haut und dem ovalen Gesicht das
chinesische Schönheitsideal haargenau verkörpernde Nordchinesin hat von
ihrem Freund einen 1000-Euro-Brillantring geschenkt bekommen. Sie sieht
den Ring als Zeichen dafür, was er versprochen hat: sich scheiden zu
lassen und sie zu heiraten.
Die kleine Huang Juan ist nervös. Für heute Nacht hat sich ihr Freund
angemeldet, nach fast zwei Monaten Funkstille. Deshalb muss sie
|
nachher
noch zur Kosmetik. Und zum Friseur. Und Dessous kaufen. Und Eiswürfel
besorgen: Für "Huo he Bing" (Feuer und Eis), eine Sextechnik, bei der
das Mädchen abwechselnd heißen Tee und Eiswasser trinkt, während sie
ihm einen bläst – angeblich der Hit bei Hongkong-Chinesen.
Ich sitze inzwischen bei "Mami" Ah Li, einer professionellen
Vermittlerin. Sie beordert per Telefon drei Teenager in ihr Büro in
Buji. Ich hatte ihr erzählt, ich wäre Bauingenieur, würde ein paar
Monate in Shenzhen arbeiten und für diese Zeit eine Konkubine brauchen.
Als die Mädchen sehen, wer auf sie wartet, sind sie erschrocken: "Ein
Ausländer!", bricht es aus Fei Fei, 18, heraus. Nur zögernd setzen sich
Li Yan, 17, und Wang Hua, 19, auf den Hocker. Alle drei kichern,
tuscheln, starren bestürzt auf meine Hose. Genau auf die Stelle ein
paar Zentimeter unterhalb der Gürtelschnalle. Die Mädchen aus fernen
Provinzen in Zentralchina glauben, erklärt die 28-jährige
Mädchenhändlerin, dass ich, wie alle Westler, riesige Geschlechtsorgane
haben müsse. Ganz so, wie sie es in den hier üblichen
Hardcore-Lehrpornos gesehen haben.
Meine Wahl fällt auf Fei Fei. Nachdem sie später in einer Bar ein paar
Lieder geträllert und Limonaden getrunken hat, erklärt sie mir, dass
sie bereits von Freitagnachmittag bis Montagmorgen ausgebucht sei. Für
mich hätte sie von Dienstag bis Donnerstag Zeit. Falls mir das genügen
|
würde, müsse ich für sie eine möblierte Wohnung mieten, möglichst mit
Einbauküche und Badewanne, und außerdem 8000 Yuan (800 Euro) im Monat
zahlen. Ich lehne aus vollem Herzen ab. Lasse ein paar 100 Yuan Ausfallhonorar auf dem Tisch in der Karaokebar zurück. Und bin weg.
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DIE JÜNGSTE STADT DER WELT / Horizonte (14 Seiten) / 2004
Die jüngste Stadt der Welt
Kennen Sie Shenzhen? Diese Stadt bricht alle Rekorde: In 25 Jahren wucherte sie vom Fischerdorf zur Neun-Millionen-Einwohner-Metropole. Kaum jemand ist älter als 30, und alle leben ihren Traum von Karriere und schnellem Geld. Jetzt ist Shenzhen dabei, das New York Chinas zu werden. |

Foto: Patrick Voigt |
Vor
fünf Jahren war Hanxin Chen noch ein kleiner Grafik-Designer, der
für wenig Geld viel arbeiten musste. Die 1500 Yuan (etwa 150 Euro)
Monatsverdienst reichten gerade für Miete, Mobiltelefon und
Lebensmittel. Ganz selten mal für einen nächtlichen Barbesuch. Doch an
eine Nacht erinnert sich der einen Meter siebzig große Chinese mit dem
gestylten Kinnbärtchen und den frisch polierten Fingernägeln besonders
gern. Weil sie sein Leben veränderte. Weil sie ihn reich machte: „Ich
kam gerade aus London zurück. Dort war alles anders. So cool. In der
Bar in Shenzhen dagegen, die ich nach meiner Rückkehr aus Europa
besuchte, war es bedrückend. Die Biermädchen spielten gelangweilt
Würfel. Ein Betrunkener sang kläglich Karaoke. Die Inneneinrichtung war
schädlich fürs Auge“, erinnert sich der 39-Jährige. „Ich dachte darüber
nach, wie es wäre, wenn ich selber einen Nachtclub aufmachen würde.“
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Es war Anfang 1999, und Hanxin Chen hatte beim Bier das, was er heute
seine „goldene Idee“ nennt: „Ein exklusiver Club im westlichen Stil:
deutsches Bier, französischer Champagner, kolumbianischer Kaffee,
kubanische Zigarren, argentinische Steaks, italienisches Design,
britische Coolness, chinesische Gastfreundschaft. Spitzenköche,
Live-Events, Elite-DJs. Techno, House, Hiphop, auch ein bisschen Blues
und Jazz. Und natürlich glamouröse Gäste. Models, Künstler,
Schauspieler, Sportler. Topleute aus der Wirtschaft. Und Ausländer.
10000 leben in Shenzhen. Eine halbe Million besucht die Stadt jedes
Jahr.“ Heute besitzt Chen sechs „Erlebnisrestaurationen“,in denen auf
über 10000 Quadratmetern mehr als 600 Angestellte für ihn arbeiten. Die
meisten sind zwischen 20 und 25 Jahre alt, stammen aus den armen
Provinzen Zentralund Nordchinas. Seine Leute verdienen „sehr gut“,
versichert Chen: 100 Euro die Tellerwäscher, 150 die Kellner, 2000 das
obere Management. Der staatliche Mindestlohn liegt bei 45 Euro. Chen
hat’s geschafft, lebt „den modernen chinesischen Traum“: vom
mittellosen Mann zum Millionär. Zum Multimillionär. Und das binnen fünf
Jahren. „Das geht nur noch im Wilden Osten. In Shenzhen liegen die
Scheine noch auf der Straße.“ Dann braust der Glücksritter in seinem
Audi TT davon. Winkend, mit offenem Dach. Durch die blinkenden
Hochhausschluchten der brodelnden Riesenstadt.
Vor 25 Jahren war Shenzhen noch ein verschlafenes Fischerdorf zwischen
Perlflussdelta und Südchinesischem Meer. Ein paar Jahre nach dem Tod des
Diktators und Kulturrevolutionärs Mao Zedong verfügte 1979 dessen
Nachfolger und Erneuerer Deng Xiaoping, hier,
|
in Sichtweite Hongkongs,
ein ökonomisches Experiment gigantischen Ausmaßes zu starten.
Vom Fischerdorf zur Finanzmetropole
Er deklarierte das Fischernest zur „Sonderwirtschaftszone“. Auf begrenztem
Raum sollte sich das sozialistische China ausländischen Investoren
öffnen, ein Stück Marktwirtschaft erproben. Mit chinesischer Macht,
westlichen Moneten und einem Millionen-Heer von Bauarbeitern. Anfang
der 80er-Jahre war Baubeginn.
Fortan galten für das revolutionäre Stadt-Experiment Superlative: am
höchsten, am schnellsten, am spektakulärsten, am jüngsten. Die
kommunistischen Planer genehmigen alles, was nach Zukunft schmeckt.
Ziel der Entwicklung (Slogan: „A beautiful boom city“) ist es, ein
Umfeld wie Singapur mit der Effizienz von Hongkong zu kreuzen.
Wenn das Experiment erfolgreich ist, wird sich die Urbanisierung ganz
Chinas daran orientieren, so hoffen die Strategen der roten Stadt- und
Staatsregierung unisono. Und das kann die ganze Volksrepublik
wirtschaftlich schnell weit nach vorn bringen. Die
Neun-Millionen-Metropole Shenzhen ist eine „Tigerstadt“, die so
heißt,weil sie mit einem gewaltigen Satz auf die Weltbühne geplatzt
ist,sämtliche Entwicklungsschritte vom Fischerdorf zur Mega-City
einfach übersprungen hat und kraftstrotzend als monumentales
Antlitz des asiatischen Aufschwungs daherkommt. Der Altersdurchschnitt
ihrer Bewohner beträgt 25 Jahre. Damit ist Shenzhen die jüngste Stadt
der Welt. Und nach einer Untersuchung des chinesischen
|
Verkehrsministeriums sind die Menschen hier in den Supermärkten, auf
den Straßen und Bürgersteigen auch zügiger als anderswo im Land
unterwegs. Als Arbeiter oder Angestellter gehört man in der getunten
Großstadt mit Mitte 30 bereits zum alten Eisen. Frauen spüren den Druck
des Verdrängungswettbewerbs bereits mit Ende 20. Spätestens dann wird
es Zeit, dass sie sich entweder etwas aufgebaut oder angespart haben –
oder die Stadt verlassen. Als Reporter knapp unter 40 fühlt man sich
bei einem so hohen Tempo und so vielen faltenlosen Gesichtern, wie sich
in normal gewachsenen Metropolen ein 60-Jähriger fühlen muss: alt.
Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von garantiert immer um die 15
Prozent (2003 waren es sogar 17 Prozent) ist die Turbo-Stadt
Wirtschaftswunder, Exportmaschine und Magnet für arbeitssuchende Massen
zugleich: Im Großraum der expandierenden Metropole gibt es derzeit rund
42000 Privatunternehmen (gut tausend mit ausländischer Beteiligung),
sowie knapp 180000 kleinere Familienfirmen. Hier werden die meisten
Plastikkugelschreiber, T-Shirts, Regenjacken, Spielzeugautos und
Einwegrasierer hergestellt. Aber auch immer mehr Hightech-Produkte.
Diese wichtige Industriesparte macht im Großraum Shenzhen bereits 48
Prozent der Gesamtwirtschaft aus: Etwa zehn Prozent der
Harddisk-Treiber und 30 Prozent der Magnetköpfe, die weltweit verkauft
werden, stammen aus der Metropole am Südchinesischen Meer. Fast 20
Prozent der gesamten Exportgüter Chinas kommen bereits aus Shenzhen.
Die geschichts-, aber nicht gesichtslose Stadt, die 1999 vom
Weltarchitektenverband UIA den |
Preis für Stadtplanung verliehen
bekommen hat, ist nicht nur die neueste, sondern auch die reichste und
teuerste Metropole der Volksrepublik: Es gibt fünf 5-Sterne-Hotels. Ein
Kaffee und frisch gepresster Orangensaft kostet hier fast den halben
Monatsverdienst eines Bauarbeiters. Maklerfirmen werben auf
fußballfeldgroßen Plakaten mit 680 Quadratmeter großen Luxuswohnungen
und 360-Grad-Rundumblick über die City. Nirgendwo sonst in China fahren
so viele XXL-Limousinen von BMW, Mercedes, Bentley und Jaguar herum.
Viele mit abgedunkelten Scheiben und livriertem Chauffeur. Chinas erste
Shopping Malls mit Gucci,Prada,Versace, Boss und Co. und die ersten
McDonald’s-Filialen wurden allesamt in der Stadt eröffnet, in der das
Geld regiert. So ist auch ein neueres chinesisches Sprichwort zu
verstehen: „Du glaubst,du bist reich, bis du deinen Fuß das erste Mal
nach Shenzhen setzt.“
Mit einer Gesamtfläche von 1953 Quadratkilometern
(die Sonderwirtschaftszone ist „nur“ 396 Quadratkilometer groß, deren
gut vier Millionen Bewohner benötigen einen speziellen Ausweis) ist die
Stadt,die Spötter „das kommunistische Los Angeles“ nennen, doppelt so
groß wie Hongkong. Ein wogendes, buntes Meer aus vornehmlich in hohe
Stiefel und Minirock oder enge Jeans und Turnschuhe gekleidete, ständig
telefonierende (die Handyminute kostet 0,4 Cent) Teens und Twens,
protzigen Wolkenkratzern, riesigen Baukränen und breiten Straßen.
Die jungen Arbeitssuchenden strömen aus allen Regionen des Riesenreichs in
die glitzernde Großstadt im Süden, in der noch immer |
die meisten ein
Auskommen finden. Die Arbeitslosenrate liegt bei drei Prozent. Das
durchschnittliche Pro-Kopf-Jahreseinkommen lag 2002 mit 28218 Yuan
(2800 Euro) klar vor Beijing und knapp vor Shanghai.
Der Hafen ist bereits der viertgrößte der Welt. Im Vergleich zu 2002 hat er im
vergangenen Jahr die Anzahl der umgeschlagenen Container um sagenhafte
39,8 Prozent erhöht. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis
Hongkong, Shanghai und Singapur dagegen alt aussehen werden.
Denn nirgends werden Bauvorhaben so schnell genehmigt wie in der
gigantischen Großbaustelle am Perlflussdelta. Nirgends wird so geklotzt
wie hier. Etwa das Diwang-Building: Das 384 Meter (69 Stockwerke)
aufragende und damit fünfthöchste Gebäude der Welt wurde in der
Rekordzeit von knapp drei Jahren hochgezogen. Einzig Beijing und
Shanghai können da mit Mühe noch mithalten. In New York, London oder
Berlin kommt man oft nur halb so schnell hoch. Manche der im Eiltempo
hingeklatschten Wolkenkratzer müssen nach wenigen Jahren wieder
abgerissen werden. Weil die KP-Stadtkommandanten plötzlich andere Ideen
ausgebrütet haben. Weil in der Hektik einfach vergessen wurde, einen
Lift einzubauen. Oder Fenster, die zu öffnen sind. Oder weil giftige
Gase aus den billigen Baustoffen wabern, die Häuser bröckeln oder
schimmeln. Schon ein zehn Jahre altes Haus gilt in Shenzhen als
historisches Gebäude.
Ein Deutscher in Deng-City
Robert Wildegger steht auf dem Dach eines 33-geschossigen |
Büroturms
hoch über der Shennan Road, der zentralen Ost-West-Achse, die aus der
Sonderwirtschaftszone eine Bandwurmstadt macht. Die Sonne scheint zwar,
doch die Sicht ist getrübt. Dunst,Staub und Smog liegen in der
salzhaltigen Meeresluft, die sich auch im Winter selten unter zehn Grad
abkühlt. Der 37-jährige Bauingenieur in den schweren, dreckverkrusteten
Arbeitsschuhen schaut und staunt hinunter auf sein „Riesenbaby“. Er
meint die Baustelle dort unten direkt an der achtspurigen Straße. Seine
Baustelle. Und ein bisschen meint er auch die Stadt,die ihn so
„anstrengt, aufregt, anregt und amüsiert“: „Hier gibt es keine Pause.
Nicht mal nachts. Ich habe vor kurzem zwei Jahre in Beijing gelebt. Da
war es vergleichsweise ruhig. Die Hektik hier,dieses Wahnsinnstempo
reißt auch mich immer mehr mit. Ein Buch lesen, klassische Musik hören
oder Schach spielen geht gar nicht. Abschalten ist in Shenzhen eine
Kunst,die ich leider nicht beherrsche“, bekennt der
Baustellen-Spezialist vom Hamburger Architektenbüro von Gerkan, Marg
und Partner (GMP). Seit einem halben Jahr wohnt er gemeinsam mit seiner
Frau im gepflegten Mittelklasse-Stadtteil Overseas Chinese Town.
Von Gerkan, Marg und Partner haben die Ausschreibung für das neue
Convention & Exhibition Center (SZCEC) gewonnen. Der Entwurf der
Hamburger von der Elbchaussee, die auch in Beijing und Shanghai
erfolgreich sind, hat den Stadtplanern am besten gefallen: Ein 540 mal
300 Meter großer Riesenrochen aus Stahl und Glas. Mit „schwebendem“
Konferenzzentrum und frei schwingenden, bis zu |
130 Meter langen Flügeln.
Die zu überbauende Fläche entspricht 23 Fußballfeldern. Das
Investitionsvolumen beträgt 2,8 Milliarden Yuan (280 Millionen Euro).
Um das Messezentrum herum soll in den kommenden drei Jahren sogar
Shenzhens neue City entstehen. Die bereits dritte oder vierte innerhalb
des letzten Jahrzehnts. Doch es gibt ein Problem: Bereits im Oktober
2004 soll in diesem Rochen die erste Hightech-Messe stattfinden,
erklärt Robert Wildegger und krempelt die Ärmel hoch. „Bis dahin muss
der Stadt, vermutlich sogar des Landes momentan wohl wichtigstes
Bauprojekt zum Großteil hochgezogen sein.“ Kaum vorstellbar,dass dies
gelingt. Denn bislang steht gerade mal das imposante Stahlskelett des
Messe-Monstrums.
Wildegger jedoch nimmt den Zeitdruck völlig gelassen:
„Im Notfall müssen eben noch ein paar hundert oder tausend oder
hunderttausend Arbeitskräfte mehr rekrutiert werden. Kein Problem. Vor
den Toren der Stadt warten zwei Millionen Wanderarbeiter händeringend
auf Jobs.“ Seinen Job auf der gigantischen Großbaustelle kann Wildegger
indes gar nicht so klar beschreiben: „Ich bin Diplomat der Firma GMP.
Qualitätsmanager. Und Troubleshooter.“ Als solcher muss er die Qualität
kontrollieren, die mehrere tausend ungelernte Bauarbeiter abliefern.
Muss die chinesischen Statiker, Bauleiter und Parteibonzen beraten. Und
vor allem muss er „vermitteln“, erklärt der Mann mit der hohen Stirn
und den großen Schritten: „In China gibt es keine gesunde Streitkultur.
Hier denkt man in starren Hierarchien. Wie früher. Was der Boss sagt,
wird nach dem Prinzip |
Ansage und Ausführung gemacht. Auch wenn der Boss
gar keine Ahnung hat. Wenn ich dann eingreifen muss,lege ich den
Chinesen meist zaghaft und lächelnd, mit Engelszungen und Nerven aus
Drahtseilen, die Worte in den Mund. Nur damit die dann sagen können,
okay, das ist meine Idee, so machen wir das jetzt.“
Wildegger wundert sich über so manches in der so „einzigartig modernen“ Metropole. Vieles kommt ihm
„hinterwäldlerisch“ vor: dass in der Business-Welt kaum jemand englisch
spricht zum Beispiel. Dass er mit seinen Scheck- und Kreditkarten nur
an einem einzigen Automaten am Hauptbahnhof Geld abheben kann. Dass die
Bezahlung eines Knöllchens dank der noch immer wuchernden Bürokratie
einen halben Tag in Anspruch nimmt. Und dass seine chinesischen
Kollegen spotten, er solle sich endlich ein standesgemäßes Auto
zulegen, obwohl er doch schon den Cherokee-Jeep fährt. „Die haben hier
das Maß verloren“, resümiert der agile Bauingenieur. „Dennoch: Anderswo
herrschen Zaudern und Stillstand. Ich kann mir momentan absolut keinen
spannenderen Arbeitsplatz vorstellen als diesen hier.“
Kommerz und Konkubinen
Bei den Fahrten mit einer der vielen das Stadtbild prägenden roten
VW-Taxen, beim Schlendern durch die blitzsauberen Straßen und Shops
sowie beim Streunen durch protzige Luxushotels, kitschige
Erlebnisparks, neonlichtfunkelnde Diskos, Massage- und Karaokebars
wähnen die westlichen Reporter sich zuweilen inmitten einer skurrilen
Mixtur aus Pop-Art-Performance und Disneyland: Wenn man im |
Erlebnispark
„Windows of the World“ vom Hügel der Akropolis aus den Pariser
Eiffelturm sieht. Oder vom Kölner Dom fast bis nach Manhattan spucken
kann. Hier haben sich die Chinesen ihre eigene kleine Welt erschaffen.
In diesem komischen Plastikdorf fehlt keine Sehenswürdigkeit. Und das
alles zum Eintrittspreis von zwölf Euro.
Ungläubig staunend bleibt man auch stehen, wenn zum Beispiel ein schneidiger Offizier der Volksarmee
aus einem nagelneuen schneeweißen 600er-Dienst-Mercedes steigt und
forschen Schrittes den Fahrstuhl des Fünf-Sterne-Hotels Panglin
betritt. Sein Ziel ist der um die eigene Achse drehbare, verglaste
Fresstempel im 50. Stock.
Oder wenn man im Eingang des Restaurants „Gesunde Gaumenfreuden“ von
einer Armee himmelblau uniformierter, grell
geschminkter,dauerlächelnder Empfangsmädchen begrüßt wird. Und sich
drinnen 25-jährige Broker in schicken Anzügen und in enge Kostümchen
gezwängte 22-jährige Karrierefrauen genüsslich schmatzend an knusprigem
Schweineohr und gedünstetem Hühnerfuß laben, bevor sie sich wieder ans
Ankurbeln des Aufschwungs machen.
Oder wenn man rechts vor dem McDonald’s-Eingang im Stadtteil Buji
plötzlich ein märchenhaft schönes Mädchen im wallenden weißen
Brautkleid sieht. Am Tisch sitzend. „Trau dich doch, heirate mich“
suggerierend. „Ich mache nur Werbung für Hochzeitsmoden“, erklärt die
18-jährige Traumfrau Huang Xinying aus der bitterarmen Provinz Hubei.
„Nur fürs Herumsitzen und Flirten bekomme ich 100 Yuan am Tag.
McDonald’s ist ein guter Platz, weil es hier von
|
Menschen nur so wimmelt. Man sieht und wird gesehen. Das macht große Freude.“
Auch Ayun hat Spaß am Leben in der wuseligen Wirtschaftsmetropole. Die
24-Jährige mit dem bauchfreien Oberteil und der karierten Jeans führt
ihren weißen Spitz Jonje an der grünen Leine spazieren. Jonje ist der
erste Hund, den Reporter und Fotograf nach fast zwei Wochen lebend auf
der Straße sehen. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Vierbeiner
in dieser Region nicht als treuer Freund und Wegbegleiter, sondern als
leckere Delikatesse gelten.
„Mein Hund musste mal raus aus dem Büro. Er hat Husten“, erklärt die
fesche Immobilienmaklerin. „Ich nehme ihn jeden Tag mit an meinen
klimatisierten Schreibtisch. Das tut ihm wohl nicht so gut. Aber da
muss er durch. Das Geschäft geht vor. Ich habe diese Woche schon drei
Wohnungen verkauft. Was ist dagegen schon ein Hunde-Husten?“
Manchmal fühlt man sich auch zurückversetzt in Diktator Maos düstere
Zeiten: Wenn zum Beispiel aus einem Kaufhaus gegenüber der
Bank-of-China-Zentrale plötzlich etwa hundert Verkäuferinnen schweigend
herausmarschieren, mitten auf dem Bürgersteig in Reihe antreten und
eine Stunde lang von ernst dreinblickenden, teilweise mit Megafon
bewaffneten Security-Männern militärisch malträtiert werden. Die
Kommandos kommen zackig: „Stillgestanden!“, „Rechts um!“, „Augen geradeaus!“
– Mitarbeitermotivation made in China.
Viermal pro Woche werden die Mädchen jeweils eine Stunde
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gedrillt. Sie
finden das ganz normal: „Gibt es diese Ausbildung im Westen denn
nicht?“, fragt die 19-jährige Schmuckverkäuferin Fei.
Maos langjähriger Leibarzt Li Zhisui schrieb in seinem im Westen erschienenen und in
China verbotenen Enthüllungsbuch, dass der Große
Vorsitzende einen ausschweifenden Lebensstil pflegte.
Die Schattenseiten der Stadt
Sich bis ins hohe Alter junge Mädchen „zuführen“ ließ.
Doch dass sich heute in Shenzhen fast jeder junge Mädchen leisten kann,
hätte der kommunistische Führer sicher mit Gewalt zu verhindern
gewusst: 200000 Prostituierte gibt es in Chinas Hauptstadt des
Kapitalismus. Die Mädchen mit den oft gebleichten Haaren und dem hellen
Make-up, das ihre Gesichter porzellanpuppenhaft aussehen lässt,
arbeiten in Hotels und Bordellen, die als Friseur- oder Massagesalon,
oft auch als Karaokebar firmieren.
Tausende solcher Etablissements gibt es in der Stadt. Überall kann man
Mädchen mieten. Zum Schnäppchenpreis von zehn Euro die Stunde. Und das,
obwohl Prostitution in China offiziell verboten ist. Doch darüber
können all die „Miss“ und „Massage“ anpreisenden „Mamis“
(Vermittlerinnen) und Zuhälter nur lachen. Denn das Geschäft mit der
Ware Sex ist auch hier ein Milliardenmarkt, bei dem die schlecht
bezahlten staatlichen und privaten Ordnungshüter fleißig mitkassieren
und verlässlich ein Auge zudrücken.
Der Traum der Mädchen – die meisten sind zwischen 18 und Anfang 20 –
ist es, einen reichen Geschäftsmann als Ehepartner zu |
finden. Oder
wenigstens von einem verheirateten Geschäftsmann als Konkubine
(Zweitfrau) auserkoren und versorgt zu werden. Sehr viele solcher
bizarrer Pärchen (alter Mann – junges Mädchen) sieht man in den
„Konkubinendörfern“ Sazhui, Buxin, Xiasha, Buji oder Shangsha.
Hier haben sich viele Hongkonger Wohnungen gekauft oder gemietet, um
einen Teil der Woche ungestört mit ihren Zweitfrauen bei Shopping und
Sex zu verbringen. Und das ist durchaus kein Privileg mächtiger Männer.
Auch Busfahrer, Feuerwehrleute oder Feinmechaniker aus Hongkong können
sich den Luxus leisten: Die Löhne in der ehemaligen britischen
Kronkolonie betragen noch immer etwa das Zehnfache von denen in Chinas
reichster Stadt.
Im Außenbezirk Baoan gibt es kaum lächelnde Menschen.
Keine glitzernden Fassaden. Hier ist das Leben hart. Sind die Häuser
grau und verfallen. Die Straßen verdreckt und löchrig. In Baoan leben
die Erbauer Shenzhens. Manche Jungen kommen nach getaner
16-Stunden-Schicht aus der Innenstadt her, weil sie hier billig
schlafen können. Manche vermeintlich Alten, die bereits aussortiert
wurden, weil sie von der schweren Arbeit ausgelaugt sind, bleiben nach
oft jahrelanger Schufterei in Shenzhen-City hier stecken. Sie beginnen
zu saufen. Zu klauen. Zu resignieren.
Sie wissen nicht, was sie sonst tun sollen. Sie haben kein Geld zur Seite gelegt. Sie haben einfach nur
ein paar Jahre am südchinesischen Wirtschaftswunder mitgewerkelt.
Und das war es dann. Schuldigkeit getan, zurück ins wahre Leben. Ins
wirkliche China: In Baoan platzen die Träume von einer |
besseren Zukunft
oft wie Seifenblasen. Hier ist die Mord-, Diebstahls-, Verkehrstoten-
und Vergewaltigungsrate so hoch wie nirgends sonst in der
Volksrepublik. Polizei und Security, in der Sonderwirtschaftszone
allgegenwärtig,sieht man nicht. „Die Behörden haben unseren Stadtteil
schon lange aufgegeben“, klagt Li Dong. Die 30-Jährige trägt ihren zwei
Monate alten Sohn auf dem Arm. Ihr Mann ist bereits 38, arbeitet noch
für 80 Euro im Monat auf einer Baustelle in der Sonderwirtschaftszone.
Er ist krank. Kaputte Gelenke. Einen Arzt kann er sich nicht leisten.
Und der Büroturm ist in wenigen Wochen fertig. Was danach kommt, ist
ungewiss. „Ich will schnell weg von hier“, sagt Li Dong. „Zurück in
mein Dorf. Ich habe Angst, dass das alles hier kein gutes Ende nimmt.
Dass die Stadt uns erdrückt." |
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Volkssport Doping / Maxim (7 Seiten) / 2003
Volkssport Doping
Eine halbe Million Freizeitsportler spritzen und schlucken illegale Dopingmittel. Eine Reise durch die deutschen Muskelberge.
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Foto: Jens Palme |
Lars
ist ein Junkie. Abhängig von Anabolika. Sein Ziel ist ein
"55er"-Oberarm. Einen viel größeren Bizeps hatte Arnold Schwarzenegger
nicht mal in seinen besten Tagen. Der 21-Jährige aus Erkner bei Berlin
spritzt sich das muskelmachende männliche Sexualhormon Testosteron. Die
Ampullen kauft er beim örtlichen Dealer für vier bis zehn Euro pro
Spritze - je nach Herstellerfirma und Wirkstoffmenge, Er giert täglich
nach dem Hormon-Hammer. Sonst kriegt er Entzugserscheinungen. Schwitzt.
Pöbelt. Rastet aus. Testosteron macht aggressiv, ungeduldig.
Unberechenbar. Keine Freundin hält es lange mit ihm aus.
Meist hat Mutter Viola (41) die Wutanfälle auszubaden. Sie hat längst
jeden Einfluss auf ihren Sohn verloren. „Das mit dem Doping ist wie mit
Heroin, Da helfen weder gute noch strenge Worte. Da hilft nur die
Therapie in der geschlossenen Anstalt", sagt die Krankengymnastin.
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Auf
der Suche nach Kohle für die Kraftspritzen hat der stets klamme
Doping-Freak schon mehrmals Mutters Wohnungstür eingetreten.
Scheckkarte, Schmuck und Parfüm geklaut. Alles, was geht, macht der
Testosteron-Junkie zu Geld für neuen Stoff.
Er will den perfekten Body, sagt er. Will bestaunt, bewundert und
beneidet werden. Doch ohne die tägliche Injektion ins Muskelfleisch,
glaubt der Gelegenheitsjobber, schlafft er sofort ab. Das ist in seinem
Kopf so drin. Das hat er in der 284 Seiten dicken Doping-Bibel „Anabole
Steroide" (Sport Verlag Ingenohl) gelesen: Mit Testosteron massig und
stark werden, können viele. Jedoch sind nur die wenigsten in der Lage.
die Muskelmasse nach dem Absetzen zu halten, steht in dem Wälzer. Also
setzt Lars gar nicht erst ab. Ist ständig auf Stoff. Seit fast vier
Jahren. Mit dem „Testo" kombiniert er momentan "Spiro"
(Spiropent-Tabletten). Die lässt er sich per Privatrezept von einem
szenebekannten Arzt verschreiben. Die Packung kostet 23.25 Euro und ist
eigentlich ein Asthma-Mittel. Der Mediziner weiß genau, wozu sein
„Patient" die Pillen missbraucht: „Als Fettverbrenner. Spiro verbessert
die Definition der Muskeln", erklärt der klotzige Kleinstädter.
Bevor er zur chemischen Keule griff, sei er dünn gewesen. Dünn ist für
ihn ein Schimpfwort. Die Mädchen haben ihn, den "Spargel"
(Selbsteinschätzung), ignoriert. In der Clique war er nur Mitläufer.
Also ging er viele Male in der Woche trainieren. Doch die Muskeln
wuchsen nicht so rasant wie bei anderen im Studio. Der Fitnesstrainer
verriet ihm
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das Geheimnis: „Spargel muss Wasser ziehen. Tritt den
ganzen Nahrungsergänzungs-Quatsch in die Tonne. Nimm mal was
Richtiges." Natürlich hatte der Trainer das Richtige dabei. Im Spind in
der Umkleidekabine. Fünfeckige „Anabol Tablets". Rosa. Made in
Thailand. Original verpackt. 400 DM die 1000-er-Packung. Lars dopte
gierig los. Seine Muskeln zogen Wasser. „Ich habe zugucken können, wie
sie sich voll sogen", schwärmt er.
Der 1,76 große und einst nur 72 Kilo schwere Twen bringt heute 97 Kilo
auf die Waage, ist ein taumelnder Schwellkörper: Die Hülle ist stark –
der Inhalt ist krank. Er hat Blut im Urin und im Stuhl. Manchmal kommt
ihm auch im Schwall Blut aus der Nase geschossen. Einfach so, beim
Training. Der Rücken ist übersät mit Akne-Pickeln. Die Brust vernarbt.
Verknotungen resultierend aus Östrogen-Ablagerungen (Gynäkomastie, die
sogenannten Bitch-Tits), hat er sich letztes Jahr entfernen lassen.
Daumen und Zeigefinger der linken Hand sind seit Wochen taub.
Kopfschmerzen. Die Glieder zittern. Das Herz rast. Und wenn er schwitzt
stinkt er wie ein Gorilla, Mutter Viola sagt, wenn es ihrem Sohn
besonders dreckig geht, ruft er sie auf Arbeit an und jammert: „Mama,
ich sterbe."
Rund drei Milliarden Euro setzt die Fimessbranche jährlich um. 5,3
Millionen Menschen (ca. 15 Prozent aller Deutschen) sind in mehr als
6000 Sportstudios aktiv. Muskulös zu sein, ist chic. Deshalb wird in
vielen Studios nicht nur munter gestemmt, sondern auch gespritzt und
|
geschluckt. Das erspart einen allzu hohen Trainingsaufwand. In jedem
Studio kennt jemand einen, der Pillen und Ampullen verkauft. Ohne
Umschweife macht so mancher Club-Angestellte den potentiellen Neukunden
mit dem Studio-Dealer bekannt. Die Frage in Deutschlands Fimesstempeln
und Muckibuden ist häufig nicht, ob man was nimmt, sondern, was man
nimmt.
„Etwa jeder fünfte in Sportstudios organisierte Freizeitsportler nimmt
anabole Muskelaufbau-Präparate. Acht Prozent der Frauen, 2,2 Prozent
der Männer", hat Garsten Boos (41) von der Lübecker Uniklinik in einer
vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft begleiteten Studie über den
Dopingmissbrauch im Breitensport herausgefunden, Daher geht die
Wissenschafft davon aus, dass in Deutschlands Sportstudios mindestens
250 000, wahrscheinlich 500 000 oder mehr regelmäßig dopen. Zum
Vergleich: 20 000 Frauen ließen sich letztes Jahr die Brust operieren.
Boos: „Die meisten Doper wollen einfach nur mehr Muskeln, mehr Masse.
Es geht ihnen nicht um die Verbesserung ihrer sportlichen Leistungen,
sondern um besseres Aussehen. Doping ist deshalb nicht nur ein
sportliches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Problem."
Frank ist Elitepolizist beim SEK in einer süddeutschen Stadt. Zwei Mal
im Jahr leistet er sich eine mehrwöchige Dopingkur, sagt der
39-Jährige. Die Anabolika kauft er von einem „Sportsfreund" aus dem
Studio. Er dopt, weil er seinen Job nicht verlieren will: „Wenn ich
|
körperlich abbaue, werde ich gegen einen jüngeren Kollegen
ausgetauscht", glaubt er. Sebastian ist ein 20-jähriger
Bundeswehr-Fahnenjunker aus Weimar. Vor knapp einem Jahr schluckte er
seine ersten Steroide. Er fühlte sich nicht stark genug für die in
Soldaten-Kreisen gefürchtete Einzelkämpfer-Ausbildung im bayerischen
Schongau. Jetzt prangt das Einzelkämpfer-Abzeichen an seiner gestählten
Brust.
Marco (41) ist selbständiger Handelsvertreter für Lacke und Hobby-DJ
aus Nürnberg. „Bizepsimplantate gibt es noch nicht. Warum soll ich die
Pharma-Wunder nicht nutzen?" Von seinem Thailand-Urlaub vor wenigen
Monaten hat Marco 10000 „Anabol Tablets" nach Deutschland geschmuggelt.
In Nürnberg hat er sieben der 1000er-Packungen auf dem Schwarzmarkt mit
saftigem Aufpreis weiterverkauft. Sich somit im Nachhinein seinen
Urlaub finanziert. Obwohl der Arzt während einer Dopingkur
feststellte, dass die Blutwerte im Eimer waren, die Hoden weich und die
Spermien fast tot.
„Durch den massenhaften Dopingmissbrauch entsteht den Krankenkassen ein
Schaden, der in die 100 Millionen Euro geht", sagt Dr. Carl
Müller-Platz vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft. An den Folgen
des Dopingmissbrauchs sind bislang mindestens 600, wahrscheinlich weit
über 1000 Athleten gestorben, schätzen Insider wie der Heidelberger
Doping-Experte Prof. Werner Franke. Amerikanische Wissenschaftler haben
bei einer Studie an |
Anabolika-Schlucken ähnliche Suchtsymptome
festgestellt wie bei Konsumenten von Opiaten. Da ist es klar, dass
mittlerweile auch in Deutschland jeder besser sortierte Drogendealer
Steroide im Sortiment hat. Die Gewinnspannen sind ähnlich hoch. 1997
flog die „Deggendorf-Connection" auf: Eine niederbayerische
Arzneimittel-Fälscher-clique hatte illegale Dopingmittel selbst
hergestellt. Die Fahnder beschlagnahmten mehrere Millionen
Anabolika-Ampullen und tonnenweise Tabletten.
Mindestens 100 Millionen Euro setzt der Doping-Schwarzmarkt pro Jahr
um, schätzen Fachleute von Zoll und Polizei. Hauptlieferanten sind
Labors in Spanien, Griechenland, Ägypten, Holland, Thailand, der Türkei
und Osteuropa. Seit ein paar Jahren blüht dort auch ein regelrechter
Doping-Tourismus.
„Die Anabolika werden wie Rauschgift ins Land geschmuggelt und
verkauft", weiß Wolfgang Schmilz (38) vom Zollkriminalamt in Köln.
„Über Flughäfen, Grenzen und Häfen. In Koffern mit doppeltem Boden,
präparierten LKW-Reifen, am Körper befestigten Päckchen und in
Schiffscontainem. Dopinghändler haben allerdings weitaus geringere
Strafen zu befürchten als Drogendealer. Denn das Arzneimittelgesetz ist
viel lascher als das Betäubungsmittelgesetz." Auch arbeiten Zoll und
Polizei in Sachen Dopingfahndung noch nicht so eng zusammen wie in der
Drogenfahndung. Das Doping-Problem ist noch zu neu. Es gibt keine
Kontaktleute und keinen konkreten Plan der Bekämpfung.
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Trotzdem hat
sich die Zahl
der vom Zoll erwischten Dopingschmuggler von 1999 (131
Ermittlungsverfahren) bis 2001 fast verdreifacht (355
Ermittlungsverfahren).
Im Kölner Jugendtreff „Luckys Haus", einer Einrichtung des Sozialen
Katholischen Vereins für Männer (SKM), herrscht Testosteron-Alarm:
Gebrauchte Spritzen liegen rings ums Haus, in der Toilette, im
Kraftraum. „Jedes Frühjahr das Gleiche: Wenn's wärmer wird, kommen die
Muskeln wieder in Mode", klagt eine Betreuerin. „Die Kids fangen an,
sich Testosteron zu spritzen. Und dann kommen die Probleme. Die
Jugendlichen entgleisen. Werden aggressiv. Deshalb haben wir alle
Geräte im Kraftraum weggeschlossen."
„Ich habe jetzt sieben Kilo mehr drauf als vor drei Wochen", protzt
Mehmed. Vor drei Wochen hat der 22-jährige Verbandsliga-Fußballer
angefangen, sich die Spritzen in die Schulter und den Oberarm zu jagen.
Weil er den schönsten Mädchen der Stadt „einen astreinen
Gladiatorenkörper" präsentieren will. Sein Kumpel Ercent, 16, 105 Kilo
schwer, Spitzname „das achte Weltwunder", und gut ein weiteres Dutzend
Schüler, Auszubildender und Arbeitsloser, die sich hier regelmäßig
treffen, sind alle bereits ziemlich aufgepumpt. Im Sommer machen sie
zehn bis 20 Kilogramm Masse, die sie im Winter wieder verlieren, weil
sie dann nicht mehr spritzen. Das geht hier schon seit drei Jahren so,
sagen sie. Und das wollen sie auch so beibehalten.
Jörg Börjesson steht umringt von den Schönwetter-Dopern im
|
Kraftraum
des Jugendzentrums und lässt Fotos herumgehen. Fotos von sich. Die
einen zeigen ihn als strahlenden Supermann im Sportstudio, die anderen
als gebrochenen kranken Mann auf dem Operationstisch. Börjesson will
die Muskelfreaks über die schlimmen Nebenwirkungen der anabolen
Steroide aufklären. Am eigenen Beispiel: Der 37-jährige Ex-Bodybuilder
und Ex-Doper aus Dorsten bei Recklinghausen ist ein körperliches Wrack.
Im vergangenen Jahr wurden ihm gut 400 Gramm verknotetes Drüsengewebe
aus der Brust entfernt. Sehnen, Bänder und Gelenke sind hin, weil er im
Dopingrausch viel zu hart trainiert hat. Magen, Darm und Nieren
arbeiten nur noch mit halber Kraft, weil er zu viele Pillen gefressen
hat. Seine körperliche Konstitution ist die eines doppelt so alten
Mannes, weil er ein Idiot gewesen ist, sagt Börjesson, der nun
Anabolika-Aufklärung zum Beruf machen möchte. Doch die Jugendlichen in
Köln haben kein Interesse an Aufklärung. Sie besitzen die einschlägigen
Gebrauchsanweisungen mit den „optimalen" Dosierungen. Sie meinen, dass
ihnen nichts passieren kann. Dass sie die Sache mit den Spritzen im
Griff haben. Börjessons warnende Worte verhallen an den nackten Wänden
des leeren Kraftraums.
|
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Paten der Nacht / Max (8 Seiten) / 2002
Paten der Nacht
Michael
Kuhr wäre so gern Polizist geworden. Doch weil er zwei Zentimeter zu
klein war für den Job, kämpft er jetzt mit einem eigenen
EINSATZKOMMANDO gegen die Schutzgelderpresser und Drogendealer Berlins.
|

Foto: Michael Trippel |
Der
Mann mit der Glatze macht sich fertig für die Berliner Discos, doch er
sieht so aus, als ziehe er in den Belfaster Häuserkampf: Elf Patronen
stecken im Magazin seiner Glock-Pistole, eine im Lauf. Der Dolch an der
Innenseite der Lederjacke. Pfefferspray, Taschenlampe und Verbandszeug
am Gürtel. Die kugelsichere Weste soll Neun-Millimeter-Geschosse
abhalten. Er erwartet „Ärger": Michael Kuhr, 40, ganz in Schwarz
gekleidet, verheiratet, eine Tochter. Der vierfache
Profi-Kickbox-Weltmeister schnappt sich den Schlüssel des 735er BMW:
„Auf geht's. Den Verbrechern an die Wäsche."
Jedes Wochenende patrouilliert der Inhaber der auf
„Gastronomieabsicherungen" spezialisierten Firma Kuhr Security durch
das »Kriegsgebiet". So nennt er die Berliner Nachtclubs und
Diskotheken, in denen er als Türsteher de Luxe für „Recht und Ordnung"
sorgt, den Schutzgelderpressern und Drogendealern „das Geschäft
vermasselt": im
|
Weddinger „Palace", Spandauer „Starlight",
Lichtenberger „Tollhouse", Wilmersdorfer „Annabell's", im
Charlottenburger „Madow" und auch im Kasino am Potsdamer Platz. Alles
gut laufende Läden. Doch in allen gibt es das gleiche Problem. „Sie
liegen im von Clans und Cliquen kontrollierten Gebiet", erklärt Kuhr.
„Das macht den Schutz der Objekte zum lebensgefährlichen Job. Aber ich
lass' mir keine Angst einjagen. Ich mache die Clubs sauber. Und sorge
dafür, dass sie es bleiben."
Der nur 167 Zentimeter große ehemalige Postbote stützt sich bei den
Säuberungen auf die Schlagstärke und Abschreckungskraft seiner eigenen,
22-köpfigen „Gang": Russen, Ukrainer, Kasachen, Türken, Albaner,
Jugoslawen und ein paar Deutsche. Fast alle über 1,80 m groß, nicht
vorbestraft, sie arbeiten in schwerer Weste, mit Messer, Gummiknüppel
oder Baseball-Schläger in Griffweite; Boxer, Ringer,
Vollkontakt-Treter, Ex-Elitesoldaten. Männer mit mächtigen Muskeln und
harten Handkanten, die 95 Euro pro Nacht für den Job kassieren und sich
äußerlich gar nicht groß von den gemeinen Erpressern unterscheiden.
Einige kennen sich auch ganz gut in der Unterwelt aus. Das, erklärt
Kompaniechef Kuhr eilig, bringe „Respekt, Rückendeckung und
Informationen über feindliche Truppenbewegungen".
Der klotzige Türke Kadir zum Beispiel, als „Kundschafter und Selekteur"
bei Kuhr angestellt, kennt das Innenleben der meisten
arabisch-türkischen Clans, die den Großteil des Berliner Nachtlebens
kontrollieren. Paul, Türsteher, tätowiert bis an den Hals, ist Mitglied
des Rockerclubs Bandidos MC Eastgate, der Rivalen der Hells Angels.
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Sergej, Leibesvisiteur, ukrainisches Kraftpaket mit
Einzelkämpfer-Ausbildung bei einem militärischen Antiterrorkommando,
beschützt unter der Woche auch russische „Businessmeni" vor anderen
Mafiosi. Zudem ist Michael Kuhr mit den beiden großen, alten Männern
des Berliner Milieus befreundet: mit Klaus Speer, den die Lokalpresse
lange als Paten von Berlin bezeichnete, und mit Steffen Jacob, dem
Prinzen vom Stutti (Stuttgarter Platz).
Waffen, Schutzgelderpressung, Prostitution, Drogen
Seine Security-Kompanie sei so strukturiert, meint Kuhr, wie eine
Spezialeinheit der Polizei strukturiert sein müsste. Nur könne sie
wesentlich effektiver arbeiten, weil sie sich nicht unbedingt an
Dienstvorschriften halten müsse. „Ich kenne die meisten bösen Jungs der
Stadt noch aus meiner aktiven Zeit als Kickboxer. Zu den WM-Fights im
Berliner Boxtempel sind die jungen Verbrecher doch immer alle gekommen.
Heute sind sie die Clanchefs, alle so Mitte bis Ende dreißig, so
schnell blasen die mich nicht um", protzt KickboxKuhr auf dem Weg in
die 2000 Nachtschwärmer fassende Weddinger Disco „Palace". Neben ihm
sitzt sein „Einsatzleiter": Michael Waltner, 37, ebenfalls
Waffenträger, 1,90 m groß, 91 Kilo schwer. Beim Technischen Hilfswerk
habe er Einsätze koordiniert. Ansonsten will Waltner nichts über seine
Herkunft verraten. „Warum den Gegner schlau machen?" Für seinen Boss
sei er so was wie der „Nachrichtendienstler", immer auf dem neuesten
Stand in Sachen |
Kriminalitätsentwicklung. Mit „heißen Drähten" zu
mehreren Referatsleitem beim Landeskriminalamt. Jedoch auch durch
eigene Ermittlungen stets über die Bewegungen der Banden im Bilde. Wenn irgendwo in der
Stadt geschossen, gebrandschatzt, geprügelt oder gemordet wird –
Waltner kriegt heraus, wer dahinter steckt. Und wenn jemand seinen
Kommandeur Ruhr fragt, wer denn der Hüne mit der Hüftjacke, dem
Strickpullover und den ausgelatschten Schuhen an seiner Seite sei,
antwortet er wie selbstverständlich: „Ein Bulle. Sieht man doch."
An die „Befreiung" des „Palace" vor fünf Jahren aus „arabisch-türkischer
Umklammerung" kann Kuhr sich noch ganz genau erinnern. War sie für ihn
doch Anfang der steilen Karriere vom Kickbox-Fliegengewichtler zum
Milieu-Schwergewichtler: „Das, 'Palace' hieß früher 'Joe am Wedding'.
Schutzgeld, Drogen, die ganze Palette." Der neue Betreiber „hatte mit
den Arabern nichts am Hut. Also sagte er zu mir: »Michael, ich will den
Laden sauber haben. Mach du mal die Tür.' Ich traf mich also mit dem
Obermufti vom Wedding. ,Das ist mein Revier', meinte der Gangster,
ich müsse mit ihm die Geschäfte machen. Dafür halte seine Familie mir
alle Probleme vom Hals. ,Das war mal dein Revier', antwortete ich. Und
bei Problemen rufe ich lieber meine eigene Familie an, die 110."
Mächtige Muskeln und harte Handkanten
So übertrieben war Kuhrs „Ansage" gar nicht. Denn der
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Waffenscheinbesitzer pflegt innige Beziehungen zur Staatsmacht, schulte
reguläre Sondereinsatzkommando-Beamte (SEK) in Kickboxen und
Selbstverteidigung, ist mit einigen befreundet. Selbst mal beim sechzig
Mann starken SEK zu arbeiten, ist immer sein großer Traum gewesen. Doch
dafür war er zwei Zentimeter zu klein. Als Kuhr & Co. dann zur
Eröffnung die Tür im „Palace" bewachten, waren unter den Gästen ein
Dutzend Zivilpolizisten – und die Araber-Clique. Deren Drogendealer
blieben draußen. Bei der kleinsten Rangelei hagelte es Hausverbote und
Anzeigen. Zwei Leute aus dem Dunstkreis des Araber-Clans wanderten in
den Knast. Und der Kickbox-Champ hatte seinen Ruf weg: „Ein
Bullenspitzel, der immer die Knarre dabei hat und auf das Gesetz der
Straße einen großen Haufen scheißt", wie er ein wenig selbstverliebt
meint. Er, der kleine Mann mit dem großen Maul und den strammen
Muskeln, kämpft (fast) alleine gegen die Mafia. Das ist genau die
Rolle, in der der Bruce-Lee-Fan sich gefällt.
„Mit seiner Arbeitsweise ist Kuhr in eine Marktlücke gestoßen. Denn es
gibt in der Berliner Gastronomieszene ein Bedürfnis nach der
schützenden Hand. Und die können wir den Gastronomen leider nicht mehr
- oder noch nicht wieder - bieten. Kuhr ist uns da einen Schritt
voraus. Er hält die meisten Halbwelt-Typen fern", sagt Thorben
Knackstedt (Name von der Redaktion geändert) vom Landeskriminalamt,
Fachbereich für ausländische Bandenkriminalität. Seinen richtigen Namen
verrät der Beamte nicht, weil seine Dienststelle dieses Gespräch nicht
genehmigt hat. „Viele Discos und Clubs sind
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rechtsfreie Räume und die
Tür-Steher oft Handlanger von Schutzgelderpressem. Sie drängen sich auf,
indem sie ihre Schläger schicken. Die randalieren, provozieren
Messerstechereien oder Schießereien, bis der Inhaber der Disco sagt:
'Okay, die Gäste bleiben weg, ich brauche euren Schutz.' Immer noch
besser als der Pleitegeier. Doch stehen die Kriminellen erst mal an der
Tür, steuern sie den Drogenfluss, haben die Kontrolle über die Kasse.
Und bald stellen sie den Geschäftsführer. Nach und nach gehört ihnen
der Laden. Es ist immer das gleiche Spiel, ein Geschäft mit der Angst.
Nur jeder zwanzigste Wirt zeigt die Erpressung an. Und fast jeder
zweite zieht die Anzeige wieder zurück." 700 Türsteher und 1500
Kontaktpersonen gehörten zur kriminellen Szene in der Hauptstadt,
schätzt Knackstedt, der seit Jahren im Milieu malocht. Ein gutes
Dutzend Großfamilien beherrsche die Bezirke: Kurden, Palästinenser,
Libanesen, Türken, Russen. Nur wenige Westberliner Rocker und
Hellersdorfer Hools mischten bei den großen krummen Geschäften noch
mit. »Es gibt nicht mehr allzu viele Plätze, wo man, ohne für den
vermeintlichen Schutz zu zahlen, eine Disco, Kneipe, Imbissbude oder
auch nur einen Obststand aufmachen kann", resümiert Knackstedt.
Damit rechtsfreie Räume wieder zurückerobert werden können, hat das
LKA im Januar 2001 die etwa vierzigköpfige Spezialeinheit „Besondere
Aufbauorganisation Türsteher" (BAO) gegründet. Das Ergebnis von einem
Jahr harter Nachtarbeit beziffert BAO-Chef Markus Henninger, 35, so:
rund 150 Ermittlungsverfahren, 60 Festnahmen, 35
|
Haftbefehle.
Michael Kuhr wirkt in seinem „Hochsicherheits-'Palace'" viel größer,
als er in Wirklichkeit ist. Die hübschesten Mädchen der Stadt beschütze
er vor den bösesten Buben der Stadt, sagt er. Übertrieben aufrecht
steht er an der Tür, Solarium-braungebrannt, durchtrainiert, kein
Alkohol, keine Zigaretten, kein Gramm Fett zu viel, erweckt er den
Eindruck, als könne ihn nichts und niemand umhauen. Typen, die in einer
anderen Gewichtsklasse kämpfen, verneigen sich fast, wenn er sie
reinlässt.
Plötzlich zieht Kuhr am Handy ein ernstes Gesicht, trommelt seine
sieben „Palace"-Polizisten zusammen: „Eine Schlägertruppe ist im
Anmarsch. Augen und Ohren in erhöhter Alarmbereitschaft halten.
Abtasten und aussortieren, was das Zeug hält." Leibesvisiteur Sergej,
39, reibt sich die linke Schulter. Erst letzten Freitag hat ihn jemand
im „Palace" mit dem Messer erwischt. Die Wunde des Ukrainers musste
genäht werden. Auch Frontmann Tobias, 25, hat vor vier Tagen mit Glück
an der Tür des Lichtenberger „Tollhouse" eine Messerattacke überlebt.
Der albanische Angreifer rammte die Klinge gegen die Weste des
Deutschen. Einsatzleiter Michael Waltner bezieht draußen mit der
Videokamera „Beobachtungsposten". Und der türkische Verbindungs-Mann
Kadir führt ein paar lautstarke Telefonate auf Arabisch. Bis auf zwei
sichergestellte Springmesser und einen Schlagring gibt es keine
besonderen Vorkommnisse im Verlauf der Nacht.
|
Am Samstagabend fährt Michael Kuhr mit seinem Kumpel Waltner zuerst ins
Friedrichshainer Sport- und Erlebniszentrum.
Respekt, Beziehungen, einflussreiche Freunde
Profiboxen steht auf dem
Programm. Eine ziemlich miese Veranstaltung mit geringem sportlichen
Wert, jedoch sehr hohen Wetteinsätzen. „Hier trifft sich das obere
Management der Unterwelt", sagt Waltner. Von den vielleicht 600
Zuschauem seien siebzig Prozent Verbrecher, schätzt er; sechzig
Prozent, schätzen die vier Fahnder von der BAO, mit denen er und Kuhr
zusammenstehen. Sehen und gesehen werden, lautet die Devise. Hilft
beiden Parteien.
Dass die Nordafrikaner mit den gegelten Locken zwei ganz schwere Jungs
aus der Drogenszene sind, wissen die Beamten und die Pseudobeamten. Sie
wissen auch, dass der gedrungene Kurde im weißen Pullover in Kreuzberg
Schutzgeld eintreibt. Dass die vier deutschen Luden den Strich an der
Straße des 17. Juni (Tiergarten) und der Oranienburger Straße (Mitte)
zwar kontrollieren, doch trotzdem an die Araber-Clique zahlen. Die
BAO-Leute filmen und fotografieren ihre Klientel, Kuhr und Waltner
„pflegen Kontakte zur Konkurrenz": „Was macht ihr denn hier?" fragt ein
schnauzbärtiger libanesischer Gangsterboss, den zwei grimmig
dreinblickende Bodyguards flankieren. „Wir observieren dich", antwortet
Kuhr trocken und klopft dem Libanesen lächelnd auf die Schulter. Bussi
hier. Küsschen da, Kuhr benimmt sich, als sei er der Pate der Nacht.
Auf |
dem weg nach Spandau erzählt er, dass er erst einen "kampf" um eine
Disco "verloren" habe. Um das prestigeträchtige "Chip" im
"Hilton"-Hotel in Mitte: "Eine Bande bot mir die Zusammenarbeit an. Ich
lehnte wie üblich ab. Kurz darauf gab es eine Schlägerei mit vielen
verletzten. Der "Chip"-Betreiber schickte mir die Kündigung. Ich hatte
meine Deckung nicht oben, nur zwei Leute an der Tür. Das passiert mir
nicht noch mal."
Das „Starlight" in Spandau ist seine „neueste Herausforderung". Erst im
Dezember 2001 eröffnet, liegt die Disco in der Nähe der Lynarstraße,
mitten in „Klein-Anatolien". Der Laden brumme wie blöde, und in der
Szene mache man sich schon lustig über die beiden ortsansässigen
türkisch-kurdischen Clans, weil sie „keinen Fuß in die 'Starlight'-Tür"
brächten. „Ich garantiere, in den nächsten vier Wochen greifen die
Türken das 'Starlight' an. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, um
nicht total das Gesicht zu verlieren", glaubt Kuhr. Seine „Informanten" seien
wachsam, die Polizisten »im Bilde".
An Michael Kuhrs vierzigstem Geburtstag stand eine Sammelbüchse auf dem
Tisch. Von dem Geld will er sich eine neue Weste kaufen: „Schuss- und
auch stichsicher soll sie sein", erklärt er seinen Gästen. „Ich will
noch lange leben." Darauf hat Steffen Jacob, der Prinz vom Stutti, für
seinen „mutigen Freund" noch einen alten PatenSpruch parat: „Junge, du
traust dich weit ins Feindesland", sagte der 55-Jährige und lässt den
Zeigefinger warnend kreisen. „Doch denk immer dran, Hähne, die morgens
krähen, holt abends der Habicht."
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Hereinspaziert / Max (8 Seiten) / 2002
»Hereinspaziert«
Wie effektiv sind die Kontrollen für Besucher des Berliner Reichstags? Das TAGEBUCH der MAX-Reporter, die mit Sprengstoff im Reichstag waren
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Foto: Wolfgang B. |
28. APRIL 2002
Nach zwei Tagen waren die Bücher da, aus der Schweiz. Es sind
Anleitungen für Amoklauf und Attentat. Auch ohne große
Chemiekenntnisse, ohne Labor, lassen sich Sprengsätze basteln. Mit
Substanzen aus dem Supermarkt, der Apotheke, aus Baumarkt, Gartencenter
und vom Metzger: Mehl, Zucker, Pökelsalz, Aktivkohle, Holzkohle,
Rizinusöl, Schwefel, Quecksilber, rezeptfreie Medikamente,
Salpetersäure, Brennspiritus.
Auch Dünge- und Unkrautvernichtungsmittel
sind Zutaten für Sprengstoffe mit einer Detonationskraft von
fünfhundert bis weit über tausend Metern pro Sekunde. Die Druckwelle
eines Drei-Kilo-Sprengsatzes würde im Umkreis von sieben, acht Metern
verheerend wirken.
Ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA) sagt am Telefon: "Viele dieser Substanzen, richtig vermischt, sind detonationsfähig. Bomben
bauen
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kann heute praktisch jeder." Deshalb hielten sich alle
Sprengstoffexperten und Entschärfer seiner Dienststelle an einen
Ehrenkodex: "Kein Kommentar zu diesem brisanten Thema." Bernhard
Lammert, 42, aus Bad-Sassendorf in Nordrhein-Westfalen, Mitglied beim
Deutschen Sprengverband und Inhaber eines Familienunternehmens in
dritter Generation, das marode Brücken und alte Industrieanlagen
sprengt, bestätigt, dass man aus "diesen handelsüblichen Zutaten
Sprengstoff herstellen kann. Das lässt sich in jeder Bibliothek
nachlesen".
Das Bundeskriminalamt warnt seit Jahren vor den so genannten
Küchentisch-Bomben, die sich daheim nach Anleitungen auch aus dem
Internet zusammenbasteln lassen. Aus Pökelsalz, Holzkohle und Schwefel
etwa lässt sich Schwarzpulver mischen. In den neunziger Jahren wurde in
letzter Minute ein Anschlag mit einer solchen Heimwerkerbombe auf ein
deutsches Bankhaus vereitelt.
Die simplen Sprengsätze gelten bei Experten als Tabu-Thema, weil man
potenzielle Attentäter gar nicht erst auf die Idee bringen will. Mit
der Folge, dass einfache Sicherheitskräfte wenig darüber wissen und
verdächtiges Material arglos durchwinken. Metalldetektoren schlagen bei
den meisten Ingredienzien nicht an. Aber da man für eine Bombe mit
verheerenden Folgen einige Kilogramm Salz oder Düngemittel benötigt,
müssten derartige Mengen geschultem Personal am Röntgengerät auffallen,
ebenso Stoffe wie Salpetersäure, Quecksilber oder Schwefel.
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30. April 2002
Die Zutaten kosten 24 Euro, 95 Cent: Pökelsalz ("Machen Sie aber keinen
Blödsinn damit", sagt der Verkäufer im Fleischereigroßhandel am
Tiergarten), Rizinusöl, Salpetersäure, Fieberthermometer. Eine
Glühlampe, vom Glas befreit, kann den Sprengsatz zünden. Getrennt und
unbearbeitet und somit völlig ungefährlich kommen diese Materialien in
einen grünen Rucksack, zusammen gut drei Kilogramm. Fertig ist das
Testpaket für die Kontrollen. Wer von einem Experten intensiv geschult
wurde, der schöpft Verdacht, wenn er dieses für Touristen eher
ungewöhnliche Gepäck registriert.
1. Mai 2002
Klaus Leiner, ehemaliger Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes
(MAD) und stellvertretender Präsident des Bundesverbands unabhängiger
deutscher Sicherheitsberater und Ingenieure, kommt mit in den Berliner
Reichstag.
Die Verwaltung des Bundestags steht vor einem Problem: Wir
gewährleistet man größtmögliche Sicherheit bei größtmöglichem
Durchlasstempo? Etwa viereinhalb Millionen Menschen haben den
imposanten Bau seit seiner Eröffnung besichtigt und warten darauf oft
stundenlang. Hausherr Wolfgang Thierse will, dass möglichst viele
Menschen ins Parlament kommen, in die demokratische Machtzentrale,
dorthin, wo die Volksvertreter argumentieren, streiten, politische
transparent zu machen versuchen. Thierses vorbildliche Haltung wird von allen
Parteien geteilt. Niemand will Hysterie. Andererseits:
|
Kontrollen sind
nötig, also sollten sie auch mit der größtmöglichen Sorgfalt von gut
ausgebildetem Personal vorgenommen werden.
"Und da habe ich erhebliche Zweifel", sagt Sicherheitsexperte Leiner.
Der Reichstag hat verschiedene Eingänge. Die Schleusen für Politiker
sind gut gesichert. Journalisten müssen ihre Akkreditierung zeigen, die
Personalien sind der Verwaltung bekannt. Schwachstelle ist der
Besuchereingang.
11.55 Uhr. Die Schlange der Wartenden am Besuchereingang ist etwa
fünfzig Meter lang. Einzeln wird jeder durch die Sicherheitsanlagen
geschleust, identisch mit denen an einem Flughafen. Man entleert die
Hosentaschen und geht durch das Tor des Metdalldetektors. Jacke und
Gepäck kommen auf das schwarze Laufband des Heimann-Röntgengeräts. Die
beiden Wachfrauen, die vor dem Monitor sitzen, schöpfen keinen
Verdacht. Sie wollen auch nicht in den schweren Rucksack blicken.
Stichproben bei Gepäckstücken, die abschreckend wirken würden, sind
offenbar selten. In anderen Ländern, in nahezu jedem Museum, ist es
üblich, dass große Gepäckstücke an der Garderobe abgegeben werden
müssen oder Schilder am Eingang darauf hinweisen, dass Sperriges ganz
verboten ist.
Ein Beamter hinter der Schleuse hantiert mit seinem Detektor. Mit
diesem Gerät werden einzelne Personen nach Metall durchsucht, wenn die
Schleuse Alarm gibt.
Er beschwert sich lautstark bei einem Kollegen: "Das Gerät funkelt rot wie ein Weihnachtsbaum, und ihr lasst die Leute
trotzdem durch. So
|
geht das doch nicht."
Niemand reagiert. Es werden nur wenige Männer abgetastet, Frauen gar nicht. Für diese Schicht ist
anscheinend keine Beamtin eingeteilt. Und männliche Sicherheitskräfte
dürfen weibliche Besucher nicht anfassen. Sicherheitsexperte Leiner
sagt: "Die Geräte scheinen falsch eingestellt zu sein. Das
Security-Personal wirkt überfordert, nicht sehr professionell. Zudem
ist anscheinend niemand mit wirklich geübtem Auge da, der etwas abseits
steht und den Überblick behält."
Etwa 25 Leute betreten den Fahrstuhl, der direkt in die Glaskuppel
fährt. "Dass hier jeder mit Taschen, Beuteln, Rucksäcken und
Fotokoffern umhermarschieren darf, ist sicherheitstechnisch eine
Katastrophe", sagt Leiner während des Kontrollgangs durch die Kuppel.
Der Fotograf verschwindet mit dem grünen Rucksack derweil auf die
Toilette, um Bilder vom Inhalt zu machen. Er ist für 15, 20 Minuten
weg. Ein Attentäter hätte auf jeden Fall genügend Zeit, seinen
Sprengsatz zu bauen, sogar mit einem Fernzünder. Wir gehen noch einen
Schritt weiter und deponieren den Rucksack oben in der Kuppel. Polizei
und Sicherheitsbeamte kümmern sich nicht darum.
2. Mai 2002
18.20 Uhr. Der nächste Versuch. Wieder stecken Pökelsalz, Rizinusöl,
Salpetersäure, Quecksilber und eine Fahrradlampe im grünen Rucksack.
Ich passiere die Sicherheitsschleuse erneut ohne Probleme. Der Fotograf
macht Bilder von den Detektoren und Röntgengeräten, bis ihn ein Beamer
darauf hinweist, dass das nicht erlaubt sei. Er knipst
|
ungehindert
weiter. Der Weg führt diesmal ins Restaurant "Käfer" oben auf dem Dach
des Reichstags. Links vor dem Restauranteingang sitzen zwei
Sicherheitsbeamte in einer Nische und beobachten die Kuppel. Der
Fotograf macht auf der Restauranttoilette erneut ausgiebig Bilder.
Frage an die Managerin: Was passiert, wenn man draußen etwas vergessen
hat? Muss man dann noch einmal durch die Kontrolle? Die Managerin sagt,
wenn man einen Tisch bestelle, dann könne man später durch den
Behinderteneingang, rechts neben dem Besuchereingang, wieder hinein und
so die Warteschlange umgehen.
Wie wir beobachten, gelangen Kinderwagen und Rollstühle oft nur sehr oberflächlich oder ganz ungeprüft ins
Gebäude. Wir reservieren einen Tisch für 19.45 Uhr, dann gehe ich wieder
hinaus aus dem Reichstag, samt Rucksack. Der wird draußen auf dem
Parkplatz noch praller gestopft: noch ein Viertelliter Säure, dazu ein
zweieinhalb Kilo schwerer Beutel mit Pökelsalz. Auch am
Behinderteneingang gibt es die Metalldetektor-Schleuse und
das Heimann-Röntgengerät. Auf dem Bildschirm erscheint der Salzsack
bedrohlich schwarz. "Was ist denn das?" fragt die Security-Dame und
deutet auf den Bildschirm. "Eine Bombe", sage ich. Sie lächelt und
erwidert: "Lassen Sie mich doch mal sehen." Sie öffnet den Rucksack.
Der durchsichtige Plastikbeutel mit dem weißen Pulver und der
Aufschrift "Nitrit", erkläre ich, sei nur Salz für ein Picknick später
im Tiergarten. "Ach so, dann ist ja gut", sagt sie. Wieder ist der Weg
frei für mich. Oben in der Kuppel stellen wir den Rucksack für eine
|
Viertelstunde auf die Rampe, die auf die Plattform führt, nahe an
Menschengruppen, dicht an die Polizisten. Keine Reaktion. Im Restaurant
stellen wir die Säureflaschen und den Nitritbeutel mitten auf den
Tisch. Wir machen Fotos. Dann schleppt der Fotograf den Rucksack mit
auf die Toilette und bleibt zwanzig Minuten verschwunden. Ist
Auffälligkeit womöglich der beste Schutz vor prüfenden Fragen?
8. Mai 2002
In verschiedenen Berliner Ministerien geht ein Schreiben des BKA ein.
MAX-Reporter, hieß es da, wollten mit Sprengstoff in Gebäude des
Regierungsviertels eindringen, um Sicherheitslücken aufzuzeigen. Die
Aktion scheint sich langsam herumzusprechen. Auch bis zu den
Sicherheitskräften im Reichstag? Werden sie von nun an aufmerksamer
sein? Und haben sie von den BKA-Experten inzwischen erfahren, wie man
Selbstlaborate, also "Küchentisch-Bomben", identifizieren kann?
Offenbar nicht.
9. Mail 2002
10 Uhr. Heute geht es noch einfacher. Die lässigen Security-Schleuser
drängen zur Eile. "Bitte rücken Sie durch zum Fahrstuhl, der fährt
gleich hoch." Diesmal habe ich Düngemittel (Ammoniumnitrat) und Mehl
dabei. Aus diesen Zutaten soll einst die RAF einige ihrer Bomben gebaut
haben. In den USA sprengen Farmer damit Baumstümpfe samt Wurzeln aus
dem Boden. Wenigstens den Beamten in der Kuppel
|
müsste mein Gesicht
doch langsam mal bekannt vorkommen, irgendwann müsste ihnen doch
endlich mal irgendwas verdächtig erscheinen.
Ganz offensichtlich inspizieren wir Abfallkörbe, notieren Standorte von
möglicherweise versteckten Kameras, checken jede Tür, die uns
eigentlich nichts angeht, fotografieren Details, die keinen Touristen
interessieren, machen Notizen über Notizen, gucken in den Putzraum
neben der Besuchertoilette. Unter die Tür ist nur ein Holzkeil
geschoben. Drinnen liegt eine Bild-Zeitung, stehen Wischeimer,
Reinigungsmittel und Scheuerbürsten.
Auch hier könnten potenzielle Attentäter in aller Ruhe einen Sprengsatz
bauen und deponieren. Die Sicherheitsleute indes riskieren keine Frage,
nicht mal einen skeptischen Blick. Stehen lässig beieinander und
plaudern.
10. Mai 2002
15.50 Uhr. Eine Menschenschlange vor dem Reichstag. Diesmal ist
Schwefel, Holzkohle und Pökelsalz im Gepäck, was, im richtigen
Verhältnis gemischt, Sprengpulver ergibt.
Die Sicherheitsschleuse ist wieder defekt. Die Glühlampen des
Detektor-Durchgangs stehen pausenlos auf Rot. Ich weise den Wachmann
darauf hin: "Ihr Gerät ist defekt." Er antwortet: "Wissen wir. Das Ding
spinnt öfter. Nichts Besonderes hier." Ohne Beanstandungen betreten wir
den Fahrstuhl und kurz darauf die Kuppel. Diesmal wollen
|
wir wissen, ob
man nicht doch noch die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte erregen
kann. Fast zwei Stunden bewegen wir uns wieder so merkwürdig wie
möglich. Der Fotograf macht diesmal Bilder mit der Videokamera und dem
Fotoapparat. Gibt auffällig-heimliche Zeichen mit Kopf- und
Handbewegungen: Misch dich unter eine Besuchergruppe, lass den Rucksack
inmitten der Menschenmenge stehen.
17.45 Uhr. Wieder raus aus dem Reichstag. Draußen in der Schlange
wartet bereits ein dritter Mann, einer unserer Zeugen, die wir dabei
haben, damit wir später belegen können, dass unsere Beobachtungen
stimmen. Mit ihm zusammen betrete ich wieder das Gebäude. Wieder
Kontrolle, vom gleichen Security-Mann, der schon am Nachmittag vor dem
Röntgengerät saß. "Hello again." Er nickt. Fragt, ob die Flaschen (Wein
und Wasser) in meinem Rucksack auch geschlossen seien.
18.35 Uhr. Das obligatische Foto auf der Restauranttoilette. Wir
huschen mit gepäck am Tresen entlang. Einer von den Servicekräften schöpft Verdacht. Meldet seine
Beobachtungen der Reichstags-Polizei.
18.40 Uhr. Die Fotos sind im Kasten, als es an der Klotür pocht.
"Hallo, hier ist die Polizei. Was machen Sie da drin?" Wir öffnen die
Tür, werden festgenommen. Zur Feststellung unserer Personalien bringen
uns die Beamten in ihre Einsatzzentrale im Erdgeschoss des Reichstags.
Wir geben uns als Reporter von MAX zu erkennen und
|
erklären, dass wir
mit den mitgebrachten Substanzen die Sicherheitskontrollen testen
wollten. Die Polizisten beschlagnahmen die Chemikalien und nehmen dem
Fotografen die Filme ab. Eine gute Stunde später werden wir wieder auf
freien Fuß gesetzt und verlassen den Reichstag. Der dritte Mann, den
wir als Zeugen mitgenommen hatten, verlässt etwa zur gleichen Zeit
unbehelligt den Reichstag.
Kurz darauf fürchtet die Reichstagsverwaltung, MAX könnte eine Atrappe
deponiert haben, um die Sicherheit bloßzustellen (was nicht der Fall
war). Der Reichstag wird evakuiert und geschlossen. Suchhund-Führer
bieten sich an, sofort loszulegen.
Doch die Beamten bestellen die Spezialisten erst für Samstagmorgen, 10 Uhr, mitten im Publikumsverkehr
des Wochenendes, was das "Abspüren" unmöglich macht.
Am Samstag, bei der Durchsuchung, wird den Hundeführern immer wieder
gesagt, wo überall sie nicht suchen müssten, "weil da immer
abgeschlossen ist". Die Stichprobe des Hundeführers ergab den
Gegenbeweis: eine Tür war unverschlossen.
Als MAX die Bundestagsverwaltung mit der Mängelliste konfrontierte,
antwortete Pressechef Hans Hotter lapidar mit dem "für Sie hoffentlich
nachvollziehbaren Hinweis, dass ich Ihnen über die Details zu einzelnen
Sicherheitsmaßnahmen keine Informationen geben werde".
|
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Der Bio-Schwindel / Max (Titelgeschichte, 14 Seiten) / 2001
Der Bio-Schwindel
Bei kaum einem Thema sind die Deutschen so sensibel wie bei
Lebensmitteln. Immer mehr greifen zu Produkten mit dem Stempel "bio"
und zahlen gern den höheren Preis. Vor allem, wenn es um ihre Babys
geht. Deshalb vertrauen die meisten Mütter Claus Hipp. Der bürgt wie
kein anderer dafür, dass alle Bananen in seinem Gläschen "bio" sind.
Ein Versprechen, das er nicht halten kann.
|

Foto: Agentur |
Claus Hipp, 62, ist der Mann, dem die Frauen vertrauen. Vor allem
Mütter, die für ihre Babys nur das Beste wollen. Wenn sie ihren Kleinen
den ersten Löffel Bananenbrei ihres Lebens in den Mund schieben, ist es
meist "Bio-Banane" von Hipp. Kein Wunder. Schließlich steht auf jedem
Gläschen: "Kein Einsatz von chemisch-synthetischen Spritzmitteln." Und
dann prangt da noch das weißblaue Siegel: "Bio-Früchte. Dafür bürge
ich. Claus Hipp." Da zahlt man gern ein bisschen mehr.
Keine Frage, Claus Hipp hat einen guten Namen. Seit über 40 Jahren hat
er sich dem organisch-biologischen Anbau von Obst, Gemüse und Getreide
verschrieben. Er meint es ehrlich. Doch mit dem Versprechen, dass alle
Bio-Bananen wirklich "bio" sind, hat er sich offenkundig übernommen.
Denn Experten bestreiten, dass |
Bananen völlig ohne chemische
Spritzmittel überhaupt angebaut werden können. Und in Costa Rica, wo
die Bananen für Hipp herkommen, herrschen augenscheinlich Zustände, die
eine lückenlose Kontrolle unmöglich machen.
Wer es sich leisten kann, isst nicht alles, was ihm serviert wird.
Spätestens, seit BSE und Schweinepest allgegenwärtig sind, kauft
derjenige, der sich und seiner Familie etwas Gutes tun will,
Bio-Produkte ein. Die sind zwar teuer, geben aber ein gutes Gefühl. Der
Trend lässt die Kassen klingeln, und so ist es kein Wunder, dass die
Lebensmittelproduzenten mit inzwischen mehr als 100 Bio- und
Öko-Siegeln die Kunden locken. Da wird mal mehr, mal weniger
geschwindelt. Selbst bei Produkten, die nach der europäischen
EG-Bio-Verordnung hergestellt werden, kann niemand wirklich
garantieren, dass sie nicht mit chemisch-synthetischen Spritzmitteln
behandelt oder mit Dünger aufgepeppt worden sind. Denn die Kontrollen
sind nicht so streng, wie es der höhere Preis verspricht. Ein
Musterbeispiel dafür ist der krumme Weg, auf dem die "Bio-Banane" zu
uns kommt.
Costa Rica – ein unübersichtliches Land, 10 000 Kilometer entfernt vom
Hipp-Firmensitz im bayrischen Pfaffenhofen. 40 000 Menschen leben hier
vom Bananenanbau. Mit 48 000 Hektar Plantagen, einer Fläche gut halb so
groß wie Berlin, ist Costa Rica nach Ecuador der zweitgrößte
Bananenproduzent der Welt. Sie kommen bei uns unter Markennamen wie
Chiquita, Dole oder Del Monte in den Supermarkt. Sie
|
müssen schön groß
sein, gut schmecken und vor allem gut aussehen. Sonst kauft sie keiner.
Bananen – ein schwieriges Produkt: Bedroht von Pilzen und Würmern, die
im tropischen Klima üblicherweise mit chemisch-synthetischen
Spritzmitteln bekämpft werden. Das hat die Bananen-Multis in Verruf
gebracht, die Giftmengen wurden reduziert. Mit Umweltprogrammen und der
Vergabe einer Unzahl von Prüfsiegeln wie Eco-OK und Better Bananas
versuchen die Produzenten nachzuweisen, dass sie sich bemühen, mit
immer weniger Chemie immer mehr Bananen herzustellen. Doch ganz ohne,
sagt Uwe Meier, Experte für Agrarethik bei der Biologischen
Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig, sind
Bananen nicht für den Export nach Europa herzustellen: "Der regelmäßige
Gifteinsatz ist völlig normal und Standard."
Da hatte Claus Hipp, seit mehr als 40 Jahren Vorkämpfer für
biologisch-ökologische Landwirtschaft, 1993 eine Idee: Man könnte auf
die Exportbananen der Multis verzichten und direkt in Costa Rica Bauern
suchen, die bereit sind, auf chemisch-synthetische Spritzmittel zu
verzichten. Da hätte man doch eine richtige "Bio-Banane".
Seit 1994 holt sich Hipp seine "Bio-Bananen" direkt bei ausgewählten
kleineren Plantagen und Fincas. Ein Riesenerfolg. Tonnenweise gehen sie
in Produkten wie "Bio-Banane", "Pfirsich-Banane", "Banane mit Zwieback"
oder "Apfel-Bananen-Müsli" über den Ladentisch. Alles ist |
"bio" sagt
Claus Hipp und steht
dafür mit seinem guten Namen gerade. Er will sogar strenger sein, als
es die "EG-Bio-Verordnung" verlangt. Denn während nach europäischen
Regeln sogar der Einsatz von Spritzgiften unter bestimmten Umständen
gestattet ist, verspricht Hipp auf jedem Gläschen: "Kein Einsatz von
chemisch-synthetischen Spritzmitteln." Und versichert in seinem
neuesten Werbespot: "Wir kontrollieren bis ins kleinste Detail."
Dafür muss sich Hipp, der nach eigenen Aussagen erst einmal in Costa
Rica war, auf sehr viele Menschen verlassen, auch wenn er ein aus
seiner Sicht engmaschiges Kontrollnetz gespannt hat: Seine
"Bio-Bananen" werden in Costa Rica von der Firma Trobanex aufgelauft
und dort zu Bananenmus verarbeitet. Die Trobanex hat ihren
Geschäftssitz in Alajuela unweit der Hauptstadt San José. Inhaber ist
Stefan Hipp, 33. Der arbeitet in Pfaffenhofen.
Dass die von Trobanex eingekauften Bananen wirklich "bio" sind,
kontrolliert und zertifiziert die BCS Öko-Garantie GmbH. BCS, so die
offizielle Lesart, inspiziert die Bananen-Fincas und Plantagen und
überwacht den gesamten Produktionsablauf. Die Firma sitzt in Nürnberg
und ist als private Kontrollstelle im ökologischen Landbau gemäß der
europäischen "Verordnung (EWG) Nr. 2092/91" zugelassen. Der BCS
Öko-Garantie wurde die Code-Nummer DE-001-Öko-Kontrollstelle zugeteilt,
die sich auf jedem Bananengläschen von Hipp in Deutschland
wiederfindet.
Eine lückenlose Kontrolle – auf dem Papier. Im wirklichen Leben ist es
|
ein bisschen anders. Denn Trobanex hat zurzeit nach Angaben von
Geschäftsführer Mario Graf Beissel mehr als 1300 Bananen-Lieferanten in
Costa Rica unter Vertrag. Bis zum Februar vergangenen Jahres waren es
sogar rund 2000 – Kleinbauern und Indianer, vornehmlich in den drei
großen Anbaugebieten Talamanca, Bordon und Tucurrique. Jeder einzelne
Bananen-Produzent wird von "BCS Ökogarantie GmbH" geprüft und
zertifiziert. Zertifizierte Bauern dürfen alle zwei Wochen eine ihrer
Anbaufläche entsprechende Menge Bananen an Trobanex liefern, für etwa
30 Colónes (20 Pfennig) das Kilo. Die Früchte werden mit dem Lastwagen
abgeholt, Trobanex hat dafür zwölf "Camineros" unter Vetrag genommen.
Die Bananen reifen noch zwei Wochen bei San José in Holzkisten, werden
dann bei der externen Firma "Florida Products" in San José zu Mus
verarbeitet und in Containern nach Deutschland verschifft. Das Problem:
BCS, die als "DE-001-Öko-Kontrollstelle" auf Millionen Hipp-Gläschen
prangt, hat in Costa Rica nur einen festen Mitarbeiter.
Daher werden die einmal jährlich bei den 1300 "Bio-Bananen"-Bauern
vorgeschriebenen Kontrollen nicht von BCS, sondern von denen
durchgeführt, die kontrolliert werden sollen: 13 Trobanex-Mitarbeiter
füllen Formulare der BCS aus. Das ist so ähnlich, als würde man sich
die TÜV-Plakette selbst an sein Auto kleben und das "interne Kontrolle" nennen. BCS kontrolliert hier nur, ob die Formulare korrekt ausgefüllt
sind.
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Tatsächlich von BCS kontrolliert werden, so Peter Grosch,
"stichprobenartig" 20 bis 25 Prozent der "Bio-Bananen"-Bauern. Mehr
verlangt auch die europäische Verordnung nicht, wenn eine "interne
Kontrolle" stattfindet. Diese Stichproben werden vom BCS-Mann in Costa
Rica, vom Geschäftsführer Grosch (Nürnberg) und drei weiteren
BCS-Mitarbeitern aus Guatemala durchgeführt, wie Grosch sagt.
Der BCS-Inspektor in Costa Rica ist Bernal Gutiérrez, 46. Blass, mit
sorgenvoller Miene und hängenden Schultern sitzt er im "Grand Hotel
Costa Rica" in der Hauptstadt San José. Er ist seit 1995 für die
Prüfung der Trobanex-Biobauern zuständig und sieht seine Aufgabe
mittlerweile als "unlösbare Last". Denn er muss nicht nur in Costa Rica
überprüfen, ob alles "bio" ist, er muss auch immer wieder für BCS nach
Kuba, Guatemala und Panama reisen, klagt er. Die Zertifizierungen der
Trobanex-Lieferanten sind jedes Jahr im Herbst fällig, erklärt
Gutiérrez. Das sei eigentlich nur ein formeller Akt: Stempel,
Unterschrift – fertig. "Weil Trobanex zumindest auf dem Papier ein
internes Kontrollsystem hat, muss ich nicht jedes Jahr jeden Bauern
besuchen", sagt Gutiérrez.
Da kann es vorkommen, dass Trobanex-Lieferanten zwei, drei Jahre lang
zwar als Biobauern zertifiziert sind, jedoch nicht von BCS kontrolliert
werden. "Das ist die Praxis", sagt Gutiérrez, der im Durchschnitt bei
etwa jedem sechsten Bio-Bauern, den er für Hipp unter die Lupe nimmt,
etwas Verbotenes findet: "Die meisten spritzen |
Chemikalien. Einige
düngen oder verkaufen von Feldern, die gar nicht für den Bio-Anbau
freigegeben sind. Andere liefern mehr ab, als sie dürfen." Seine
Informationen sammelt Gutiérrez bei unangekündigten Besuchen auf den
Fincas. Dort schaut er, wie Unkraut bekämpft wird, sucht nach
Chemikalien, befragt Nachbarn und Händler von Pflanzenschutzmitteln.
Manchmal nimmt er auch Bananen und Bodenproben zur Analyse mit.
Gutiérrez hätte nichts sagen sollen. Seine Aussagen haben Hipp so
alamiert, dass MAX am 2. September, einem Sonntagnachmittag, zum
Krisengipfel in Pfaffenhofen empfangen wurde. Bei Mineralwasser aus dem
eigenen Brunnen und Pumuckl-Keksen waren alle angetreten, die
vielleicht Lecks stopfen könnten, aus denen Informationen zu MAX
gesickert waren: Claus Hipp mit zwei Firmenmanagern, der aus Costa Rica
eingeflogene Trobanex-Chef Mario Graf Beissel und der als unabhängig
bezeichnete BCS-Geschäftsführer Peter Grosch. Nicht ganz ohne Stolz
wurde erwähnt, Gutiérrez habe seinem Chef Grosch mittlerweile
eidesstattlich versichert, er habe nie mit MAX gesprochen. Hat er doch:
Zweimal, am 12. 8. 2001 und am 18. 8. 2001 traf er sich zu
mehrstündigen Gesprächen mit MAX. Zuerst im "Grand Hotel Costa Rica" in
San José, beim zweiten Termin in einem Café im Vorort Alajuela. Mit dem
MAX-Reporter dabei: ein deutscher Dolmetscher, der bei costaricanischen
Gerichten zugelassen ist. Von diesem nach der von Hipp ins Feld
geführten eidesstattlichen Versicherung gefragt,
|
antwortete Gutiérrez,
man habe ihm mit Rauswurf gedroht, da habe er keine andere Wahl gehabt.
Es gibt außer dem gesprochenen und gebrochenen auch das geschriebene
Wort, das belegt, wie unzuverlässig die Produktion von Bio-Bananen ist:
Inspektionsberichte, die MAX vorliegen. 1998 kontrollierte Gutiérrez
186 Betriebe, 26 von ihnen wurden von der weiteren Produktion von
Bio-Bananen ausgeschlossen. 1999 wurden von 74 kontrollierten Plantagen
23 ausgeschlossen.
Im Jahr 2000 verloren 29 von 158 Betrieben ihr Bio-Zertifikat. Das
bedeutet: Diese Bauern dürfen drei Jahre lang keine Bananen mehr an
Trobanex liefern. Allerdings sind die Früchte, die vor der Kontrolle
verkauft wurden, bei der suche aufgefallen sind, längst zu
"Bio-Banane"-Brei verarbeitet. Und in Deutschland längst gegessen.
Auch beim besten Willen, sagte Gutiérrez – als er noch nicht zum
Schweigen gebracht worden war – können nicht alle Bananen, die Trobanex
aufkauft, garantiert "bio" sein: "Vielleicht 60, 70 Prozent" sind es,
sagt er, weil nicht genug Kontrollpersonal da sei. Das ist für
costaricanische Verhältnisse viel, aber nicht so viel, wie Hipp
verspricht. Ein 70-Prozent-Bio-Anteil im Produkt genügt auch nicht der
EU-Ökoverordnung, wenn er nicht auf dem Etikett angegeben wird.
Nahe der Stadt Turrialba im Tucurrique-Gebiet, steht ein kioskähnlicher
Bretterverhau. Ein so genannter argarchemischer Stützpunkt inmitten
eines Anbaugebietes, in dem auch für Hipp
|
zertifizierte Bauern ihre
Bananenstauden hegen und pflegen. Die Regale sind voll mit Insektiziden
und Herbiziden. Sie tragen Namen wie "Vydate 24 SL" (gegen Nematoden)
oder "Batella 35,6 SL" (ein Pflanzenschutzmittel von Bayer). Gefragt,
ob auch die hiesigen Bio-Bananen-Bauern zu seinen Kunden zählen,
antwortet der Mann am Tresen: "Nur die Dummen kaufen erst, wenn Pilze
oder Würmer ihnen die Ernte vermasselt haben. Die Schlauen kaufen
vorher."
Zu den Schlauen gehören Javier und Juan, die in Tucurrique eine kleine
Firma betreiben. Sie berichten, dass sie zur Zeit "Bio-Bananen" an
Trobanex liefern. Sie rühren acht Schnapsgläser "Bioquat" in einen
20-Liter-Spritzbehälter, ziehen sich Handschuhe an, schnallen sich ein
Atemschutzgerät vor Mund und Nase und spritzen Unkrautvernichter auf
die Erde unter einer Bananenstaude. Sie wissen, dass sie das nicht
dürfen. Aber es fällt ja nicht
auf. Außer dem Trobanex-Lkw, der sich alle zwei Wochen den Berg
hinaufquält, verirrt sich kaum einer hierher. Sie sagen, dass sie von
1995 bis 1998 und dann wieder ab 2000 an Trobanex "Bio-Bananen"
geliefert haben. Ihren Prüfer Gutiérrez hätten sie in dieser Zeit
dreimal gesehen.
"Richtige Bio-Bananen, wie Ihr in Deutschland sie euch vorstellt,
liefern vielleicht die Bribri-Indianer unten in Talamanca ab", erklärt
Luis Terrano. Der 45-jährige war von 1996 bis 2000 Aufkäufer bei
Trobanex und möchte aus Furcht vor Repressalien nicht mit richtigem
Namen genannt werden. "Im Reservat stehen die Stauden noch mitten im
Dschungel. Und die meisten Indios haben kein Geld übrig für Dünger.
|
Hier um Tucurrique gibt es viele Kleinbauern. Die sind anders. Für die
bedeutet "bio", dass die Banane gesund und die Staude schön schwer ist.
Und das wird sie nur, wenn sie Medizin bekommt. Nicht zu viel, sonst
findet Hipp im Labor noch Rückstände, und die Bauern verlieren ihren
besten Abnehmer. Die meisten Produzenten spritzen deshalb nur alle drei
Monate. Das gute Geschäft mit Trobanex wollen sie nicht riskieren, denn
die Hipp-Firma, so Trobanex-Chef Graf Beissel, zahlt "mehr als die
anderen. Wir zahlen 32, die Konkurrenz 25 Colónes pro Kilo".
Manchmal wird jedoch zu viel gespritzt. Beissel berichtet, es sei schon
Ware aufgefallen, die Rückstände von verbotenen Mitteln enthielt. Ein
Container voll Bananenmus kam sogar bis Deutschland durch. Erst im
Hipp-Labor in Pfaffenhofen fiel das Bananenmus auf und wurde prompt
wieder nach Costa Rica zurückgeschickt. Ein gutes Zeichen, dass
wenigstens die chemische Kontrolle in Pfaffenhofen funktioniert. Eine
Garantie gibt Hipp mit Sicherheit zu Recht: Egal, ob die Bananen "Bio"
sind oder nicht, gesundheitlich bedenkliche Rückstände sind noch in
keinem Glas gefunden worden.
Wusste Luis etwas vom Bio-Schwindel, als er noch bei über 300 Fincas
und Plantagen aufkaufte? "Natürlich." Hätte er die Schummel-Bauern
nicht rauswerfen müssen? "Theoretisch ja. Doch von Trobanex hieß es
immer nur: Wo bleiben die Bananen? Wir brauchen mehr Bananen! Der
damalige Trobanex-Geschäftsführer
|
Carlos Sabarío hat mir sogar gedroht:
Bring Bananen oder du fliegst. Ich wurde nach Kilos bezahlt. Als ich
ihm doch mal etwas meldete, hat Carlos gar nicht reagiert. Das war ihm
egal." Auch das ist wohl einer der Gründe, warum Trobanex den Aufkauf
von "Bio-Bananen" von 1994 bis 2000 um etwa das Zehnfache steigern
konnte. Dem Trobanex-Geschäftsführer in dieser Zeit, Saborío, war nach
Aussage von Bauern und Transporteuren vor allem wichtig, dass die
Lastwagen voll waren. Konnten die zertifizierten Produzenten ihr
Abgabelimit nicht aussschöpfen, warfen sie auf die Trucks auch Früchte
von nicht zertifizierten Kleinbauern aus der Nachbarschaft, sagt Luis.
Auch heute, wo Luis nicht mehr für Trobanex arbeitet, hat sich nach
seinem Wissen "nicht viel geändert. Ich habe noch engen Kontakt zu 22
Biobauern aus der Gegend. Die geben alle 14 Tage rund 8000 Kilo an
Trobanex ab". Wie viele von denen produzieren korrekt? "Vier,
vielleicht fünf. Die anderen wollen ihre Ernte nicht gefährden. Also
bekämpfen sie Schädlinge und Unkraut mit Chemie. Selbst wenn man
wirklich wollte: Diese Masse an Produzenten, von denen viele in
entlegenen Gegenden leben, kann man nicht unter Kontrolle halten."
Trotzdem expandierte Trobanex gewaltig. Über 2000 "Bio-Bananen"-Bauern
belieferten Trobanex Ende der 90er. Von 1994 bis 2000 steigerte
Trobanex den Bananenaufkauf von 550 auf 6000 Tonnen. Allein in der
Provinz Bordón kaufte Trobanex 1998 mit 1600 |
Tonnen sechszehn mal mehr
als noch 1994 (100 Tonnen). Dass bei derart schnellem Wachstum schon
mal die versprochenen Standards vergessen werden können, zeigt das
Beispiel eines Mannes, der sich "Bam Bam" nennt. Er ist Verwalter auf
der Plantage josé Delia, genannt "der Italiener", bei Bonifacio in der
Region Bordón. Die Plantage ist 15 Hektar groß, gepflegt und
ertragreich. Aber sie liegt unmittelbar neben einem konventionellen
Anbaugebiet von Chiquita. Nur ein kleines Bächlein und eine Straße
trennen Delias Plantage von dem
großen Warnschild am Rande der Nachbarplantage von Chiquita. In großen
Lettern steht dort: "Achtung. Es wird darauf hingewiesen, dass in
dieser Zone gelegentlich Berieselungen aus der Luft vorgenommen werden.
Diese werden am frühen Morgen oder am Ende des Nachmittags
durchgeführt. Das Betreten der Fincas während der Sprüheinsätze der
Flugzeuge ist verboten." Kein idealer Ort für biologisch-ökologischen
Anbau. Wenn die Flugzeuge ihr Gift versprühen, ist es nur eine Frage
der Zeit, wann der Wind die Pestizide über die Straße trägt. BGS-Grosch
wollte Delia eigentlich nicht produzieren lassen, aber Saborío war das
egal. Aus Unterlagen, die Trobanex dem costaricanischen
Agrarministerium übermittelt hat, geht hervor, dass die Plantage von
Delia (Kennnummer 1.34.131) mindestens von 1995 bis 1999 "Bio-Bananen"
mit BCS-Zertifikat an Trobanex geliefert hat.
Und Mario Castro, bis zu einem Unfall vor einem halben Jahr Generalkoordinator bei Trobanex, bestätigt: "Wir haben alle 14 Tage
|
rund 3800 Kilo vom Italiener gekauft." Seit vergangenem Dezember sei
Delia, nach fünf Jahren, disqualifiziert worden. Castros Aussage wird
von Trobanex-Chef Beissel gegenüber MAX bezweifelt: "Haben Sie den Mann
gesehen? Der ist völlig verwirrt!"
Ein weiteres Indiz dafür, dass beim Einkauf von "Bio-Bananen" in Costa
Rica nicht alles so gelaufen ist, wie es sich Claus Hipp vorgestellt
hat, ist die Tatsache, dass Hipp vergangenes Jahr den wichtigsten Mann
für das Bio-Projekt in Costa Rica fristlos feuerte: Argraringeneur
Carlos Saborío, 42. Der Mann, der Trobanex von der ersten Ernte einer
Hipp-"Bio-Banane" n Costa Rica im Oktober 1994 bis Februar 2000
steuerte. Der Mann, der für Hipp das ganze Kontrollsystem in Costa Rica
aufbaute, hat sich als Betrüger entpuppt. Hipp hat mehrere Anzeigen
gegen ihn erstattet. Mario Beissel, der neue Mann bei Trobanex: "Er hat
höhere Preise abgerechnet, als er bezahlt hat. Er hat eine eigene Firma
gegründet und darüber bei den Indios eingekauft und dann an Trobanex
verkauft. Hier im Hause wusste niemand etwas davon. Er hat geschickt
verschleiert, dass er über diese Firma alle Bananen gekauft hat. Er hat
sich mindestens 560 000 Dollar in die eigene Tasche gesteckt, und das
ist nur ein Teil des Gesamtschadens." Und BCS-Geschäftsführer Peter
Grosch, der Kontrolleur, empört noch: "Er war an einer
Düngemittelfabrik beteiligt und hat an die Bauern Düngemittel
verkauft." Seit Februar 2000 versucht nun der neue
Trobanex-Geschäftsführer Graf Beissel, |
das Chaos zu beseitigen, das
"Saborío und seine Clique" angerichtet haben. 700 von einst 2000
"Bio-Bananen"-Bauern hat er von der Lieferliste schon gestrichen. Die
Früchte, die sie einst geliefert haben, sind längst gegessen. Beissel
hat festgestellt: " Der Tico, also der Costaricaner, neigt zur
Unredlichkeit."
Und auf noch etwas ist Beissel stolz: Die Größe der Plantagen wird seit
vier Monaten mit Hilfe des Satelliten-Navigationssystems GPS extakt
vermessen. Bis dahin sahen die Lagepläne aus wie Kinderzeichnungen.
Und Claus Hipp? Will er angesichts der, wie er es nennt,
"Kriegssituation" mit dem Mann, dem er einst vertraute, immer noch mit
seinem Namen für seine "Bio-Bananen" bürgen? "Ja", sagt er MAX, "denn
es gibt niemanden, der mehr tut als wir, und niemanden, der es besser
macht als wir." Peter Grosch, der Kontrolleur, der seit 23 Jahren mit
Hipp zusammenarbeitet, sagt: "Bio ist nicht das, was sich die
Verbraucher vorstellen. Bio ist definiert durch Gesetze."
Mit den MAX-Recherchen konfrontiert, wies Verbraucherministerin Renate
Künast ihr Ministerium umgehen an, die Vorwürfe zu überprüfen und bat
das für Hipp zuständige bayrische Landwirtschaftsministerium um
Klärung. Sollten sich die laschen Kontrollen der Firma Hipp bestätigen,
könnte es sein, hieß es im Hause Künast, dass Deutschlands
Vorzeige-Öko-Produzent Claus Hipp bangen muss, ob er das neue
Öko-Siegel für seine Bananen-Produkte erhält.
|
Bleibt die Frage, ob es statthaft ist, jahrelang für etwas mit seinem
guten Namen zu garantieren, was offensichtlich nicht zu garantieren
ist. Bleibt der Verdacht, dass das Label "Bio"
Augenwischerei ist und allein dem Zweck dient, Gewinne zu mehren.
Mütter glauben gern Siegeln und Stempeln, wenn es um die Gesundheit
ihrer Kinder geht. Und zahlen dafür gern mehr.
|
Millionengeschäft Menschenraub / Max (8 Seiten) / 2001
Millionengeschäft Menschenraub
Kolumbien - Land des Kidnappings. In vier Jahren wurden mehr als 11.000 Menschen verschleppt. Darunter viele Deutschte. Erstmals waren westliche Reporter bei der ELITEEINHEIT der Armee, die
im Dschungel Jagd auf die Guerilleros macht.
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Foto: Günther Menn |
Die Angst. Plötzlich ist sie da. Sie schnappt nach dir.
Wie ein Pittbull im Blutrausch. Sie lässt dich nicht mehr los."
Als Jens Jensen mir von seinem wahr gewordenen Albtraum erzählt,
starren seine blauen Augen ausdruckslos in den Aschenbecher.
Tief in seinem Inneren gräbt er nach etwas, das sein Leben nach dem Kidnapping
in Kolumbien beschreibt. Doch welche Worte charakterisieren schon die lähmende Ohnmacht.
Den Horror. Die Angst, die bleibt. „Ich bin am Arsch. Ein taumelndes, einsames Wrack.
Ich schaffs nicht zurück ins normale Leben", klagt der Mittdreißiger.
Seinen richtigen Namen verrät er nicht. „Selbstschutz", sagt er dazu.
Jensens „normales" Leben fand Ende der 90er Jahre in der Hauptstadt Bogota ein jähes Ende. Erst seit kurzem arbeitete er in der Sieben- Millionen-Metropole für ein internationales Unternehmen. Er war mit seinem Toyota-Jeep auf dem Weg zur Baustelle.
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Plötzlich wurde der Ingenieur von zwei Kleinwagen und einem Motorrad in die Zange genommen. Sie drängten den Jeep an den Straßenrand. Zwei Pistoleros zerrten den geschockten Gringo vom Fahrersitz. Verschnürten ihn mit Klebeband. Stießen ihn in den Kofferraum. Stunden danach folgte der Gewaltmarsch durch den Dschungel. Hin zu einem elenden, halb verfallenen Dorf. Zitternd vor Furcht und Kälte fand sich Jensen in einem leeren Raum wieder. Angekettet. Das schmale Fenster, nur ein Schlitz im Beton, war mit Holz vernagelt. Er bekam einen Jogginganzug und zweimal am Tag zu essen. Maskierte Männer bewachten ihn in den nächsten vier Wochen. Dann tauchte der Anführer auf und polterte wütend: „Wenn deine Firma nicht zahlt, hacken wir dich in Stücke und schicken dich im Plastiksack nach Bogota zurück." Zwei Monate später waren Kidnapper und Vorstand der Firma sich offenbar handelseinig. Wie viel Geld floss, weiß Jensen nicht. Er hat nicht danach gefragt. Es ist ihm peinlich. Und seiner Firma auch. Sie untersagte ihrem Angestellten, mit seinem Schicksal an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie vertuschte die Geiselnahme.
21 Tage nach der wiedererlangten Freiheit wollte Jensen wieder arbeiten. Doch die Erinnerungen kamen zurück. Herzrasen. Panik- anfälle. Schweißausbrüche. Er konnte nicht mehr Auto fahren. Nicht mal seine Wohnung verlassen. Der Psychologe kam zu ihm ins Haus. Ewigen Krankschreibungen folgte Jensens Entlassung. Und die Rückkehr - nach acht Jahren im Ausland – nach
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Deutschland. „Wenn du einmal in so einer Geisel-Scheiße drin warst, kommst du da nie wieder raus", sagt er. Jetzt lebt Jensen von Sozialhilfe. Für die Zukunft sieht er schwarz: „Der Mensch wird zur Handelsware. Und Kolumbien ist erst der Anfang."
Kolumbien ist Weltmeister im Kidnapping. In dem krisengeschüttelten Andenland, wo große Teile der Bevölkerung unendlich arm und nur ein paar dutzend Familien-Clans unsagbar reich sind, wo die Korruption grassiert und die Regierung nur ein Drittel des Landes kontrolliert, wurden von Anfang 1996 bis zum 19. September 2000 nach offiziellen Angaben 11161 Menschen verschleppt. Unter ihnen mindestens 20 Deutsche, von denen drei ihr Leben verloren (Myriam Nathan, Liselotte Nathan Schönfeld, Alexander Scheurer). Ende August dieses Jahres kam die vorerst letzte deutsche Geisel, der Automechaniker Rolf Sommerfeld, frei. Nach 366 Tagen Geiselhaft.
Touristen verirren sich kaum noch ins Andenland. In Kidnapper-Kreisen sind besonders europäische und amerikanische Geschäftsleute, sowie deren Familien begehrt. Oft sind diese bei Hiscoxs, American International Group, Allianz oder Colonia gegen Entführungen versichert. Für sie werden von den kolumbianischen Kopfgeldjägern eine bis fünf Millionen Dollar verlangt - und auch bezahlt. Die höchste Lösegeldforderung in Kolumbien betrug 40 Millionen Dollar und die höchste je für eine Deutsche verlangte Freikauf-Summe sechs Millionen Dollar. Die Geldübergabe für
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Brigitte Schöne - Ehefrau des ehemaligen BASF-Chefs Kolumbiens - vermittelte 1996 der Privatdetektiv Werner Mauss. Danach musste er sich des Vorwurfs erwehren, er mache mit den Geiselnehmern gemeinsame Sache und heize die Entführungsindustrie erst richtig an. 200 bis 300 Tage Geiselhaft in abgelegenen Dschungelcamps
sind die Regel, starke Gewichtsabnahme und Bartwuchs inklusive. Und jeder zwanzigste Entführte stirbt.
Die Dunkelziffer in dieser boomenden Lösegeld-gegen-Leben-Industrie liegt jedoch weit höher. Denn nur etwa jeder dritte Menschenraub wird – aus Angst, Hilflosigkeit oder Image-Gründen - angezeigt, schätzt Pais Libre, ein Zusammenschluss ehemaliger Entführter. Sicher ist, däss fast 80 Prozent aller Kidnappings auf das Konto der beiden großen Guerilla-Gruppen des Landes gehen: der „Nationalen Befreiungsarmee" (ELN, 8000 bewaffnete Söldner) und der „Revolutionären Streitkräfte" (FARC, 15 000 Söldner). „Die Rebellen unterhalten Geheimdienste und beschaffen sich Insider-Informationen über im Lande operierende multinationale Konzerne. Sicher auch über deren Versicherungspolicen. Die FARC hat kürzlich sogar ein Gesetz erlassen, nach dem alle, die mehr als eine Millionen Dollar verdienen, zu entführen seien", sagt Guillermo Restrepo, Anti-Kidnapping-Koordinator der Regierung.
ELN und FARC nutzen neuerdings auch gewöhnliche Gangster als Subuntemehmer – als Frischfleisch-Lieferanten. Sie lassen sich mit Geiseln beliefern. So bestreiten die marxistischen Rebellen, die sich
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Anfang der 60er Jahre eigentlich mit dem Ziel gegründet hatten, für die Freiheit zu kämpfen, einen Großteil ihres Haushalts aus dem Menschenhandel. Und der Umsatz stimmt. „Allein 1999 flössen in Kolumbien 550 Millionen Dollar an Lösegeld", sagt Dr. Alfonso Manrique, Vorsitzender von Pais Libre und selbst zwischen 1995 und 1997 18 Monate von der FARC entführt. Damit ist das Geschäft mit den Geiseln bereits einträglicher als der gesamte Kaffeeexport des Dritte-Welt-Landes.
Auf dem Flug von Bogota in die subtropische Zwei-Millionen-Stadt Cali ist mir schlecht. Secuestro (Entführung) ist eine eigene Rubrik, fällt mir beim Durchblättern der lokalen Tageszeitungen auf. Auch wir sind als Reporter in diesem Land so etwas wie ein saftiger Braten, sagte uns ein Ministeriumsmitarbeiter vor der Abreise. Fette Beute. Eine Kidnapping-Police wollte uns kein Agent verkaufen. Das Risiko, Reporter zu versichern, sei zu groß. Ich habe ein paar Notfallnummem von k & r"-Firmen in meinem Notizbuch. Das Kürzel steht für kidnapping and ransom. Entführung und Lösegeld. Bei Geiselnahme übernehmen professionelle Unterhändler - ehemalige Militärs, Geheimdienstler und Kriminalpolizisten - die Kontaktaufnahme mit den Kidnappern.
Marktführer auf diesem Gebiet sind die britische Control Risks Group und die US-amerikanische Kroll Associates. Control Risks rühmt sich, bereits 100 Geiseln aus Kolumbien befreit zu haben. Vermutlich würde ich aber zuerst Wemer Mauss anrufen.
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Mauss verfügt noch immer über gute Kontakte zur ELN. Er könnte bei meinem Verschwinden vielleicht zügig vermitteln und auch meine Familie beruhigen. Hoffe ich.
Auslöser dieser gruseligen Gedanken, dieser atembeklemmenden Atmosphäre in der Kokain-Hochburg (Cali-Kartell) ist ELN-Anführer Ovidio Parra Cortes, „El Zarco" (der Blauäugige) genannt. Fünf Tage vor unserer Ankunft kam er mit 50 Guerilleros im Gefolge aus den Bergen hinunter. Auf der Via del Mär an Kilometerstein 18, wenige Autominuten außerhalb von Cali, stoppte das Terrorkommando den Verkehr. Die mit AK-47 Gewehren, Pistolen, Handgranaten, regulären Armeeuniformen, gefälschten Ausweisen und der Teilnehmerliste eines Geschäftsessens ausgestattete Gangsterhorde stürmte sechs Restaurants. Überwältigte den Sicherheitsdienst. Schoss wild um sich. Verlangte von den Ausflüglem präzise Auskunft über Verdienst und Besitz. 58 Männer, Frauen und Kinder - eine US-Bürgerin, Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, aber auch Kellner, Babysitter, Studenten und Rentner - verfrachteten die Guerilleros auf Kleinlaster und verschwanden mit ihnen im Dschungel. El Zarco ist Spezialist für Massenentführungen.
Erst im Mai vergangenen Jahres verschleppte er 186 Gläubige aus der Kirche Santa Maria in Cali. Nur den Pastor nahm er nicht mit. Der blieb in einer Blutlache zurück. Alle Kirchen-Geiseln kamen inzwischen frei. Einige für Geld, andere wurden nach Aushändigung von Naturalien freigelassen: Verwandte der Entführten gaben
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bei den Menschenräubem Medikamente, Motorsägen und Mopeds ab. Die Guerilla nimmt, was sie kriegen kann. Und nach der Freilassung verlangten sie von ihren Opfern noch Schutzgeld, um gegen zukünftige Entführungen versichert zu sein. Politisch motivierte Geiselnahmen hingegen spielen kaum noch eine Rolle, erklärt der Leiter der örtlichen Polizei. Es gehe nur noch um die Kohle, fiir die ELN wie FARC eine besonders makabere Bezeichnung haben: „Revolutionssteuer." Doch dies mal kann sich El Zarco nicht so sicher sein, den Zaster einzuheimsen. Denn Armee und Polizei haben schweres Geschütz gegen ihn und seine Häscher aufgefahren. Sie setzen ihnen nach. Mit Blackhawk-Kampfhubschraubem und Anti-Guerilla-Spezialeinheiten der Dritten Armee-Brigade. Deren Kommandant General Canal gab den Befehl aus: „Tötet die Verbrecher."
Durch den Druck der Verfolger sah sich das ELN-Rollkommando bereits gezwungen, 21 Geiseln freizulassen. Die demonstrieren jetzt im Zentrum der Stadt mit weißen T-Shirts, auf denen „km 18" und „Santa Maria" steht. „Guerilleros, ihr rennt in den Abgrund. Reißt uns nicht mit", ruft eine Freigekommene. El Sirena, der berüchtigte Stadtteil im Süden Calis ist ELN-Gebiet. Wir müssen da durch, um in die Berge zu kommen. Also verriegeln wir den Wagen und brettem mit Tempo 90 über den löchrigen Asphalt. Ignorieren Ampeln und Einbahnstraßen. Dann geht es über glitschige Pisten hinauf ins Gebirge. In den Dschungel. Dorthin, wo der Kidnapping-Krieg tobt.
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In einem Kaff namens Suriaz machen wir halt. Die meisten Be- wohner sind geflohen. Nur die Alten und Kranken hocken noch in ihren Hütten. Auf dem Dorfplatz und in den Gassen lungern etwa 150 Soldaten. Viele stecken in regennassen Uniformen und Gummistiefeln. Sie trinken Bier, rauchen, dösen. Es ist wie in einem Vietnam-Kriegsfilm. »Bringt euch in Sicherheit", rät mir ein Soldat, dessen Gesicht eine lange Narbe verunstaltet. „Jeden Moment kann der Kugelhagel losbrechen. ELN und FARC haben sich verbündet." Kurz vor der Dämmerung zieht der Haufen los. Weiter die mörderischen Berge hinauf. Dorthin, wo sie die Geiseln vermuten. Wo die Guerilla sie schon erwartet.
Wir machen uns auf den Rückweg in die Stadt. Unten sagt mir der Chef des Lauschtrupps, er habe einen uns betreffenden Funkspruch der ELN abgefangen: „Greift euch die Gringos, die sich da in den Bergen rumtreiben." Glück gehabt. Großes Glück.
In der Kaserne der Dritten Brigade werden uns am nächsten Tag ein 22-jähriger toter und vier lebende Guerilleros präsentiert. Der Junge ist ein Milchgesicht in ELN-Kampfuniform. 14 Jahre alt. Die Mädchen (ein Drittel der Rebellen sind weiblich) 16,17 und 18. So also sehen die Fließbandarbeiter der Entführungsindustrie aus. »Sie haben keine Wahl. Entweder sie machen bei der Guerilla mit - oder sie fressen in den bitterarmen Bergregionen vor lauter Hunger die Rinde von den Bäumen. Oder sie werden von den Paramilitärs, den Todesschwadronen, massakriert", raunt ein Reporter von der
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Tageszeitung El Tiempo. „Ihr Glück ist, dass sie noch so jung sind. Wären sie älter, hätte das Militär sie abgeknallt. So zeigt man sie lieber vor und sagt, seht her, die Rebellen zwingen Kinder an die Knarren." "Und knallt sie danach ab?" frage ich. Der Journalist hebt stumm die Schultern.
Leichenwäscher Hector Spinoza, 30, aus dem städtischen Krankenhaus hat auch ohne die Kinder-Kidnapper alle Hände voll zu tun. „Mein Job ist der krisenfesteste in ganz Kolumbien. Jeden Tag kommt massenweise Nachschub. Soldaten, Guerilleros, Geiseln, alles", sagt er und steift sich wieder die Gummihandschuhe über. Während der Nacht sollen mindestens 15 Soldaten und ebenso viele Rebellen unweit der Ortschaft Suriaz ihr Leben verloren haben, höre ich. Wo die 37 Geiseln sind, weiß noch niemand.
Sobald sie geortet sind, schlägt die Stunde der „Geier". So wird die GAULA, die Anti-Kidnapping-Einheit genannt. Von Tätern wie von Opfern. Und immer schwingt Furcht in der Stimme desjenigen mit, der von der GAULA spricht. Mit ihr möchte keiner konfrontiert werden. Wenn sie kommt, geht es nur noch ums Entweder-Oder. Um Leben und Tod.
1500 Mann, die besten Soldaten des Landes, sind über ganz Kolumbien auf 18 GAULA-Gruppen verteilt. Sie müssen für den Sold von 450 Mark im Monat alles sein: Kampfschwimmer, Minensucher, Fallschirm- und Gebirgsjäger, Leibwächter und Scharfschütze.
|
Zwei Geiselbefreiungs- Einsätze sind der wöchentliche Schnitt einer solchen Antiterror-Truppe. Und alle GAULAS zusammen erlösen dabei pro Jahr etwa jeden zwölften Entführten. „Ohne den absoluten Killerinstinkt überlebst du in dem Job keine zwei Wochen", sagt Alexander Beitran, 24, von der in Bogota stationierten und für die besonders gefährlichen Fälle zuständigen GAULA-Elite. „Wenn wir ein Geiselcamp stürmen, machen wir erstmal jeden platt. Dann gucken wir, wer die Guten und die Bösen sind", sagt Beitran.
„Manchmal erwischt es auch den Falschen, klar. Denn die Guerilleros kennen keinen fairen Kampf. Die ELN zum Beispiel hängt ihren Opfern ausrangierte Waffen um. Damit wir sie töten, wenn wir einfliegen", ergänzt Beitrans Kampfgefährte Enrique Pardo, 23. „Und wenn es der FARC ans Leder geht, tötet sie zuerst ihre Gefangenen. Kotzen könnte ich bei so was."
Viele Menschen verlassen inzwischen aus Angst vor Entführungen das Land. Auch die Deutsch-Kolumbianerin Karin S. ist am Ende ihrer Kraft. Die 27-Jährige will weg aus Bogota. Aus Kolumbien. „Was habe ich von diesem so wunderschönen Land, wenn ich mich nicht mal ins Auto setzen und eine Spritztour machen kann", fragt sie. „Mein Vater verdient sehr gut. Wir leben in einer 220-Quadratmeter-Luxuswohnung. Mit Sauna, Kronleuchtern und Kaminen. Hier kommt keiner rein. Das Haus wird bewacht. Doch es ist ein goldener Käfig. Wenn ich rausgehe, beginnt das große Nervenflattem. Ich nehme nie den gleichen Weg. Vielleicht beobachten
|
sie mich schon. Nee, keinen Bock mehr. Ich habe mich in Europa um einen Job beworben. Weil ich sie endlich loswerden will. Die Angst.
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Indianer / Max (10 Seiten) / 1999
Indianer
Sie
waren ganz normale Deutsche. Doch dann verschlug es sie in den WILDEN
WESTEN. In abgelegenen Reservaten begannen sie ein neues Leben: Sie
wurden INDIANER. Max hat drei von ihnen besucht.
|

Foto: Martin Schöller |
Über
der Prärie liegt Stille. Ein Adler gleitet im Segelflug von seinem
Jagdrevier hinüber zum Nistplatz auf dem wuchtigen Sandsteinfelsen. Nur
mickrige Kakteen, Wacholdersträucher und Zedernbüsche wachsen auf dem
rissigen Boden. Die Sonne senkt sich langsam, sie hüllt das
Indianerland in glühendes Abendrot.
Hier in Arizona, rund um das Monument Valley, siedeln die Navajo, der
größte Indianerstamm der USA: mehr als 250000 Native Americans, wie sie
genannt werden. In besseren Zeiten — bevor Christopher „Kid" Carson mit
seiner Armee sie geschlagen und hierher getrieben hatte — nannten die
Navajo sich selbstbewusst Dine, das Volk. Sie lebten auf viel
fruchtbareren Böden von Ackerbau und Schafzucht. Und sie waren ebenso
starke wie grausame Krieger.
„Mit dem Auto brauchst du sechs Stunden, um das Reservat von Nord nach
Süd oder von Ost nach
|
Ost nach West zu durch queren”, sagt Dietrich Weber. Er
hat es oft getan. Der schlaksige Mann aus Heddersheim in
Baden-Württemberg lebt seit neun Jahren im Reservat. Es ist seine
Heimat geworden. Und er ein Indianer.
Der Wind frischt auf, bläst dem 42-Jährigen feinen Sand ins
bartstoppelige Gesicht und lässt den schwarzen Zopf tanzen. Ed nennt er
sich jetzt, weil „Dietrich" für jeden Indianer ein Zungenbrecher ist.
Ed gibt seinem Dodge-Bus einen Klaps auf den Kühler, schlendert stolz
am Drahtzaun entlang. Den Zaun hat er vor wenigen Wochen um das kleine
Stück Land gezogen. Sein Land. Für das bisschen Staub auf dem Hügel
oberhalb der Navajo-Hauptstadt Window Rock hat er dem Stamm 18000
Dollar hingeblättert. Für das Fertighaus sogar 50000. Viel Geld für Ed.
Doch er wollte sich unbedingt seine eigene Insel schaffen. Sein
Rückzugsgebiet.
Eine US-Bank hat ihm den Kredit dafür gegeben. Es war ein harter Kampf.
Denn die meisten Geldhäuser betrachten Reservat-Bewohner generell als
nicht kreditwürdig. Genauso wie die meisten Versicherungen sich
weigern, Indianer aufzunehmen. Bei ihm war letztlich wohl entscheidend,
glaubt Ed, dass er keine „richtige Rothaut" ist, sondern ein deutscher
Indianer.
Eine Hausratversicherung indes hat der Weiße nicht bekommen. Er ist
überhaupt nicht versichert. „Was soll's? Der da oben lenkt unsere
Geschicke”, sagt er Schulter zuckend. „Manitu macht das schon. Ich
verlass' mich auf ihn."
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Das hat auch Eds Nachbar getan. Und trotzdem ist ihm vergangene Nacht
ein Rind erschossen worden. „Der Kuh-Killer muss high gewesen sein.
Oder besoffen. Oder irre. Vermutlich war er alles gleichzeitig. Der Typ
hat das Tier wie ein Sieb durchlöchert", jammert der Indianer, der mit
glasigen Augen auf einen Plausch angeschlurft kommt.
Seine zwei restlichen Rinder will er nun beschützen und sich die
nächsten Nächte mit dem Karabiner auf die Lauer legen. „Ich erwische
den Kerl", sagt er. „Ich blase ihm den Skalp runter. Ich mache
Hackfleisch aus ihm."
Ed tätschelt dem wütenden Krieger die Schulter und klopft zwei Marlboro
aus der Schachtel. Die beiden Langhaarigen rauchen und tratschen noch
ein bisschen. Über den niedrigen Wasserdruck, die vielen Autounfälle
und den schlechten Fernsehempfang. Dann schweigen sie. Gucken in den
Sternenhimmel. Scharren mit den Füßen im Sand. Irgendwo in der nahe
gelegenen Schlucht jault ein Kojote.
„Sieh bloß zu, dass du nicht den Falschen erwischst", sagt Ed noch,
bevor er wieder in sein Haus geht. „Nicht, dass du irrtümlich mich für
den Kuh-Killer hälst. Ich bin verdammt allergisch gegen Blei."
Drinnen kratzt er sich nachdenklich am Ohr. Die Sache mit der Kuh
beunruhigt ihn. Und ein paar andere Sachen auch. „Jeder Haushalt hier
hat mehr Knarren als Kochtöpfe. Jedes erdenkliche Kaliber. Alkohol ist
zwar verboten, aber natürlich hält sich keiner dran", sagt er und winkt
genervt ab. „Verdammt noch mal, heute will ich von dem ganzen
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Scheiß
nichts mehr hören." Denn heute ist mal wieder einer dieser seltenen
Abende, an denen Ed „Freiheit" fühlt. „Stärke", wie er sagt. „Und
Unabhängigkeit."
Die Geschäfte in seiner Firma Cool Runnings unten im 5000-Seelen-Nest
Window Rock laufen ganz gut. Sohn Joseph, 5, und Tochter Dee, 7, liegen
bereits im Bett. Seine Squaw Laurinda redet zwar
kaum ein Dutzend Worte am Tag, aber das ist normal bei ihr. „Sie ist
Meisterin im indianischen Schweigen", raunt Ed in der kleinen
Einbauküche, während die 41-jährige Frau im Wohnzimmer nebenan in der
Navajo Times blättert. Ed hat schon lange aufgegeben, sie in ein
Gespräch zu verwickeln. Ihre Meinung zu erforschen. Er lässt seine Frau
schweigen.
Während eines sechswöchigen Rucksackurlaubs in den Staaten hatte er sie
kennen gelernt. Bei dem großen traditionellen Indianerfest, dem Powwow,
hat es gefunkt zwischen ihnen, sagt Ed. Das war 1978.
Erst zwei Jahre später hatte der Deutsche genug Geld zusammen, um
wieder nach Arizona zu düsen. „Ein Traumurlaub." Danach bestand ihr
Kontakt sieben Jahre lang aus Briefen und Postkarten. Die folgenden
drei Jahre herrschte Funkstille.
Ed wohnte in Heddersheim, später in Mannheim. Er spielte Gitarre in
lokalen Rockbands, verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkaufen
selbstgeschneiderter Lederklamotten und dem Abkassieren von
Arbeitslosengeld. „Aber mir ging's ganz gut. Ich lebte lässig in den
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Tag hinein, hing mit Kumpels rum, hörte alte Scheiben, trank 'ne Menge
Bierchen und legte ab und zu ein schroffes Gitarrensolo hin", erzählt
der Schnauzbartträger. Auch mit den Frauen lief es ganz gut. Solo war
er selten. Doch die geheimnisvolle Indianerin mit der wallenden,
schwarzen Mähne und den nachdenklichen, braunen Augen ging ihm in all
den Jahren einfach nicht aus dem Kopf.
1990 raffte er sich auf. „Entweder ich kriege sie — oder ich vergesse
sie." Nach Tagen vergeblicher Suche im Reservat fand er Laurinda. Sie
war immer noch Single. Noch immer hübsch. Noch immer geheimnisvoll. Und
er war noch immer in sie verliebt. Wie an dem Tag vor zwölf Jahren, als
sie sich kennen lernten. Also hat er gefragt, ob sie ihn heiraten
wolle. Im nahen Las Vegas. Jetzt, sofort. Und sie wollte.
„Winnetou war schon immer mein King", sagt Ed beim Stöbern in einem
Haufen alter Erinnerungsstücke. Als Beweis zieht er das vergilbte
Autogrammfoto von Pierre Brice hervor. „Jetzt lebe ich selbst schon so
lange im Wilden Westen. Oft war's echt die Hölle. Hab' jahrelang mit
der Familie im Wohnwagen gehaust. Kein Job, kein Geld, gar nichts
hatten wir. Um uns herum war zwar immer diese grandiose Landschaft,
dieser funkelnde Sternenhimmel und dieses lange Abendrot, aber sonst
fast nur Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Das macht matt. Das
Wort aufstecken geisterte mir dauernd durch die Rübe."
Zuerst versuchte er, mit dem Verkauf von Lederklamotten über die
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Runden
zu kommen. Keine Chance. Sein Zeug war zu teuer für hiesige
Verhältnisse. Und überflüssig. Kein Indianer braucht modische
Fransenwesten, breitkrempige Hüte und hochhackige Cowboystiefel für 120
Dollar. Das begriff Ed ziemlich schnell.
Die ersten Dollar machte er auf Flohmärkten mit Mokassins, Schnitzereien, Perlen, Armreifen und anderem bunten Nippes, auf den
besonders die Indianerfrauen und die Kinder scharf sind. Er klapperte
Indianerfeste in den ganzen USA ab. Das Geld reichte gerade so für
Benzin, Burger und die Brühe, die sie hier Kaffee nennen.
Erst als er sich auf seine alte Leidenschaft besann, ging es bergauf:
die Musik. „Rote Männer wollen nicht Sting, die Stones, schon gar nicht
die Spice Girls hören”, sagt Ed. „Die stehen auf ihre eigene Mucke.
Traditionelle Indianermusik mit Rasseln, Trommeln, Lautgesang. Und da
es kaum Profi-Produzenten in den Reservaten gibt, hab' ich eben
angefangen, ein Studio ein zurichten, Kontakte zu Musikern aufzubauen.
Zu Cheyennen, Apachen, Komantschen."
Das war die Rettung. Momentan bringt Ed jeden Monat eine neue Kassette
oder CD heraus. Er produziert in Indianerkreisen bekannte Bands mit
Namen wie Blackhorse, Eagle Creek, Navajo Nation Swingers oder Cherokee
Rose. Und die Geschäfte gehen gut. Eds Musiklabel Cool Runnings ist
innerhalb des vergangenen Jahres zum Geheimtipp geworden. Viele seiner
Kunden und Künstler reisen extra aus anderen Reservaten an. Manche ein
paar tausend Meilen. Aus Kalifornien, Colorado, Nevada, New Mexico und
Montana.
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Das gefällt Ed, der inzwischen weiß, dass Amerika tatsächlich noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. „So 'n an sich unambitionierter Typ wie ich mischt munter im Musikgeschäft mit", sagt er und lacht leise vor sich hin. „Das ist in good old Germany garantiert nicht mehr möglich. Da geht alles nur noch über Beziehungen und Arschlecken." Ed hat es im Wilden Westen ohne das alles geschafft. „Das soll mir erst mal einer nachmachen."
Als Roswitha Freiers Pferd starb, veränderte das ihr Leben. Schlagartig und total. Der Wallach war ihr „bestes Stück", ihr „Ein und Alles", sagt die 35-jährige Pferdenärrin aus Durmersheim bei Karlsruhe.
Sie gab ihren Job bei der Bank auf und schmiss auch die Stelle als Jugendleiterin im Reitverein. Ohne Ankündigung. Ohne Absprache. Sie wollte nur noch eins: aussteigen. Ihr Ziel: Amerika.
Bekannte, Freunde, Familie — alle waren erstaunt. Die Rosi war doch immer so zuverlässig, vernünftig, bodenständig. Und jetzt das. So weit weg. So ganz alleine. Und — das ahnte damals nicht mal sie selbst — für so lange. Aus den geplanten sechs Monaten sind in zwischen mehr als fünf Jahre geworden. „Ich will für immer bleiben", sagt Rosi. Ein Feldweg im Pine-Ridge-Reservat der Oglala-Sioux-Indianer in South Dakota ist Schuld an ihrem ungeplant langen Aufenthalt.
Die Sioux hatten so tapfere und berühmte Krieger wie Sitting Bull, |
Black Elk und Crazy Horse in ihren Reihen. Die berittenen, federbehangenen Büffeljäger wehrten sich von allen Stämmen Nordamerikas am längsten und erfolgreichsten gegen die weißen Eroberer. Sie besiegten Custers Truppen im Juni 1876 bei der legendären Schlacht am Little Bighorn. Erst 1890 wurden die Sioux von 450 Soldaten, die mit automatischen Gewehren und Hotchkiss-Schnellfeuerkanonen bewaffnet waren, beim Massaker am Wounded Knee endgültig bezwangen. Fast 400 Frauen, Kinder und Krieger fanden dabei den Tod. Das hat Rosi so gelesen — und so ist es auch passiert. Die Berichte haben sie sehr betrübt, sagt sie. Aber auch neugierig gemacht.
Der Regen goss in Strömen, als sie von der regulären Straße, die durch die Badlands inmitten des Sioux-Landes führt, auf den Feldweg abbog, der ihr Leben verändern sollte. Der Scheibenwischer schmierte. Der Motor stotterte. Die zierliche, stets ungeschminkte Brünette überquerte den brodelnden White River und folgte dem Hinweisschild zum „CunyTable Café".
Viele Meilen fuhr sie durch unberührte, absolut menschenleere Mondlandschaft. Nirgendwo konnte sie das Café sehen. Gar nichts konnte sie sehen. Nur Berg und Tal und Matsch und Geröll.
Der Weg wurde zum reißenden Bach. Immer modriger. Ein paar Mal drehten die Reifen durch. Rosi bekam Angst. Die Frau von der Touristeninformation hatte sie noch eindringlich gewarnt, es sei sehr gefährlich, ins Reservat zu fahren. Die Sioux seien unberechenbar und |
gewalttätig. Wie wilde Tiere.
Wenden und zurückfahren kam jedoch nicht in Frage. Der Weg war viel zu schmal dafür. Also weiter geradeaus. Irgendwann würde es schon kommen, das Café. Oder war das Hinweisschild doch nur eine Falle? Eine Masche der Indianer, ahnungslose Touristen anzulocken, auszurauben und...? Gruselige Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Dann wurde es auch noch dunkel.
Endlich tauchte zwischen zwei Regenschwaden — wie ein Geisterhaus — das Café auf. Mitten auf einer riesigen Hochebene. Die wahrscheinlich abgelegenste Kaschemme der Welt. Ein rostiger Blechverhau, geführt von zwei warmherzigen Mittsiebzigerinnen. Die machten Rosi nicht nur Tee und Tortillas, sondern gaben der blassen, bibbernden Deutschen auch ein Bett für die Nacht.
Am nächsten Morgen — zum Frühstück — betrat ein zweiter Gast das Café. Howard. Von Beruf Truckfahrer. Ein stattlicher Sioux. Eigentlich wollte der alte Indianer nur mal kurz den Ort seiner Kindheit aufsuchen und ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Vier Wochen später war er mit Rosi verheiratet.
Das Ehepaar bezog den Flachdachbau neben dem Cafe und eröffnete die Singing Horse Trading Post. Einen Wohnzimmerladen, in dem sie Adlerkrallen, Federn, bunte Plastikperlen, Medizin-Tee, Perlmutt- und Siltierschmuck, Trommeln und Leder verkaufen. Vornehmlich an Indianer. Denn Fremde verirren sich nur selten in diese Gegend. Und wenn doch mal jemand unten an der Touristeninformation |
nachfragt, lautet die Antwort noch immer: „Nicht anhalten im Reservat. Nicht aussteigen."
„So ein Schwachsinn", sagt Rosi mit ungewohnt barschem Ton und kriegt gleich einen roten Kopf. Sie fühlt sich unter den Sioux völlig sicher. „Die Indianer sind nett. Ich habe überhaupt noch keine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht, im Gegenteil. Mein Lebenstraum ist hier, im angeblich ärmsten und heruntergekommensten Reservat Amerikas, wahr geworden."
Im Moment ist Rosi alleine zu Hause, ihr Mann ist wochenlang auf Verkaufstour in Nevada und Kalifornien. Draußen ist es dunkel. Gewitter. Der Sturm heult gespenstisch. Strom setzt immer wieder aus. Rosi hat Angst vor Tornados. Morgen früh wird sie gleich den geplatzten Autoreifen wechseln, das defekte Wasserrohr kitten und die kaputte Scheibe durch eine Plastiktüte ersetzen, damit es nicht weiter hinein regnet.
Dann wird sie zum Einkaufen, Waschen und Müll entsorgen in die Stadt fahren. Nach Rapid City, dem ehemaligen Goldgräbernest am Fuße der Black Hills. Hin und zurück sind es stramme 150 Meilen. Und danach muss sie sich wieder ums Geschäft kümmern. Um die Trading Post. Die wirft noch immer so wenig ab, dass sie und Howard unter der Einkommensgrenze von 6000 Dollar pro Kopf und Jahr liegen. Damit gehören sie zu denen im Reservat, die Lebensmittelmarken vom Stamm beziehen. Ohne diese Marken könnten sie nicht auskommen. Doch darüber spricht Rosi nicht gerne.
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„Die Probleme, mit denen ich mich hier herumschlage, sind wenigstens real", sagt sie nur. „In Durmersheim ging es immer bloß darum, welche Klamotten man trägt, welches Auto man fährt. Hier geht es ums Überleben. Jeden Tag."
Das letzte Mal Kino, Theater, Disco? In der Boutique? Im Restaurant? „Keine Ahnung. Kann ich mich nicht dran erinnern. Ist mir aber auch nicht mehr wichtig. Ich bin zwar arm, aber frei." Der einzige Luxus, den sich Rosi gönnt, heißt Crystal. Ihre hellbraune Stute hat gerade ein Fohlen bekommen. Irgendwann demnächst in diesem Reservat will die deutsche Sioux verhaltensgestörten Jugendlichen mit therapeutischem Reiten eine Alternative zu Rumlungern, Klauen, Hauen, Saufen und Drogen bieten. „Wenn man Kinder und Pferde zusammenbringt, kommt immer etwas Gutes dabei heraus", sagt sie. Genauso, wie wenn man Erwachsene und Pferde zusammenbringt? „Ich bin doch das beste Beispiel. Nur meinem guten alten Wallach habe ich es zu verdanken, dass ich hier bin."
Mario Neumann nannten sie schon in der Schule nur „Indianer". Mit 17 wollte er unbedingt nach Kanada auswandern. Nur ging das damals nicht. Deutschland war noch geteilt — und Mario lebte auf der falschen Seite der Mauer. Mitte der 80er Jahre musste er wegen „staatsfeindlicher Hetze" für ein Jahr in den Knast. Danach kaufte ihn die Bundesrepublik frei.
Schon wenige Wochen später zog es ihn noch weiter westwärts. In |
Kanada lernte er endlich echte Indianer kennen. Die Stonechilds. Eine Familie von Volk der Cree. Ihr Verhältnis entwickelte sich so gut, dass der 65-jährige Alvin Stonechild den deutschen Indianerfreak 1989 adoptierte und ihm den Namen White Hawk gab.
Der besuchte seine neue, vielköpfige Familie zwei- bis viermal im Jahr, wohnte jedoch weiter in Berlin. Er bastelte intensiv an seiner Karriere als Radio-Journalist, moderierte ein Morgenmagazin, produzierte Reisefeatures und Musik-Specials, interviewte Prominente.
Vor zwei Jahren glaubte der 39-Jährige, genug gelernt zu haben, und fand den Mumm, einen eigenen Radiosender aus dem Boden zu stampfen. Aber nicht in Deutschland, sondern im Okanese-Reservat der Cree-Indianer. Im kanadischen Bundesstaat Saskatchewan.
Das Land der Cree liegt inmitten eines wald- und wasserreichen Hochmoors. Welliges Grasland. Alle paar hundert Meter ein Tümpel, auf dem Wildenten schnattern und Kanadagänse dümpeln. Es gibt Wölfe und Bären, Stachelschweine, Stinktiere, Ratten, herumstreunende Hunde und vor allem eine Menge Wild.
Mario ist seit kurzem mit der 32-jährigen Indianerin Sonia verheiratet. Der Kühlschrank des Ehepaars ist mal wieder leer. Kein Problem, wenn man genug Munition oder wenigstens Pfeil und Bogen im Hause hat. Mario hat beides.
Er schnappt sich das Gewehr, steigt in seinen rostigen Pontiac und macht sich auf die Jagd. Auf Antilopen hat er es heute abgesehen. Doch wenn ihm ein Hirsch vor die Büchse läuft, wäre das auch okay, |
sagt er. Er hat Appetit auf frisches Fleisch.
Kurz vor der Abenddämmerung treten die scheuen Antilopen aus dem Unterholz. Der Jäger beobachtet sie aus dem Wagen. Er kurbelt die Scheibe runter, legt an —und schießt. Die Tiere wetzen mit wehendem, weißem Schwanz davon. „Bullshit", flucht Mario und lässt den Motor an. Das Glück hat ihn in letzter Zeit verlassen.
Er ist durch einen „dummen Unfall" nicht nur seinen Job als Trinkwasser-Ausfahrer losgeworden, sondern es ist ihm auch eine Menge Entschlossenheit flöten gegangen. Und Mut. All die Dinge, die wichtig sind, um hier zu überleben.
„Das Leben ist für mich wie ein Tief, aus dem ich einfach nicht herauskomme", sagt Mario. Sein Radioprojekt ist schon lange ins Stocken geraten. Es fehlt an Geld, an Technik, an engagierten Mitstreitern, an Unterstützung vom Stamm. Irgendwie fühlt er sich bei den Cree an die Zeiten in der DDR erinnert: „Auch hier gibt es keinen Privatbesitz. Alles gehört dem Volk. Jedes Stück Land. Jedes Haus. Eigeninitiative und Ärmel hochkrempeln sind den meisten völlig fremd. Stillstand, wohin du blickst."
So verbringt Mario die meisten Tage damit, seine Frau zur Schule zu fahren, wo sie einen Abschluss nachholen will, und sie wieder abzuholen, an Autos herumzubasteln, die Knarren zu putzen oder an seinem autobiografischen Roman weiterzuschreiben. Er hofft, dafür in Deutschland einen Verlag zu finden.
„Die Winter sind so verdammt lang hier. Wenn der Schnee im Mai |
verschwindet, kommen gleich die Zecken und als nächstes die Mücken. Gegen die hilft kein Spray. Eigentlich ist es nur im September richtig schön", sagt der Enddreißiger und lüftet seine Baseballkappe, unter der sich dünnes Haar verbirgt.
Manche Cree nennen ihn „Deutscher”: Sie glauben, dass Deutschland irgendein anderer Stamm ist. Irgendwo im Osten, in den Wäldern. Bald wird es Mario wohl tatsächlich wieder ostwärts ziehen. Zurück nach Berlin. Und trotzdem wird er nie wieder ein normaler Deutscher werden, sondern irgendwie bleiben, was er immer sein wollte: ein Indianer. |
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Volles Rohr / Playboy (8 Seiten) / 1998
Volles Rohr
Mit 28 Männern 40 Meter unter Wasser über 1000 Seemeilen unterwegs. Eine Reise mit dem U-Boot ist ein Trip mit Tiefgang.
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Foto: Knut Gielen |
Rainer Schlempke steht auf der Pier und guckt auf seinen Arbeitsplatz runter. Auf U 18. Das kleinste Kampf-U-Boot der Welt. 49 Meter lang, 4,90 breit. Innen 33 Meter in der Länge begehbare Fläche, in der Breite nur einen Schritt. 500 Tonnen schwer, 300 Millionen Mark teuer. Die brennende Zigarette klemmt schief in seinem Mundwinkel, die Hände stecken tief in den Taschen. Der Kragen der Wattejacke ist hochgeschlagen. Das Handy hängt am Gürtel.
Der 32jährige Bootsmann ist mit einsneunzig einen Kopf größer und mit gut zwei Zentnern viel klobiger, als ich mir einen U-Boot-Fahrer vorgestellt habe. Mir ist ein bißchen mulmig, weil die Meteorologen Sturm vorausgesagt haben. Hab keine Ahnung, ob ich seefest bin. Bin das letztemal als kleiner Junge auf dem Wasser geschippert. Nichts Aufregendes. Nur eine kurze Fahrt mit der Fähre. Hab im Café gesessen und aus dem Fenster geguckt.
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Im U-Boot gibt es kein Fenster und auch kein Café. Acht Tage werde ich mitfahren. Knapp 1000 Seemeilen. Von Eckernförde nach Helsingborg in Schweden. Ich bin gut vorbereitet. Habe den Gesundheitscheck im Marinekrankenhaus Kiel absolviert und auch die dreiwöchige U-Boot-Rettungsausbildung im holsteinischen Neustadt. Da bin ich durch die Druckkammertests gegangen und habe im 30 Meter tiefen Tauchtopf den Ausstieg aus dem abgesoffenen U-Boot trainiert.
An die Sauerstoffversorgung anstöpseln, rausklettern und beim Auftauchen richtig ausblasen. Ruhig und gleichmäßig. Darauf kommt es an. Oben muß die Luft vollständig raus sein aus der Lunge. Sonst kann sie unterwegs platzen. Und wenn ich hektisch ausblase, komme ich ohnmächtig an der Oberfläche an. Weil mir die Luft ausgeht.
Cool bleiben beim Ausstieg, haben mir die Ausbilder im 32 Grad warmen Wasser des Neustädter Tauchtopfs, dem weltgrößten seiner Art, eingetrichtert. Stundenlang. Denn wenn im Ernstfall nur einer Panik kriegt, kann das den Tod der ganzen Mannschaft bedeuten.
U 18 liegt bewegungslos, wie ein von Wasser umspülter Fels, im Marinehafen von Eckernförde. Der braune Druckkörper ragt gerade mal zwei Meter aus dem Wasser. Kann mir überhaupt nicht vorstellen, daß in dem Metallrohr 28 Mann leben, arbeiten und miteinander auskommen können.
Unteroffiziere, die niedrigsten Dienstgrade, schleppen die letzten Seesäcke, Tortenböden, Zwiebelkisten, Fleischbeutel, Weinkartons
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und Bierkästen an Bord. Oberbootsmann Schlempke kontrolliert, ob alles seinen richtigen Gang geht. "Mann, ist das bitter. Schon wieder Jever", schimpft Schlempke, als er sieht, welches Bier er während der Fahrt trinken muß, und schmeißt die runtergebrannte Kippe angewidert ins Wasser. "Könnt ihr nicht mal das einzig Wahre oder das König der Biere besorgen?"
Niemand zwingt ihn mitzufahren. Denn es gibt nur freiwillige U-Boot-Fahrer in Deutschland. Insgesamt sind es 450, die auf 18 Booten fahren. Entweder als Zeit- oder als angehende Berufssoldaten. Sie verdienen bis zu 1500 Mark netto mehr im Monat als ihre Kollegen auf den Dickschiffen oder an Land.
Und sie gelten als Elitetruppe, als verschworene Gemeinschaft mit großem Zusammenhalt, verwegene Burschen mit Nerven wie Drahtseile. Als Abenteuerer. Die Gesichter der meisten Submarines, die auf der Pier und im Boot herumwuseln, sind frisch rasiert. Sie sind Anfang 20, wenige über 30.
"Das mit der Enge werden wir schon deichseln", sagt der Alte, Kapitänleutnant Kaufmann, und schüttelt mir kräftig die Hand. "Wir sind schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden. Na, Sie sicher auch."
Ich grinse steif und sage: "Ja ja, klar." Und denke, daß zwei, drei Tage auf dem Eisengleiter für die Geschichte vielleicht auch gereicht hätten. Kurz vor dem Auslaufen wird locker angetreten und genau durchgezählt. Daß Playboy mitfährt, wissen natürlich alle. Die meisten haben schon gefragt, ob ich ein paar Exemplare mitgebracht
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habe. Klar, habe ich. Die zehn Hefte sind ganz schnell vergriffen.
Dann gibt der Alte, auch gerade erst 30 geworden, das Startzeichen: "Ab geht die Marie – alle Mann an Deck." Vor- und Achterleine werden von den Männern auf dem Oberdeck eingeholt, die anderen klettern in Reihe und Ruhe durchs Turmluk runter.
Drinnen herrscht Chaos. Jeder Winkel ist vollgestopft. Ein Sammelsurium aus Lebensmitteln, Handrädern, Leitungen, Aggregaten, Ventilen, Manometern, Computern und Körpern.
Eingeklemmt von dem Ganzen, stehe ich kerzengerade da und gucke zu, wie sich die Wache fertig macht – und wie die Freiwache sich dünnmacht. Hans Albers rauscht aus den defekten Boxen der Bordanlage.
Der 1 Wachoffizier Hansen (1 WO), ein agiler 29jähriger Schlaks mit krausem Haar und rötlichem Vollbart, sowie WO-Schüler Grimm, ein ebenso drahtiger wie hochgewachsener 27jähriger, machen sich unter dem Turmluk für die Brückenwache klar.
Sie ziehen drei Paar Socken übereinander, wickeln sich Frotteehandtücher um den Hals, steigen in von Kopf bis Fuß durchgehende orangefarbene Gummianzüge und ziehen noch Parkas drüber. Zum Schluß können sie sich kaum noch bewegen. "Wir werden uns da oben ganz schön einen abzittern", befürchtet der 1 WO, bevor er schwerfällig hochklettert.
"Zwei Mann auf Brücke", brummt er auf halbem Weg. Damit der Alte oben vorsichtig mit seinen Füßen ist.
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Unten im Druckkörper sind die ersten Schritte möglich. Ich gehe zwei, drei Meter durch die Zentrale und lehne mich unter der Brücke an die Wand. Da störe ich am wenigsten und habe einen guten Überblick. Komm' mir ziemlich blöd vor mit meinem Kugelschreiber, Notizheft, hochhackigen Schnallenschuhen und den anderen zivilen Klamotten.
"Leinen los. Klarmachen zum Ablegen", befiehlt der Alte übers Bordmikrofon. Die ganze Mannschaft wiederholt das Kommando. "Jetzt geht's lo-os", ruft einer wie in einer Fankurve.
Die Motoren- und Schiffstechniker, Rudergänger und Heizer beziehen ihre Wachposition an der Machine, an Seiten- und Tiefenruder im Hinterschiff, der 2 WO am Seerohr, die Sonar- und Radarmeister sowie der Steuermann und die Elektroniker in der mit technischem und elektronischem Gerät vollgestopften Zentrale im Mittelschiff, der Funker in seinem winzigen Schapp.
Die Sicht von der Brücke, auf der höchstens vier Mann Platz haben, beträgt nur etwa 100 Meter. Gischt umspült das Vorderschiff. Ohne Trennungslinie geht das Grau des Himmels in das Grau des Meeres über.
Wir fahren mit knapp acht Knoten (ein Knoten entspricht 1852 Meter) in der dritten Fahrstufe abwechselnd über Wasser und auf Seerohrtiefe (zehn Meter). Die Meldungen der Wache über Bewegungen auf den Radar- und Sonargeräten quittiert der Alte mit
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einem lässigen "Jau", das wie gerülpst klingt.
Das Boot besitzt fünf Fahrstufen. Bei Marschfahrt, zwischen acht und zwölf Knoten im dritten oder vierten Gang, verbraucht es pro Tag 1000 Liter Diesel aus dem 30 Tonnen fassenden Tank sowie 60 Liter Öl.
Die Höchstgeschwindigkeit bei Überwasserfahrt beträgt zwölf Knoten, unter Wasser schafft das Unterseeboot immerhin 18 Knoten. Nach 24 Stunden Tauchfahrt muß es an die Oberfläche, um Sauerstoff zu schnorcheln.
Ich liege, schlafe, gucke, sitze, stehe. Und warte. Darauf, daß ich mich an die vielen Arme, Beine, Bäuche, Hände und Füße um mich herum gewöhne, daß ich reinkomme in den Rhythmus an Bord. Aber vor allem warte ich darauf, daß ich auf die Brücke klettern, eine Nase Seeluft und einen Blick in die Weite nehmen kann. Über Jeans und Pullover habe ich das grüne Innenfutter der Panzerkombi, das ich vorm Auslaufen in der Kleiderkammer bekommen habe, angezogen.
"Am besten, du behältst das Teil einfach den ganzen Tag an. Und nachts auch", rät mir der 23-jährige Obermaat Knackstedt. "Es kann nämlich arschkalt hier unten werden, wie in 'ne Tropfsteinhöhle. Und wenn es Zeckenpisse regnet, mußt du die Decke mit Klebeband und Lappen verhängen. Sonst wachst Du klatschnaß auf." Zeckenpisse ist Kondenswasser, das sich an den Rohren und der Außenhaut des U-Bootes bildet. Besonders bei Tauchfahrten, wenn es im Boot wärmer wird.
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Endlich ist die Brücke frei. Ich rufe "Aufwärts" und entere hoch. Wir befahren schon den kleinen Belt, die schmale Wasserstraße zwischen dänischem Festland links und der Insel Fyn rechts.
Die Wellen plätschern seicht. Am Himmel funkeln Sterne. Steuerbord kann ich die Lichter der dänischen Stadt Frederica, backbord einen Leuchtturm auf Fyn erkennen.
Ich sauge die frische, kostbare Luft tief und gierig ein. Neben mir telefoniert Steuermann Hörmann, 26, übers Handy mit seiner Frau. Sie erwartet in den nächsten Tagen ein Kind. Wenn es soweit ist, will sie versuchen, ihn zu erreichen. Wird nicht einfach sein. Unten ist kein Empfang.
Vier Stunden Wache, essen, vier Stunden schlafen. Das ist der Rhythmus an Bord. Nach dem Prinzip des warmen Bettes teilen sich immer zwei Mann eine Koje. Nur der Alte und der Smut haben eine eigene. Der Alte hat sogar einen Raum für sich alleine.
Karge zwei Quadratmeter am Rand der Zentrale im Mittelschiff, gleich unter der Brücke. Koje, Hokker, Tisch, Leselampe, Spind. Und Filzvorhang statt einer Tür. Das Pissoir direkt daneben besitzt nicht mal einen Vorhang. Man pinkelt unter Augen aller in die ovale Blechschüssel an der Wand.
Drei Schritte schräg gegenüber befindet sich das große WC. Es ist verdammt eng da drin. Und es tropft aus dem Gewirr von Leitungen an der Decke. Aber wenigstens gibt es hier eine verschließbare Tür. Die einzige auf dem ganzen Boot.
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Meine Hängematte beginnt zu schaukeln, als wir in den großen Belt fahren. Im Garten unter dem Kirschbaum wäre das ja okay. Aber hier unten im U-Boot macht sich gleich ein flaues Gefühl in meinem Magen breit und steigt zum Kopf hoch. Als beunruhigende Mischung aus Panik und Unsicherheit, die leichten Kopfschmerz und tumbe Wut verursacht. Wut auf alles um mich herum hier unter Wasser.
Aber ich lasse mir nichts anmerken. Wälze mich ächzend in der Matte und gehe den Gang zur Kombüse ein paarmal hin und her. Nervös, wie ein Tiger im Käfig. Schon jetzt beginne ich, den Himmel über mir zu vermissen und den Blick, der weiter als drei Meter geht und nicht auf einem blassen Schwabbelbauch kleben bleibt.
"Wenn es richtig hakt, beginnt in dem Eisengleiter der ultimative Seetauglichkeitstest", sagt Oberleutnant Krauss, als könne er meine Gedanken lesen und als wollte er mir noch mehr die Stimmung vermasseln. Die Elektronikoffizier (EloO) ist mit 34 das zweitälteste Besatzungsmitglied und fährt seit über einem Jahrzehnt U-Boot.
"Draußen braut sich ganz schön was zusammen. Komm lieber noch mal mit auf die Brücke", sagt der Brillenträger, und ich hab das Gefühl, daß er mich verarschen will. "Noch ein bißchen Luft schnappen. Wird nämlich nicht mehr lange möglich sein." Zischende Brecher schlagen jetzt über unseren Bug. Ein paar Fontänen peitschen mir dort oben, fast sechs Meter über dem Meeresspiegel, eiskalt ins Gesicht. Das tut gut. Blut jagt durch meine Adern. Ich schöpfe wieder Mut.
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Um mich herum ist jetzt nichts als tosendes Wasser und Finsternis. 82 Meter unter mir der Meeresgrund. Und irgendwo geradeaus, am Ausgang des großen Belt, liegt die Insel Lolland. Da ist U 11 Anfang Februar mit einem finnischen Tanker kollidiert. Die Besatzung kam mit dem Schrecken davon.
Krauss bückt sich hinter das schützende Geländer und zündet sich eine Zigarette an. Eine Reval. "Weißt Du, was Reval heißt", fragt er breit grinsend. "Richtige Ehemänner vögeln außer Landes."
Ich bin kein richtiger Ehemann – und wohl auch kein richtiger Seemann. Mit triefendem Parka und steifen Gliedern klettere ich die Treppe runter. Ich würge auf dem Klo, doch es kommt nichts raus. Kann nicht sagen, daß ich seekrank bin. Kann aber auch nicht sagen, daß ich nicht seekrank bin. Kann aber sagen, daß ich anfange, die Stunden zu zählen, die ich noch mitfahren muß.
"Klarmachen zum Tauchen", befiehlt der Kommandant, nachdem er das Luk geschlossen hat und alle Schotten dicht sind. Wir haben Fehmarn, Warnemünde und Rügen ziemlich schnell, mächtig schaukelnd und meist über Wasser fahrend, passiert, befinden uns jetzt 100 Seemeilen südwestlich vor Bornholm.
Nach einer Minute meldet der Schiffstechnische Offizier: "Boot klar zum Tauchen." Zischend entweicht die Druckluft aus den Tauchzellen, die jetzt geflutet werden. Acht Tonnen Wasser strömen ein. Erst schneidet der Bug unter, bei elf Metern verschwindet die Seerohrspitze. Das Meer hat U 18 verschluckt.
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Jetzt sind fast keine Geräusche mehr zu hören. Kein Tosen der See. Kein Fluchen der Submarines. Nur noch dezente Ventilationsgeräusche, das Summen des Elektromotors, der uns mit sechs Knoten durchs Wasser gleiten läßt. Ich fühle mich wie auf einem Nachtflug mit Lufthansa. Das entspannt mich irgendwie. Weil ich gerne nachts fliege. Nur das Lächeln der aufmerksamen Stewardeß vermisse ich hier. Deshalb krame ich das Foto meiner Freundin raus, gucke es mir ausgiebig an und schlafe dann ziemlich relaxt ein.
"Die Gegend hier rund um Bornholm ist das Trainingszentrum der deutschen U-Boot-Flotte", sagt der zweite Steuermann Kraut, tief über seinen Kartentisch in der Zentrale gebeugt. "Das Problem hier sind eigentlich nur die Fischkutter. Die haben verdammt tiefe und reißfeste Netze. Kann man sich übel drin verfangen. Muß man höllisch aufpassen. Auch, daß man sie beim Auftauchen nicht rammt."
Für den 24jährigen Obermatrosen, der aus Freiburg in Sachsen stammt, ist es die dritte Fahrt im U-Boot. "Ist schon ein ziemlich cooles Gefühl, mit dem Ding rumzuschippern", sagt er.
Im Torpedoraum sticht Schlempke schon wieder eines seiner vielen Fünfliter-Pappweinfässer von Aldi an und schenkt die weißen Keramiktassen mit süßem Rosé voll. "Na denn mal Prost, Männer."
Der Elektrobootsmann (EloB) fährt seit neun Jahren U-Boot. Das Boot, der Roman von Lothar-Günther Buchheim, und die Verfilmung mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Martin Semmelrogge und Ralf
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Richter, hat ihn wie die meisten anderen hier auf die Idee gebracht, U-Boot-Fahrer zu werden. Buch und Film sind Kult unter allen Submarines.
"Ich bin nicht braun angehaucht oder so, aber die deutsche U-Boot-Flotte hat Tradition. Das waren noch richtige Kämpfer damals. Mußten viel einstecken und haben trotzdem noch ordentlich ausgeteilt. Ist schon ein gutes Gefühl, wenn man jetzt irgendwie dazugehört und die Tradition weiterführt", sagt Schlempke, der aus Düsseldorf stammt.
Er ist weit rumgekommen, war schon in allen Staaten Skandinaviens und in Großbritannien, Frankreich, Holland, Island, auf den Färöer-Inseln, auch schon in Rußland und Polen. "Jede Fahrt ist ein neues Abenteuer. Und wenn wir irgendwo einlaufen und an Land gehen, gucken die Leute. U-Boot-Fahrer sind überall was Besonderes. Und gerade deutsche. Auch für die Weiber in den Häfen."
"EloB spricht weise", stichelt Motorenmeister Isbrecht schräg grinsend. Ist Schlempke die Quasselstrippe an Bord, so ist der kleine 28jährige Isbrecht der Mann mit dem schwarzen Humor. "Guck ihn dir nur an. Ist faul wie die Pest. Frißt viel. Furzt, als ob er innerlich verfault. Was Besonderes? Was Fettes!"
"Ach, lutsch mir doch an der Leitung", erwidert EloB schmunzelnd auf die nicht böse gemeinten Beleidigungen. Isbrecht selbst ist auch ziemlich fett. Hat im letzten Jahr während einer dreimonatigen Fahrt im Mittelmehr 17 Kilo zugenommen und hält damit den Zuspeckrekord an Bord.
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"Meine Frau hätte mich fast nicht rangelassen, als ich durch die Tür gerollt kam. Und als sie mich dann doch gelassen hat, hat sie danach fürchterlich gemeckert. Noch heute klingen mir die Ohren", sagt er, nimmt das Besteck zur Hand, summt laut die Melodie von Das Boot.
Noch vier Tage. 96 Stunden. 20mal Essen. Mindestens ebensooft einschlafen und aufwachen. Ich gebe mitten am Tag Bier für die Freiwache aus. Und trinke selber ein paar Flaschen mehr als erlaubt sind. Mit Alkohol im Blut vergeht die Zeit schneller. Und die Phantasie kommt auf Touren. Hoffe ich wenigstens. Wär' ja nicht schlecht im ziemlich tristen Einerlei unter Wasser, wo ich nicht so recht was anzufangen weiß mit mir und der Zeit, nirgendwo hingehen kann und alles schon gesehen hab.
Auf die Brücke klettern ist nur selten möglich hier in den Tauchquadraten rund um Bornholm, weil wir höchstens zum Schnorcheln an die Oberfläche fahren. Die Raucher werden deswegen immer nervöser. Und die anderen auch. Wenigstens für eine Stunde raus hier, irgendwo alleine spazierengehen und abschalten. Das würd's jetzt bringen. Statt dessen gehe ich die acht Schritte von meiner Koje in die Zentrale und linse durchs Seerohr.
Die Sonne steht am Himmel. Ich kann ein paar Schiffe am Horizont sehen, bevor der 2 WO mir den begehrten Platz am Rohr streitig macht. Er müsse navigieren, sagt er. Wahrscheinlich giert er auch nur nach ein paar Strahlen Sonne.
Ich setze mich wieder an den gedeckten Tisch. Es gibt |
Lauchcremesuppe, Rinderfilet mit Kräuterbutter, Gratinkartoffeln und gemischtes Gemüse, danach Schokopudding mit Sahne und Mandelsplittern.
Smut Müller, ein 21jähriger Junge vom Dorf, der erst seit sechs Monaten in der zwei Quadratmeter winzigen und etwa 100 000 Mark teuren U-Boot-Kombüse kocht, rüttelt mich später zum Kaffee wach.
"Eh, Spritzkuchen mit Himbeerfüllung", sagt er. Ich stehe auf. Obwohl ich mich satt und fett und faul fühle und seit Beginn der Fahrt nicht scheißen kann.
Zum Abendessen (kalte Platte mit Hähnchen- und Krabbensalat, Senf- und Gewürzgurken, Wurst, Käse, Brot) öffnet täglich kurz nach 20 Uhr die "Torpedobar". Das Sixpack Jever kostet 4,30, die Flasche Rum 22, spanischer Rotwein 5,20 Mark, Schokolade 80 Pfennige. Zigaretten 22 bis 28 Mark die Stange. Auf längeren Fahrten macht die Bar locker 5000 Mark Umsatz.
Nach ein paar Flaschen sowie neuerlicher Nahrungsaufnahme zum Mittelwächter um kurz vor Mitternacht, bei dem es Spaghetti mit Knoblauchsoße gibt, frage ich den Smut, wie ich in Helsingborg noch durchs Turmluk passen soll. Bei dem, was er mir da täglich vorsetzt.
"Essen ist wichtig hier unten. Das Highlight. Da freut sich die Meute drauf. Es macht zufrieden und beruhigt die Nerven", erklärt mir der Smut, dessen Spitzname 20-Pfund-Müller ist, weil man unweigerlich zunimmt, wenn er kocht.
U-Boot-Fahrern steht gegenüber anderen Marinesoldaten beinahe |
die doppelte Verpflegungsmenge zu: 4000 Kalorien am Tag, verteilt auf fünf Mahlzeiten. Und das bei einem Bewegungspensum von maximal 100 Metern am Tag.
Sonarmeister Merkler, Don Merkleone genannt, weil er aus dem Süden kommt, gibt mir einen Tip, wie ich der U-Boot-typischen Verstopfung begegnen soll: "Drei- bis viermal am Tag aufs Klo hocken. Nicht pressen. Gar nichts machen. Einfach nur dasitzen. Irgendwann fällt der Korken dann ganz von alleine."
Einfach auf dem Klo hocken und warten ist nicht so einfach. Denn nach ein paar Tagen See wird das Klo mehr und mehr zur Selbstbefriedigungszelle. Da ist Andrang groß. Ist ja klar. Und auch männlich.
Die Submarines geilen sich an Hydraulikheften auf. So nennen sie harte Pornomagazine wie Maximum Perversum, Sex oder Happy Weekend. Das Problem ist, daß manch einer das Waschbecken, nachdem er es mit "Frau Faust" getrieben hat, nicht ausspült. Das ist ziemlich schweinisch.
Ich schlafe immer in voller Montur und benutze dreimal am Tag den Deostift. Genauso wie alle anderen an Bord. Wer sich mit Wasser und Seife duscht, gilt als Badenutte; wer sich gar rasiert als schwul.
Der Sturm kommt verspätet. Gerade, als wir endlich aufgetaucht fahren und mit Kurs auf Själland von Bornholm wegschippern. Ein paar Uffze sitzen mit bleichen Gesichtern und hängenden Köpfen am Tisch, |
mampfen wortlos Zwieback und schlürfen Tee.
Funker Hendriks, 23, schrubbt den Gang. Das Klo war gerade besetzt, als er sich übergeben mußte.
Wir fahren mit geschlossenem Turmluk, weil die Wellen über die Brücke schlagen. Der Blick aus dem Seerohr offenbahrt nur nächtliche Dunkelheit. Auch dafür gibt es einen markigen Spezialausdruck unter See: Bärenarsch. Bei Bärenarsch und unbesetzter Brücke wird blind gefahren. Nur mit Horch- und Radargeräten. Wenn in der Zentrale absolute Stille herrscht, hört man die Schiffsschrauben über Lautsprecher auch noch aus 30 Kilometer Entfernung.
Der Sonarmeister kann an den Schraubengeräuschen, dem Blattflattern, Dieselbrummen und Getriebesingen erkennen, ob es sich um eine Fähre, einen Kutter, Trawler oder Tanker handelt, wie schnell er ist und welchen Kurs er fährt. Mit einer Genauigkeit von bis zu 95 Prozent. Vorausgesetzt, er pennt nicht.
Denn im ganzen Boot hat sich eine große Müdigkeit breitgemacht. Auch ich liege fast nur noch im Schlafsack und döse vor mich hin. Das Hirn läuft nur noch auf Sparflamme. Durch den anhaltenden Wellengang sinkt die Stimmung an Bord stündlich. Fragen werden kürzer, Antworten gereizter, Blicke trüber.
Die Würste und Schinken an der Decke schwingen wie Pendel. Der Smut hat Mühe, die Nudelsuppe im Topf zu zähmen. Und alles wird noch erschwert durch ständig neue Fahrmanöver.
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"Schnell abtauchen auf 40 Meter": Dabei wird das Boot mit bis zu 14 Tonnen Meerwasser geflutet, es sinkt ab und wird ausgependelt.
"Schnell auftauchen auf Seerohrtiefe": Das Boot wird gelenzt. Die Mannschaft rennt nach achtern, damit der Bug schneller hochkommt.
Und dann kommt bei 40 Meter Tiefe das Kommando, das im Ernstfall den sicheren Tod bedeutet hätte: "Schwerer Wassereinbruch im Motorenraum. Alle Mann aus dem Boot." Jeder schnappt sich eine dicke Jacke, die Tauchbrille, schlüpft in die Rettungsweste und stöpselt sich an die Sauerstoffleitung an.
Obwohl ich bei den Übungen nicht mitmache, bin ich total erledigt. Ausgelaugt vom Nichtstun. Das anhaltend schummrige Licht macht meine Augenlider schwer. Ich mach' nicht mal mehr Notizen. Mein Pensum besteht nur noch aus Liegen, Fressen und in Sexheften rumblättern. Bis der Alte endlich den Befehl gibt: "Auftauchen, Luke öffnen, Frischluft tanken."
Es ist jetzt fast windstill oben. Obwohl der Himmel bewölkt ist, brauche ich eine ganze Weile, bis sich meine Augen wieder an das Tageslicht gewöhnen. Die Gesichter der Submarines haben sich nach fast einer Woche auf dem Boot verändert. Sie sehen abgekämpft aus. Die Haut ist bleich und pickelig geworden. Unter den Augen zeichnen sich dunkle Schatten ab. Bärte sprießen, die Haare sind fettig.
"Ab in den Keller. Klarmachen zum Tauchen", befiehlt der Alte nach der zweistündigen "Rauch- und Telefonierpause" viel zu schnell. Doch dann fügt er noch hinzu: "Wir wollen doch, daß der eine oder andere noch zu seinem ersten Grundbier kommt." |
In Friedenszeiten kann U 18 mit seiner nur eineinhalb Zentimeter dünnen Stahlhaut bis in Tiefen von 100 Metern runter, habe ich gelesen. Bis dahin und keinen Meter weiter gibt der Hersteller Garantie. Theoretisch ist es auch möglich, auf ein paar hundert Meter runterzugehen. Auf wieviel genau, das ist Militärgeheimnis. Muß der Feind nicht wissen.
In unserem jetzigen Tauchquadrat, unweit von der schwedischen Küste, liegt der Meeresboden bei 70 Metern. Das Bier schmeckt hier nicht wie überall. Wer kann schon von sich behaupten, daß er auf dem Meeresgrund "Prost" gesagt und die Pulle angesetzt hat.
Entspannung und Vorfreude aufs Einlaufen in den nahen Hafen von Helsingborg machen sich breit.
Irgendwie ist mir der Geruchssinn über die Tage abhanden gekommen. Selbst als der Smut frische Brötchen backt, nehme ich den Duft nicht wahr. Ich rieche auch nicht mehr den schweren, sauren Dunst. Eine Mischung aus Fuß, Furz, Schweiß, Öl und Diesel.
"Das mit der Nase ist normal", sagt Schlempke. "Die funktioniert erst wieder, wenn du geduscht hast. Dann mußt du mal an deinen Klamotten schnuppern. Dagegen ist Tigerpisse das reinste Lavendelwasser."
Auf der Fähre von Helsingborg nach Helsingör habe ich meine stinkenden Klamotten noch an. Sie stören niemanden. Weil das riesige Bordrestaurant völlig menschenleer ist. Ich gucke aus dem Fenster runter auf U 18 und atme auf. |
Blinde Passagiere / Playboy (6 Seiten) / 1996
Blinde Passagiere
Abenteuerlicher kann man kaum reisen: Auf Güterzügen trampte Jörg Heuer mit Fotografin Tina Hager von Kalifornien nach Texas.
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Foto: Tina Hager |
Der Rothaarige ist der erste Tramp, dem ich auf dem Güterbahnhof von Roseville, Kalifornien, begegne. Einen Steinwurf von mir entfernt zieht er das Butterflymesser aus dem Lederhalfter. Während er es grinsend um das Gelenk rasseln läßt, wirft er das Kinn herausfordernd in die Höhe.
Nach der Vorführung seiner Messerkünste beginnt er, sich mit der Klinge die Fingernägel zu säubern und die Hornhaut von seinen mächtigen Pranken abzuschälen. Während er also scheinbar mit seinen Händen beschäftigt ist, belauert er mich aus den Augenwinkeln. Der Typ gefällt mir nicht...
So um Mitte Zwanzig muß er sein und ist wie ein Söldner gekleidet: schwarze Schnürstiefel, Tarnuniform, fingerlose Lederhandschuhe, Patronengurt, kurzgeschorenes Haar. In dem Gurt steckt auch ein Messer, dessen Klinge so lang wie ein Unterarm ist. Was der Tätowierte in seinem Sturmgepäck hat, will ich nicht wissen. Eigentlich will ich gar nichts von
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ihm wissen und denke, es wäre nicht schlecht, wenn er schnell auf einen Zug springt und abdampft.
Ich bin gerade mit dem Bus aus San Francisco angekommen. Will eine Geschichte über Hobos und train tramps machen, über Menschen, die mit Güterterzügen unterwegs sind. Und ich will selber mit Güterzügen durch ein paar Staaten fahren. Roseville liegt 110 Meilen nordöstlich von San Francisco und besitzt einen der größten Güterzug-Umschlagbahnhöfe Kaliforniens. Von hier aus gehen Züge in alle Himmelsrichtungen ab.
Ich wende mich von dem Rothaarigen ab, schlurfe an den Gleisen entlang. Ein paarmal linse ich über die Schulter zurück und bin erleichtert. Er folgt mir nicht. Die Sonne brennt heiß herunter. Jeder Schritt hinterläßt eine kleine Staubwolke. Ich trage schwer an meinem überquellenden Rucksack, der neben Schlafsack, Matte und Klamotten sechs Liter Wasser, Putenfleisch, Tortillas und Bohnen beherbergt — Proviant für drei Tage. Für den Fall, daß ich einen durchfahrenden Fernzug erwische oder irgendwo auf einem Abstellgleis lande.
Alle Signale stehen auf Rot. Auf den Gleisen warten acht Waggonketten ohne Loks — wie riesige Schlangen. Beim 50. Wagen ist noch immer kein Ende abzusehen, beim 80. höre ich auf zu zählen. Weil da ein Mann im Schatten döst und auf die Abfahrt der Züge wartet. Und ich jemanden suche, den ich ein Stück begleiten kann. Sparks ist braungebrannt, trägt Bluejeans und ein dunkelgrünes T-Shirt mit aufgedrucktem Adlerkopf. Er dreht sich eine Zigarette. Dabei fallen |
mir seine gepflegten Hände auf. Wie frisch manikürt. Ungewöhnlich für jemanden, der mit Güterzügen fährt. Und interessant.
Ich will nach Dallas", sagt der 44jährige und lüftet seine Baseballkappe. "Erst runter nach Bakersfield und dann über Phoenix an der mexikanischen Grenze lang oder mitten durchs Land. Hängt davon ab, wo der nächste Zug hingeht. Wird Zeit, daß sich endlich was bewegt. Ich warte hier schon fast acht Stunden lang."
Ob ich ihn ein Stück begleiten könne, frage ich. "Okay", sagt er. "Siehst mir nicht nach einem gefährlichen Psychopathen aus, der es auf mein bescheidenes Leben und ein paar Dollars abgesehen hat. Schätze, ich kann ein wenig Gesellschaft vertragen."
Ein paar Stunden sitzen wir herum und warten. Schwitzen. Spülen den Staub mit Cola runter. Plötzlich, am späten Nachmittag, kommt Bewegung auf die Gleise. Lokcrews werden mit Jeeps zu den Zügen gebracht. Die schwarzen Loks des Eisenbahnunternehmens Southern Pacific rangieren. Und koppeln wenig später an die Waggons an. Es riecht nach Diesel und Öl, Rußpartikel fliegen durch die Luft. Hupen ertönen. "Okay", sagt Sparks. "Dann mal los." Er schultert seinen Rucksack und geht mit zügigen, festen Schritten über die faustgroßen Schottersteine dicht an einer Mauer entlang. So dicht, daß der Bahnhofscop, der oben im Tower sitzt, ihn nicht sehen kann. Ich folge ihm.
Zielstrebig steuert Sparks einen silbergrauen Zug an, der sich langsam in Bewegung setzt. "Das sind fabrikneue Waggons. Auf die
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muß man einfach aufspringen. Egal, wo der Zug hinfährt", ruft er. Unser Silberpfeil hat Getreide geladen. Er ruckelt vor und zurück. Die Ampel steht noch auf Rot. Sparks sucht einen Waggon, auf dem wir Platz haben. Als er ihn gefunden hat (überdacht, fahrtwindgeschützt), gibt er mir ein Zeichen.
Kurz nachdem ich aufgesprungen bin, setzt sich der Zug in Bewegung. Wir hocken auf einer etwa drei Meter breiten und ein Meter tiefen, balkonähnlichen Plattform unterhalb des geschlossenen Getreidecontainers. Ich klammere mich am Geländer fest. Der Zug fährt Richtung Osten. Sparks glaubt, daß er das Getreide nach Salt Lake City bringt. Und uns auch.
Langsam tuckern wir durch Roseville. Die Passanten auf den Straßen winken, wir winken zurück. Die Loks geben vor jedem Bahnübergang laut Signal. Zweimal lang, dreimal kurz.
Sparks dreht den Schirm seiner Baseballmütze nach hinten. Er wirkt jetzt munterer, sicherer, glücklicher als vorhin auf dem Bahnhof. "Verdammt noch mal", ruft er gegen den Fahrtwind, "das ist meine Welt." Dann stützt er mit einer Hand das Kinn ab, guckt versonnen in die Ferne und lächelt.
Wir schweigen. Es ist so ein merkwürdiges Schweigen, wie wenn man an einem Lagerfeuer sitzt und gebannt hineinstarrt. Die glutrote Sonne hüllt die üppige kalifornische Landschaft in warme Farben. Wiesen, auf denen Rinder und Schafe grasen, Berge, auf denen Wein angebaut ist, und Flüsse, in denen Forellenfischer mit langen |
Bambusruten knietief im Wasser stehen.
Der etwa eineinhalb Meilen lange Getreidezug wird von vier Loks gezogen. Durch die Reibung zwischen Rad und Schiene kreischen die mächtigen Räder in den Kurven so laut, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Das gehört dazu, genau wie das Kratzen im Hals und der Ruß in den Augen.
Kurz hinter Auburn versinkt die Sonne hinter den Bergen. Wir ziehen uns Pullover und Jacken an und rollen unsere Schlafsäcke und Matten aus. Es wird kalt werden in der Sierra Nevada.
Sparks erzählt, daß FBI-Agenten vor 14 Tagen in Roseville einen Serienkiller festgenommen haben. Einen27 jährigen, der innerhalb von zwei Jahren 23 Männer auf Güterzügen ermordet haben soll. Die meisten seiner Opfer hat er mit dem Messer erstochen, beraubt, zerstückelt und dann aus dem fahrenden Zug geworfen. Immer Männer, die alleine unterwegs waren.
Der 27jährige ist Mitglied einer vierköpfigen Gang, auf deren Konto in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 44 Güterzugmorde gehen sollen. Die drei anderen werden noch gesucht.
"Kannst aber cool bleiben", sagt Sparks. "Solange du mit mir unterwegs bist, passiert dir nichts." Dann zeigt er mir sein Messer. Ein normales mit geschnitztem Griff und bescheidener Klinge. Das Ding macht mich nervös. Als ich mich hinlege, nehme ich mein Taschenmesser mit in den Schlafsack und achte darauf, daß ich Sparks im Blickfeld habe. Ihn im Auge zu behalten, kann nicht schaden, |
denke ich. Ein paar Tage später gesteht mir Sparks, daß auch er die ersten Nächte mit der Hand am Messer schlief. "Für alle Fälle..."
Kurz vor Squaw Valley nahe des Lake Tahoe stoppt der Zug. Kojotengeheul reißt mich aus dem Schlaf. Der Schnee entlang der Gleise liegt mindestens einen Meter hoch. Die Luft ist klar und kalt. Der Vollmond prangt am Himmer, unzählige Sterne funkeln wie ein riesiges Feuerwerk.
Es ist ein komisches Gefühl, mitten im Schnee fast unter freiem Himmel nur in einem Schlafsack zu liegen. Wo ich doch am Tag noch so geschwitzt habe. Aber es ist auch ein gutes, ein aufregendes Gefühl. Ich atme tief durch und krieche tiefer in den Schlafsack hinein.
Als es hell wird, wache ich fröstelnd auf. Wir fahren durch ein scheinbar endloses Tal. Ein paar Meilen entfernt, links und rechts der Schienen, kahle, an den Spitzen schneebedeckte Berge. Vor und hinter uns nichts als Sand und Sträucher. Wir fahren zwar mit hoher Geschwindigkeit, aber es ist, als ob wir stehen würden und auf ein Standbild gucken. Die Landschaft verändert sich einfach nicht. Über Stunden hinweg immer das gleiche Bild.
Sparks erzählt von seiner Kindheit in Indiana. Seine Mutter war deutscher Abstammung und der Vater Cherokee-Indianer. Nach dem College war Sparks im Vietnamkrieg, selbständiger Bauunternehmer in Texas mit fünf Angestellten, hat es neben der Firma zu einem Haus, vier Pferden, einer Harley und zwei Trucks gebracht.
Noch vor seiner ersten Scheidung wanderte er in den Knast, weil er |
den Geliebten seiner Frau, einen Sheriff, mit dem Baseballschläger lebensgefährlich verletzt hat. "Der hat mich so lange provoziert, bis ich durchgedreht bin", sagt er. Als er nach sechs Jahren aus dem Knast entlassen wurde, hat jemand auf ihn geschossen. Und dabei nur ganz knapp sein Herz verfehlt. Sparks zeigt mir die Narbe in der Brust, die die Kugel hinterlassen hat. Er glaubt, das war ein Racheakt des Sheriffs, der zwischenzeitlich seine Exfrau geheiratet und das Sorgerecht für seine Tochter bekommen hat.
Seit seiner zweiten Scheidung vor einem Jahr — seine zweite Frau hat ihn mit seinem besten Freund betrogen - besitzt er nur noch, was in seinen Rucksack paßt. "Scheiß doch auf das ganze Zeugs. Erst wenn du nichts mehr besitzt, bist du frei. Eigentum fesselt dich manchmal an einen Ort, an dem du gar nicht sein willst. Deshalb habe ich alles dagelassen und bin einfach weg", sagt Sparks. Jetzt ist er seit fast einem Jahr auf den Schienen unterwegs. Eine Karte der United States Railroads braucht er nicht mehr - weil er alle Strecken kennt, überall schon gewesen ist. "Beim Rumsitzen in den Waggons und an den Gleisen habe ich viel Zeit zum Nachdenken", sagt er. "Das tut mir gut."
Wenn ihm das Geld ausgeht, jobbt er als Cowboy oder auf Obstplantagen. Nie länger als zwei Wochen, dann verspürt er das "fieberhafte Verlangen nach Ortsveränderung". Sparks ist sein train name. Eigentlich heißt er Thomas J. Plummer.
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Auf der Strecke zwischen den beiden Nestern Lovelock und Elko stehen mitten im Nichts manchmal ein paar windschiefe Holzhütten, aus deren Schornsteinen dicker, grauer Rauch in den Himmel steigt. Kleine Rinderherden und magere Pferde trotten über den verdorrten Boden und suchen nach Freßbarem. Verbeulte Autos rosten an den Wegen. Das sind Indianerreservate. Früher gehörte das Gebiet hier den Shoshoni.
Nach 18stündiger Fahrt erreichen wir das Great Salt Lake Desert im Bundesstaat Utah. Zwei Stunden später fahren wir auf einem aufgeschütteten Wall über den großen Salzsee. Reiher kreisen am blauen Himmel, am sandigen Ufer nisten Enten. Endlich wird es wieder wärmer. Die Luft hat so hohen Salzgehalt, daß wir richtig trockene Kehlen bekommen. Selbst Wasser aus der Flasche schmeckt jetzt salzig.
In Ogden, 30 Meilen von Salt Lake City entfernt, springen wir vom Zug. Odgen ist ein kleines, gepflegtes Kaff. Auf dem Marktplatz dröhnt klassische Musik aus Lautsprechern, die an den Straßenlaternen angebracht sind. Klassik, hoffen die Stadtoberen, hält die Kids fern und läßt sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, herumzulungern und Wände zu besprühen. Nur ein besoffener Mexikaner, der rauchend aus der Bar stolpert und ein Lied grölt, stört das Bild der Kleinstadtidylle.
Auf dem außerhalb gelegenen Güterbahnhof warten ruppige, unrasierte Kerle, die ihre Nase am Unterarm abputzen und |
kein Deo benutzen. Abenteurer, die sich in Bächen und Flüssen waschen und die Erinnerung daran verloren haben, wie es sich in einem Bett schläft. Überlebenskünstler, die keine Flaschen- und Dosenöffner brauchen - Hobos.
Hobos sind Männer, die keinen festen Wohnsitz haben. Aussteiger wie Sparks, deren gesamtes Hab und Gut in den Rucksack paßt. Deren Zuhause die Schienenstränge sind. Die mit einer Handvoll Dollar im Monat auskommen. Weil sie kein Haus oder Auto abstottern und keine Gas-, Strom, Telefonrechnungen, keine Miete und keine Fahrscheine bezahlen müssen. Keine gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen, Online zu erreichen oder auf dem neuesten Stand der Mode sein müssen. Männer, die in den Tag hinein und dort leben, wo sie leben wollen.
In Amerika gibt es Hobos, solange es Güterzüge gibt. Schon Jack London hat über sie geschrieben. Sie springen auf die Waggons, fahren durchs Land und machen dort halt, wo es ihnen gefällt. Wo es warm ist. Wo sie ein auf paar gute Wochen, ein Dach über dem Kopf und einen Job hoffen. Oder wo sie auf gar nichts hoffen. Wo sie einfach nur sein wollen.
Sie haben ihre eigene, vierteljährig erscheinende Zeitung: The Hobo Times. In Kalifornien und Idaho gibt es Hobo-Museen. Die Mitgliedschaft in der National Hobo Association kostet 15 Dollar im Jahr. Und alljährlich treffen sich Tausende zum Hobo-Festival.
Weil viele Hobos Vietnam-Veteranen sind, die den Dschungelkrieg |
nicht ohne seelische oder körperliche Blessuren überstanden haben, verteilt die Army dort ganze Lkw-Ladungen von Schlafsäcken, Boots, Taschenlampen, Planen, Zelten und Lebensmittelkonserven. Ein Wochenende lang wird auf dem Festival gesoffen, gesungen und getratscht.
Die meisten Hobos haben außer ihrem Geburtsnamen einen train name, den sie sich selbst ausgesucht haben. Viele kennen sich untereinander. Weil sie sich immer wieder treffen.
Offiziell ist Güterzugtrampen in den USA verboten. Doch viele Amerikaner sympatisieren mit den Hobos. Viele sind selbst schon mal aufgesprungen: Rechtsanwälte, Lehrer, Bankangestellte, Computerfachleute, Selbständige, aber auch Studentinnen oder Designerinnen - Leute, die mal aussteigen wollen aus dem zermürbenden Kampf um Karriere und Knete. Die auf ihrem Trip quer durch die Staaten Abenteuer suchen. Den Thrill des Unkalkulierbaren. Die in ihrem Kopf Platz für neue Ideen schaffen wollen.
Sie lassen ihre Kreditkarten, Handys, Terminkalender und elektronischen Adreßbücher zu Hause, um ungestört unterwegs zu sein. Keine Zeitung, kein Radio, keine Hektik, keine Staus, keine Meetings. Dafür Weite, Ruhe, ungetrübte Naturgewalten und Zeit. Sie wollen anders als andere reisen. Auf die letzte wirklich abenteuerliche Weise die Staaten erobern.
Wer von der Bahnpolizei erwischt wird, muß zwischen 50 und 500 Dollar berappen, zumindest jedoch bekommt man einen Strafzettel |
aufgebrummt. So will es das Gesetz. In der Realität aber sind viele Cops milder und sprechen nur Verwarnungen aus. Manchmal nicht mal das. Einzig in Texas reist es sich mit dem Güterzug richtig gefährlich: Dort kommt man pauschal und ohne Verhandlung 90 Tage in den Knast.
Drei Männer, die auf der Brücke des Ogdener Güterbahnhofs warten und nach Wyoming wollen, haben den Schirm ihrer Baseballmützen tief ins Gesicht gezogen, lassen filterlose Zigaretten und die Zweiliterflasche Bud light kreisen. Nachdem die Flasche ausgangs der zweiten Runde bereits den letzten Tropfen Flüssigkeit verloren hat, knacken sie eine weitere, verschränken die Arme hinter dem Kopf, strecken die Beine aus und pusten sich Nikotinringe zu.
"Ich habe den Killer gekannt, den das FBI in Roseville hopsgenommen hat. Hab ein paar hundert Meilen mit ihm zusammen im Waggon abgerissen. War eigentlich ein ganz passabler Kerl, ziemlich locker drauf. Daß der ein irrer Killer ist, hätt' ich nie gedacht. Verdammt noch mal, mir läuft es eiskalt den Rücken runter, wenn ich dran denke, daß er auch mich hätte in Stücke hacken und ich jetzt als Geier- oder Kojotenschiß die Erde düngen könnte", sagt Smocking Joe, der sich neben dem obligaten Messer noch einen Revolver zugelegt hat.
Wir springen auf einen langsam rollenden Zug auf und fahren die 30 Meilen bis nach Salt Lake City auf dem Trittbrett mit. Im dortigen Hobocamp ist nur wenig Betrieb. Vier Männer schlafen am Rande der |
Schienen. Leon krabbelt gerade aus dem Schlafsack und läßt ein Bier zischen. Er hat zwei Uhren am linken Arm. Sie zeigen beide unterschiedlich Zeiten an. Richtig ist keine.
"O Gott, ich muß meine Mutter anrufen. Die hat heute Geburtstag", sagt Leon und kratzt sich im Gesicht, das von einem struppigen Bart umrahmt ist. "Auf dich, Mom." Er leert das Bier, das er in der linken Hand hält, und greift mit der rechten nach der nächsten Büchse. "Reisen, Relaxen und Rülpsen. Das ist mein Leben", sagt er.
"Schon klar, Chef", sagt Sparks.
Drei kalifornische Studenten springen auf den Kohlezug nach Westen. Sie waren in Florida und haben dort das ganze Geld auf den Kopf gehauen. "Ein Flugticket war nicht mehr drin. Was soll's", sagt einer von ihnen. "Die Eisenladys bringen uns auch nach Hause. Da haben wir sogar noch ein bißchen Spaß unterwegs."
Wir warten sechs Stunden, bis ein Zug in die richtige Richtung, nach Südosten, abfährt. Doch das Warten hat sich gelohnt. Es ist ein langer Zug, der von fünf Loks gezogen wird. Langer Zug heißt lange Fahrt. Wir springen auf einen Boxcar. Dem klassischen und beliebtesten Hobocontainer. Dem Mercedes aller Güterzugtramper.
Der Boxcar ist leer und ziemlich sauber. Kein Hobo würde auf die Idee kommen, hier in die Ecke zu pinkeln. Wer pißt schon in sein Wohnzimmer? Damit die Türen nicht schließen, hat Sparks sie mit zwei großen Schienennägeln fixiert. Sparks schmeißt eine Runde |
Erfrischungstücher und meint, daß Inkpin der passende train name für mich sei. Ich bin einverstanden und mache ein paar Tortillas mir roten Bohnen fertig.
Wir sitzen da, lassen uns durchschütteln und gucken auf die vorüberziehende bergig-schroffe Landschaft Utahs. Direkt an den Schienen schlängelt sich der Jordan River entlang. An manchen Stellen sieht es so aus, als ob er bergauf fließen würde. Wir können die Forellen mit bloßem Auge sehen.
In Grand Junction, Colorado, ist kurz nach Mitternacht Endstation. Sparks sagt, ich solle aufpassen. Es gebe Skorpione hier und Klapperschlangen. Plötzlich blendet uns jemand mit der Taschenlampe. Sparks greift instinktiv zum Messer. Doch es ist nur der Zugführer. Er fragt uns aus dem Fenster seiner Lok heraus, wo wir hin wollten. Er würde gleich in Richtung Osten über die Rocky Mountains nach Pueblo abdampfen. Wir können in der letzten Lok seines Zuges mitfahren.
Das Angebot braucht er uns nicht zweimal zu machen. In der Lok sind Sitze - gut für mein lädiertes Hinterteil. Und ein Klo mit Waschbecken. Außerdem besitzt die Lok Stoßdämpfer und eine Heizung. Das ist viel wert, wenn es über die kalten Berge geht.
Die Strecke, die vor uns liegt, sagt der Zugingenieur, der uns ein Sixpack Trinkwasser nach hinten bringt, gehöre nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den härtesten und damit zu den unfallreichsten in ganz Amerika. Erst vor ein paar Tagen seien die ersten Waggons eines Güterzuges abgestürzt, weil er zu schnell |
gefahren ist.
"Die Lokcrew ist bei dem Unfall ums Leben gekommen", erzählt er. "Nur ein Tramp hat überlebt. Der hat nicht mal was mitgekriegt, schlief fest auf einem einem der unversehrten Waggons am hinteren Ende des Zuges. Als die Rettungssanitäter ihn weckten, wollte er nur wissen, wann es endlich weitergehe."
Wir passieren Arkansas River, das Ski-Eldorado von Aspen, wo Hollywoodgrößen wie Jack Nicholson, Don Johnson oder Arnold Schwarzenegger Grund und Boden besitzen, und haben kurz hinter dem Slalom- und Abfahrtsmekka Vail freien Blick auf den höchsten Berg der Rockies - den Mount Elbert (4399 Meter).
Wie verabredet stoppt der Zug kurz vor Pueblo, um uns abspringen zu lassen. Wir nehmen uns Zimmer im "Best Western Town Motel". Meine Sehnsucht nach einer Badewanne ist einfach zu stark. Aber ich habe kein Bedürfnis, in die Röhre zu schauen, Telefonate zu führen oder Zeitungen zu lesen.
Den Abend verbringen wir in einer Texasbar mit ausgestopftem Grizzly im Eingang und Klapperschlangen an den Wänden. Ein paar Mexikaner spielen Billard. Der Verlierer zahlt eine Runde Tequila. Betrunkene Indianer starren mit trüben Augen und herunterhängendem Kinn in ihr Bier. Rock und Blues hämmern aus der Jukebox. Zu Johnny Winter, Jimi Hendrix, Crying Wulf und John Lee Hooker trinken wir Bud und Wodka, bis wir anfangen zu lallen.
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Als wir weiter Richtung Texas wollen, treffen wir den 62jährigen Roy und seinen 28jährigen Stiefsohn Michael. Sie trampen seit fünf Jahren gemeinsam durch die Staaten. "Es ist schön, sich keine Sorgen mehr wegen Miete und dem ganzen Krempel machen zu müssen", sagt Roy. "Wir haben wenig", sagt Michael, "deshalb sind wir glücklich."
Willy, Anlageberater aus Chicago, hat viel und ist ziemlich betrübt, daß seine Güterzugferien sich dem Ende zuneigen. Der 38jährige ist schon wieder auf dem Weg nach Hause. Zu seiner Familie, dem Penthouse, dem gutdotierten Job, den Freunden.
"Ich war drei Wochen unterwegs und hab jetzt wieder Sauerstoff in der Lunge, Blut in den Adern und Mark in den Knochen. Trotzdem, die ersten paar Tage Chicago werden für mich sicher ganz schön hart. Ich werd' die guten alten Schienenstränge vermissen", sagt er.
Am nächsten Morgen erwischen wir den Zug nach Amarillo und fahren durch die endlose Weite der Prärie: ausgetrocknete Flußtäler, riesige Kakteen, knorrige Sträucher, steile, rötliche Felsen. Wir verlassen Colorado und kreuzen New Mexico und rattern mit 40 Meilen pro Stunde auf unser Ziel zu.
Als wir ankommen, ist es dunkel. Starker Wind wirbelt Staub, Pappbecher und alte Zeitungen durch die Luft. Eine vergilbte Amarillo Daily News, die vor meinen Füßen landet, titelt: Rauchen in den Stadtparks verboten. Sparks zündet sich eine Fluppe an und lacht: "Oh, ich liebe Texas."
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Um an den Schienenstrang nach Dallas zu kommen, müssen wir ein paar Meilen zu Fuß gehen. Außen um den Bahnhof herum, weil der hiesige Cop gerne Handschellen klicken lässt.
100 Meilen vor Dallas - der Enstation meiner Reise - stoppt der Zug abrupt. Die Eisenbahnbrücke ist abgebrannt. Wir nehmen ein Taxi. Weil für mich ab heute Fahrpläne wieder gelten. Weil ich den Flieger schaffen muss.
Während der Fahrt auf dem Highway schweigen wir. Es ist ein anderes Schweigen als auf den Zügen. Irgendwie wehmütig. Ich gucke durch die Scheiben des klimatisierten Wagens und denke, die gleiche Landschaft kann viel spannender sein.
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Im Dorf der Bärte / Die Woche (1 Seite) / 1995
Im Dorf der Bärte
1700 Einwohner, 251 Bartträger und diverse Weltmeister – nirgendwo in
Deutschland sprießen Gesichtshaare so extravagant wie in Höfen an der Enz.
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Foto: Agentur |
Ein Mann, der keinen Bart trägt, ist nur ein halber Mann. Und wenn Ewald Ziegler es sich recht überlegt, und dabei verzieht er das Gesicht vor Verachtung, ist ein Mann ohne Bart wahrscheinlich überhaupt gar kein Mann mehr. „Das ist wie ein Baum ohne Ast, wie Suppe ohne Salz“, sagt der Bartträger und macht eine kleine Pause. „Ihm fehlt das Wichtigste.“ Seiner eigenen Logik entsprechend, ist er ein Prachtexemplar von einem Mann. „Ein ganzer Kerl“, wie er glaubt, „mit allem Drum und Dran.“
Der dichte, braune Vollbart, der sein Gesicht rahmt und bei dem jedes Haar akkurat sitzt, ist für den 42jährigen Schwarzwälder „mein wertvollstes Stück“: 40 Zentimeter lang. Sein ganzer Stolz. „Mit dem Bart ist mein Selbstbewußtsein gewachsen. Zentimeter um Zentimeter. Durch ihn bin ich ein anderer Mensch geworden.“
Es mag Zufall sein oder auch nicht, in der |
Bevölkerung von Höfen, Zieglers Heimatdorf im Schwarzwald mit 1700 Einwohnern, scheint es mehr echte Männer auf einem Haufen zu geben als überall sonst in dieser Republik. 251 von ihnen haben sich zum Höfener „Bart- und Schnorresclub e.V.“ zusammengefunden. Männer zwischen 25 und 85 Jahren. Ob Bierfahrer, Steinmetz, Arzt, Hotelier, Verkehrsamtsleiter oder Bürgermeister – im Dorf der Bärte gehört es zum guten Ton, Mitglied im Bartclub zu sein. Rasierte Männer dagegen stehen im gesellschaftlichen Abseits und gelten als Spaßverderber.
So pflegt der Höfener Ewald Ziegler den Hang zum Bart schon seit seiner Jugend, als sich der erste Flau | |